Julia Hummer in "Top Girl" : Helena und die Hure

Julia Hummer ist das „Top Girl“ im Forum-Film von Tatjana Turanskyj. Darin spielt sie eine gewagte Doppelrolle: als alleinerziehende Mutter - und als Prostituierte Jacky, die ihre Freier mit Umschnall-Dildos bedient. Für die Einarbeitung in die Rolle besuchte Hummer einschlägige Foren.

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Als Catwoman Freierträume erfüllen: Julia Hummer als Prostituierte Jacky
Als Catwoman Freierträume erfüllen: Julia Hummer als Prostituierte JackyFoto: Berlinale

Wir treffen uns vor dem Hamburger Schauspielhaus, gegenüber dem Hauptbahnhof, wo die Junkies mit Klassik beschallt werden. Fast hätte man die junge Frau mit rosa Basecap, schwarzem Kapuzenpulli und ausgelatschten Turnschuhen übersehen, die plötzlich auftaucht. Sie könnte jetzt nach Kleingeld fragen, aber sie sagt: „Hi, ich bin Julia Hummer.“ Einem zerlumpten Menschen, der sie im selben Moment von der Seite anschnorrt, drückt sie eine Zigarette in die Hand und murmelt mit leicht schiefem Lächeln: „Karma-Punkte sammeln“.

Wenn das kein filmreifer Auftakt ist für ein Gespräch über Schönheitsideale, Schauspielereitelkeiten und Frauenbewegungen. Julia Hummer, mittlerweile 33, inszeniert sich nicht. Sie ist so frei von Posen und Allüren, dass sie in ihrer Branche fast wie ein Alien wirkt. Sie sitzt vor einer Tasse Kaffee im Kellercafé des Schauspielhauses und spricht über den Film „Top Girl“ von Tatjana Turanskyj, den sie selbst erst am Vorabend auf DVD gesehen hat. Eine Doppelrolle spielt sie darin. Die alleinerziehende Mutter und Schauspielerin Helena, die vor längerer Zeit mal Serienheldin war („Die Mädchen-Polizei“!) und heute vergebens die Castings abläuft. Und die Sexarbeiterin Jacky, in die Helena sich verwandelt, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Ich wollte eine Figur schaffen, die keine Klischee-Prostituierte ist“, sagt Hummer. Sie habe bewusst nicht vor dem Dreh versucht, ihren Körper im Fitnessstudio in Perfektform zu bringen. Sondern eine normale Frau zeigen wollen. „Hat auch viel Mut gekostet“, sagt sie noch, eher beiläufig. Es geht beachtlich auf.

Ihre Jacky bietet ein Sortiment von Catwoman-Maske bis Umschnall-Dildo an, Dienstleistung eben. Hummer hat sich unter anderem in Freierforen im Internet auf die Rolle vorbereitet („Abgründe haben sich mir aufgetan“), ist in die Sexszenen mit dem Gefühl des Fremdbestimmtseins gegangen: „Die Hure ist die Schauspielerin, der Freier der Regisseur.“ Sie scheut vor solchen Schmerzmomenten nicht zurück, deswegen greift ihr Spiel einen so direkt an. Eine stille Widerständigkeit strahlt sie aus. Hummer hat auch darauf bestanden, dass ihr Kostüm freizügiger gestaltet wird, „die Leuten auf dem roten Teppich haben weniger an“. Überhaupt werde Sex ja nicht nur bei der Prostitution vermarktet. „Miley Cyrus nackt auf der Abrissbirne!“, amüsiert sie sich. „Was ist da schiefgelaufen?“

Julia Hummer in „Top Girl“
Julia Hummer in „Top Girl“Foto: Berlinale

Eigentlich hatte Julia Hummer 2005 ihren Abschied vom Film verkündet

Die Frage wirft auch Regisseurin Turanskyj in „Top Girl“ auf, dem zweiten Teil ihrer „Frauen und Arbeit“-Trilogie. Es geht um eine schöne neue Welt, in der den Frauen alle Optimierungsoptionen offenstehen. Von Botox bis zur Vaginalstraffung (die Nina Kronjäger als Coaching-Dompteuse anpreist). Was am Ende freilich auch nur der Marktlogik in die Hände spielt. Also: Braucht es eine neue Frauenbewegung?

Julia Hummer überlegt kurz. Sie sagt, das Thema beginne sie zu interessieren. „Vielleicht, weil ich mich jetzt erst als Frau wahrnehme, bin halt Spätzünderin.“ Das sei wohl ein typisches Ding ihrer Generation, ab 30 zu merken: „Ich werde langsam erwachsen.“ Auf der Leinwand konnte man ihren Abschied vom Mädchen 2010 beobachten, in dem Film „Carlos – Der Schakal“ von Olivier Assayas, in dem sie die Terroristin Nada spielte. Ein starker Part in einem „Golden Globe“-Film. Aber danach wurde Hummer nicht eben mit Angeboten überschüttet, warum auch immer.

Man darf ja nicht vergessen, dass Julia Hummer 2005, auf dem Höhepunkt dessen, was sie selbst ihre „erste Schauspielwelle“ nennt, ihren Abschied vom Film verkündete. Da war sie gerade für ihre Leistung in Christian Petzolds „Gespenster“ gefeiert worden, auch auf der Berlinale. Sie wollte lieber Musik machen. Tourte unter anderem mit „Julia Hummer and Too Many Boys“, schräg-schöner, eigenwilliger Folk-Pop, nicht dieses angestrengte Hamburger-Schule-Zeug.

War es im Rückblick die richtige Entscheidung? „Regrets, I’ve had a few“, fängt Hummer über ihrem Kaffee zu singen an, bester Laune nebenbei. „I did it my way. Lasse ich jetzt mal so stehen.“

Julia Hummer macht Schauspiel und Musik - aber hasst das Bussi-Roter-Teppich-Bohei

Im Moment spielt die Musik nicht die Hauptrolle, „die meldet sich wieder, wenn sie gemacht werden muss“. In der gegenwärtigen Phase ihrer Laufbahn ist Julia Hummer als gefragte Indie-Künstlerin in verschiedenen Projekten unterwegs. Arbeitet viel mit dem britischen Künstler Phil Collins. Dreht mit RP Kahl (der in „Top Girl“ ihren zahlenden Lover gibt) ein Neo-Noir-Movie in Los Angeles. Spielt in einem österreichischen Abschlussfilm eine strenge Musiklehrerin am Internat St. Blasien, „wo ich einen ganzen Knabenchor dirigieren darf“, da schwingt echte Vorfreude mit. Und was ist, wo man schon im Hamburger Schauspielhaus sitzt, mit Theater? Sie macht einen „Wuäh“-Laut und spricht ins Diktiergerät: „Julia Hummer macht Würggeräusche.“ Nein. „Ich kann es nicht und ich will es nicht. Oder andersrum.“ Sie sei, erklärt sie ernsthaft, eben eine Kameraschauspielerin. „Eigentlich mache ich ja nichts. Das war schon immer mein Ansatz. Dieses große Ausspielen, da sträubt sich meine Seele.“ Für die Bühne schwierig, stimmt schon. Welche bestürmend pure Präsenz dieses vermeintliche Nichts dagegen auf einer Leinwand entfalten kann, hat schon früher Kritiker und Zuschauer reihenweise hingerissen.

Julia Hummer liebt ihren Beruf. Bloß das Drumrum nicht. Konnte sie noch nie ertragen. Das Party-Bussi-roter-Teppich-Bohei, für das man am Ende noch neue Klamotten shoppen gehen muss, und wenn sie eines hasst, dann Shoppen. Dieser Teil der Arbeit überfordere sie, sagt Hummer. „Ich bin jemand, der sich unheimlich schlecht selbst verkaufen kann.“ Womit wir wieder beim Thema wären. Julia Hummer ist toll in ihrem neuen Film.

14.2., 20 Uhr (Colosseum 1), 15.2., 22.30 Uhr (Arsenal 1)

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