Juden in Frankreich : Frankreich ist nicht antisemitisch

Anschläge, Terror, Gewalt, islamischer und traditioneller Antisemitismus - das ist nur die eine Seite jüdischen Lebens ins Frankreich. Die Mehrheit der französischen Juden will trotzdem bleiben.

Benjamin Korn
Verwurzelt. Jüdischer Imbissladen in der Rue des Rosiers im Pariser Stadtviertel Marais.
Verwurzelt. Jüdischer Imbissladen in der Rue des Rosiers im Pariser Stadtviertel Marais.Foto: mauritius images

Es gibt Antisemitismus in Frankreich, aber Frankreich ist nicht antisemitisch. Judenhass existiert in bestimmten Zonen, während man in andern völlig unbehelligt leben kann. Das ist eine Variante der Judenfeindschaft, für die es kein historisches Beispiel gibt: Stadtteilantisemitismus. Er entstand zur Zeit der zweiten Intifada und hat nichts mit dem epidemischen Rassenhass der Dreyfus-Affäre zu tun, der sich ja gleichmäßig auf die ganze französische Gesellschaft verteilte, auch nichts mit dem Staats-Antisemitismus der Kollaborationsregierung von Vichy, die die Juden zu Parias erklärte und die Nürnberger Gesetze ausrief, bevor die deutschen Besatzer es verlangten. Dies ist kein Rassismus, den Frankreich erzeugte, sondern ein importierter. Anfangs begleitete er stichflammenartig die Intifadas und kriegerischen Invasionen Israels im Westjordanland und Gazastreifen – und erlosch auch mit ihnen. Sein Zentrum waren die Banlieues, in denen bis heute der Irrglaube herrscht, in jedem Juden stecke ein Israeli (ein Missverständnis, das von der israelischen Regierung nach Kräften gefördert wird), was zu Pöbeleien, Schlägereien, Brandstiftung in jüdischen Geschäften und Synagogen führte – aber das religiöse Element, der tief innen brütende Hass, das Mörderische fehlte noch.

Der muslimische Antisemitismus, der sich nicht nur von den aus Syrien und Irak per Internet importierten Religionskriegen nährt, sondern vor allem von der ausweglosen Situation der Heranwachsenden in den Vorstädten Frankreichs, hat eine Geschichte, die bis zum bürgerkriegsähnlichen Aufstand in den Banlieues zurückreicht. „Abschaum“ nannte der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy ihre Bewohner und versprach, ihn „mit dem Kärcher“ zu säubern(vgl. meinen Aufsatz „Die Zunge hat keine Knochen“ im Tagesspiegel vom 24. 11. 2005). Die Antwort: Straßenschlachten in ganz Frankreich! Turnhallen, Autos, Kindergärten gingen in Flammen auf, vor Wut zertrümmerten die Aufständischen ihre eigenen Viertel. Das Warnsignal verhallte ungehört. Nichts geschah. Die Jugendarbeitslosigkeit ging seit den zehn nutzlos verschleuderten Jahren um keinen Punkt zurück. Nur die Hoffnungslosigkeit nahm zu. Die Mörder von Toulouse und Paris waren Gescheiterte, Kleinkriminelle, im Knast Radikalisierte.

"Ich habe keine Juden gerettet. Ich habe nur Menschen gerettet"

Es ist zwar Mode, soziologische Erklärungen für verstaubt zu halten und stattdessen tiefschürfende Reflexionen über die inhärente Gewalt des Korans anzustellen (war nicht schon Abraham bereit, auf Befehl Gottes seinen Sohn zu schlachten?), aber der Islamismus hat die Gewalt nicht erzeugt, sondern kanalisiert. Im Übrigen sind die Menschen frei, sich zu ihrer Religion zu verhalten. Der Mann, der das Massaker im Pariser Hypermarché Cacher anrichtete, war malischer Herkunft, und Lassan Bathily, der im Keller mehrere jüdische Kunden rettete, war gleichfalls Malier. Er arbeitete im jüdischen Supermarkt und betete fünfmal am Tag Richtung Mekka. Es war derselbe Islam, auf den sie sich beriefen. Nein, nicht derselbe! Der junge Retter führte für seine Tat nicht den Islam ins Feld. Gefragt, woher er den Mut und die Geistesgegenwart genommen habe, die Geiseln im (von ihm vorher abgeschalteten) Kühlraum zu verstecken, sagte er, er habe nicht lange nachgedacht, sondern auf sein Herz gehört. Und fügte ein paar Sätze hinzu, die man an den Sternenhimmel schreiben könnte: „Ich bin kein Held. Ich habe keine Juden gerettet. Ich habe nur Menschen gerettet.“

In den letzten Wochen schien es mir, als gäbe es zwei Frankreichs, jenes Frankreich, von dem die Medien berichten, und das Frankreich, das ich vor meinen Augen sehe. Das Frankreich der Schmierereien an Synagogen, der Kinder, die ihre Kippas verstecken, der Familien, die panikartig nach Israel flüchten – und das Frankreich, das mir am Place de la République begegnet: Alte Männer reden lautstark jiddisch, am Schabbes spazieren die Gläubigen mit Käppchen und Schläfenlocken gut gelaunt an meinem Haus vorbei, und im nahen Belleville existieren seit Jahrzehnten die algerischen und tunesischen Couscous-Restaurants friedlich neben den koscheren.

Die Anschläge sollten die Gemeinschaften gegeneinander aufhetzen und den Staat in einen Bürgerkrieg ziehen

Diese beiden Frankreichs befinden sich in derselben Stadt, und man kann nicht einfach sagen, dass der Bruch zwischen ihnen die reichen von den weniger wohlhabenden Vierteln trennt (obschon es stimmt, dass die schweren antisemitischen Ausschreitungen die begüterten Viertel verschont haben, in denen bekanntlich diskreter gehasst wird). Nein, gerade in den Vorstädten, in denen sich die maghrebinischen Juden niedergelassen haben, etwa im „kleinen Jerusalem“ Sarcelles, wo von 60 000 Einwohnern 15 000 jüdischer Abstammung sind, gab es eine spannungsfreie Koexistenz, bis auf einmal von Unbekannten ein jüdisches Lebensmittelgeschäft mit einer Handgranate und die Synagoge mit einem Molotowcocktail attackiert wurde. An der Porte de Vincennes waren, bis zum Massaker im jüdischen Supermarkt am 9. Januar, die nachbarschaftlichen Beziehungen besonders herzlich; man wünschte sich ein „schönes Chanukka“ oder einen „guten Ramadan“, lud sich gegenseitig zum Essen ein, arbeitete in den Geschäften der andern. Eben dieses gute Einvernehmen sollten die Anschläge zerstören.

Ihr Sinn ist, die Gemeinschaften gegeneinander aufzuhetzen und den Staat, dessen Soldaten und Polizisten gleichfalls Opfer blutiger Attentate waren, in einen Bürgerkrieg hineinzuziehen. Die fünf Millionen Muslime, die in Frankreich leben, wären dafür ein unerschöpfliches Reservoir – wenn sie sich bisher nicht erstaunlich ruhig und staatstreu verhalten hätten. Bisher haben sie sich in ihrer Mehrheit, trotz der Angriffe auf ihre Moscheen und Institutionen, die seit Januar dramatisch zunehmen, und trotz der Entflammbarkeit der religiösen Gefühle, nicht zu gewaltsamen Aktionen verführen lassen.

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