Im Kino: "Suburbicon" : Hier gibt’s auf die Nase

Star-Ensemble auf Retrokurs: George Clooney, Matt Damon und Julianne Moore in der Kleinstadtsatire „Suburbicon“.

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Amerikanischer Traum. Gardener Lodge (Matt Damon) und seine Schwägerin (Julianne Moore) gehen über Leichen.
Amerikanischer Traum. Gardener Lodge (Matt Damon) und seine Schwägerin (Julianne Moore) gehen über Leichen.Foto: Concorde

Das Leben in Suburbicon hat seine Annehmlichkeiten. Die 60 000-Einwohner-Siedlung vom Reißbrett ist der Gegenentwurf zur amerikanischen Nachkriegsmoderne der fünfziger Jahre. Es gibt keine Rushhour, die Vorgärten sind sauber abgezirkelt, die Gemeinde verfügt über Schulen, eine Feuerwehr und sogar einen eigenen Kirchenchor. Vor allem aber bleibt man hier unter sich. Der kurze Werbefilm, der in George Clooneys sechster Regiearbeit „Suburbicon“ jovial die Vorzüge des Lebens in der Vorstadt anpreist, betont die Diversität seiner Bewohner: ein repräsentativer Querschnitt des good old America. Der Traum nach einem Leben in Wohlstand hat strahlende Mittelklassefamilien aus dem ganzen Land nach Suburbicon gebracht. Natürlich sind sie dennoch allesamt weiß, selbst – das ist die Pointe – die junge Familie aus Mississippi.

Rassentrennung ist noch tief in der DNA des Eisenhower-Amerikas verankert. Die Mayers-Familie, gerade in Suburbicon angekommen, bekommt das schnell zu spüren. Dem Briefträger klappt die Kinnlade runter, als die schwarze Frau an der Tür sich als Dame des Hauses und nicht als Dienstmädchen vorstellt, auf der Gemeindesitzung wird eine offizielle Erklärung vorgetragen, in der die Anwohner auf ihr Recht pochen, unter ihresgleichen zu leben.

Das Drehbuch stammte ursprünglich von den Coen-Brüdern

Die Bilder von wutverzerrten Gesichtern weißer Amerikaner (und Amerikanerinnen) sind inzwischen nur zu vertraut. Sie werden von den Medien seit der Wahl Donald Trumps herangezogen, um den kulturellen Bruch zu illustrieren. Man müsste für diesen gesellschaftlichen Befund nicht in die jüngere amerikanische Geschichte zurückgehen. Aber „Suburbicon“ greift ebenso auf einen alten Topos im Hollywoodkino – und in der amerikanischen Literatur – zurück. Der Werbefilm zu Beginn von Clooneys Satire bedient sich eines Bilder-Repertoires, das direkt aus der Kinogeschichte stammen könnte: den Filmen von Douglas Sirk, „Die Frauen von Stepford“, „Blue Velvet“, „American Beauty“ oder „Revolutionary Road“. Die Suburbia als Manifestation des Unheimlichen in der amerikanischen Gesellschaft – und ein Herd unterdrückter Gewalt.

Die Coen-Brüder haben in ihren eigenen Filmen die mentale Vervor- und Verkleinstädterung Amerikas – und dessen Gewaltfixierung – immer wieder genussvoll kommentiert. Ihr Drehbuch zu „Suburbicon“ datiert aus den späten achtziger Jahren. Die Brüder haben es im Frühstadium ihrer Karriere nie zur Reife gebracht und irgendwann scheinbar das Interesse verloren. Dreißig Jahre später merkt man dieses Manko auch der Verfilmung von Clooney an.

Das (weiße) Soziotop Vorstadt als Folge der Stadtflucht der arrivierten Mittelklasse in den Sechzigern erfährt gerade ja wieder neue mediale Aufmerksamkeit. Im Grunde beginnt das Lebensgefühl der Trump-Anhängerschaft gleich hinter der Stadtgrenze, in den gated communities und an der traditionell konservativen Peripherie der Metropolen. Und ist eben nicht ausschließlich ein Phänomen im abgehängten „Rostgürtel“ der USA. (Bei der letztjährigen Präsidentschaftswahl erzielten die Republikaner eines ihrer besten Ergebnisse in Beverly Hills, gewissermaßen im Herzen der Filmindustrie). Was hätte „Suburbicon“ unter dieser Prämisse also für ein böser Film werden können!

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