Islamvideo : "Diffamieren befördert die Aufklärung nicht"

21.09.2012 13:59 Uhrvon
Die Islamexpertin Gudrun Krämer fordert dazu auf, die gemäßigten Kräfte im Islam sichtbarer zu machen und Fundamentalisten auszugrenzen. Foto: dpa
Die Islamexpertin Gudrun Krämer fordert dazu auf, die gemäßigten Kräfte im Islam sichtbarer zu machen und Fundamentalisten auszugrenzen. - Foto: dpa

Ein schlecht gemachter Mohammed-Film hat genügt, um den Hass in der arabischen Welt auf den Westen neu anzustacheln. Im Tagesspiegel-Interview spricht die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer über Rücksicht auf religiöse Gefühle und das Bilderverbot im Islam.

Frau Krämer, haben Sie sich das Schmähvideo angeschaut, das so viele gewalttätige Proteste zur Folge hatte?

Nein, nur in Ausschnitten. Das Video bringt ja keine differenzierte Meinung zum Ausdruck, sondern will einen Zweck erfüllen: die Beleidigung der Muslime. Das muss ich mir nicht anschauen.

Warum genügt auch nach dem arabischen Frühling ein mieses Filmchen als Zündfunke, damit vielerorts erneut Hass auf Amerika und den Westen ausbricht?

In Ländern wie Ägypten, Tunesien, Jemen oder Indonesien ist die Bevölkerung so wenig einheitlich wie in Deutschland.

Diejenigen, die in Kairo, Tripoli oder Bahrein mit dem Wunsch nach Freiheit, Demokratie und Partizipation auf die Straße gingen, bilden nur einen Teil ihrer Gesellschaft. Künstler und manche Intellektuelle einmal ausgenommen, ging es den meisten um politische und wirtschaftliche Freiheit, weniger um eine offenere Gesellschaft, eine freiere Moral oder die Meinungsfreiheit. Ihre Gegner sind, wenn man so will, Hardcore-Islamisten, die die vom Koran und vom Propheten vorgegebene Ordnung nicht infrage gestellt sehen wollen. In Deutschland nehmen wir meist nur die hasserfüllten, gewalttätigen Kräfte wahr.

Es ist nur eine kleine Minderheit?

Die aufgebrachten, fanatisierten Massen sind eine Realität. Aber die jungen Männer – es sind so gut wie keine Frauen dabei – verkörpern nicht das ägyptische, afghanische oder pakistanische Volk. Die große Mehrheit missbilligt zwar ebenso die Beleidigung des Propheten, würde deshalb aber nicht gewalttätig werden. Übrigens ist die verbreitete Vorstellung falsch, vor allem die Ungebildeten seien fanatisch: Gerade die militanten Islamisten sind oft gut ausgebildet.

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Warum gibt es bei vielen Muslimen in Fragen der Religion eine besonders große Empfindlichkeit?

Angriffe auf den Islam werden von den meisten als das verstanden, was dieses Video bezweckt: als gezielte Provokation und Verletzung. Muslime sind da weniger abgebrüht und „tolerant“ als die Mehrheit der Deutschen. Das ist ihr gutes Recht. Und wie bitte soll ein Schmuddelvideo hilfreich sein für die Auseinandersetzung mit der eigenen Religion und Kultur?

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