Junges Theater : Vergiss das Abi-Deutsch

Teenager bringen beim Jugendtheaterfestival Festiwalla im Haus der Kulturen der Welt ihre eigenen Erfahrungen auf die Bühne. Ein Blick hinter die Kulissen.

Cara Wuchold
Hoch hinaus. Die Jugentheatergruppe Die Zwiefachen probt an der Schaubühne ihr Stück „Leben spielen sterben“.
Hoch hinaus. Die Jugentheatergruppe Die Zwiefachen probt an der Schaubühne ihr Stück „Leben spielen sterben“.Foto: Vincent Schlenner

„Okay, jetzt ist mal Schluss hier mit Heule Beule. Wir machen das ultimative Opfer- Battle. Wir erzählen aus unserem Scheißleben und ihr bestimmt, wer von uns das größte Opfer ist.“ Zwölf Jugendliche posieren kampfbereit auf der Bühne. Noch proben sie, aber die Energie ist schon da. „Ich habe keinen Job“, ruft einer. Es hagelt Schläge mit blauen Schaumstoffstangen. „Und ich schaff’s erst gar nicht zu suchen.“ Mehr Hiebe für jedes Geständnis, immer setzt einer noch einen drauf.

Ensemblemitglieder der Zwiefachen erzählen hier von sich. Das ist eine Theatergruppe der Schaubühne, die überwiegend aus Jugendlichen aus betreuten Wohnprojekten besteht. In ihrem Stück „Leben spielen sterben“ stellen sie sich vor, dass sie nur noch einen Tag zu leben haben und stellen die Frage, was anders hätte laufen sollen – und was noch zu tun bleibt. Die Gruppe ist mit der Inszenierung zu Gast auf dem Jugendtheaterfestival Festiwalla, das am Mittwoch im Haus der Kulturen der Welt startet. Es findet bereits zum dritten Mal statt . Auch dort ist ordentlich Druck im Kessel, was schon das Motto verrät. „Was heißt hier bildungsfern?!“, fragen die Veranstalter vom Jugendtheaterbüro. Um Bildung, Einbildung und Rollenbilder soll es in den vier Festivaltagen gehen, und um Zuschreibungen wie bildungsfern.

Das Jugendtheaterbüro sitzt in einem Kirchenanbau in Moabit. Viel Geld steht hier nicht zur Verfügung. Im dritten Stock steht ein rosa Sparschweinchen im Regal. Jemand hat einen „Liebe“-Sticker auf den Rüssel geklebt. Liebe und Leidenschaft, die braucht es wohl an diesem Ort. Im letzten Jahr ging dem Projekt die Förderung aus, die Jugendlichen kamen trotzdem – und die Mitarbeiter auch. Jetzt gibt es wieder finanzielle Unterstützer, aber die Mittel sind knapp. Im November soll mithilfe von freiwilligen Helfern renoviert werden. Der Kühlschrank ist verbeult, der Laminatboden rissig, die Sofas durchgesessen. Vom Proben für das Festival hält das allerdings niemanden ab.

„Wir erleiden politische Unterdrückung“, schallt es aus einem der Räume – eine Zeile aus dem Stück „Schwarzkopf BRD“. Darin beschäftigen sich die Jugendlichen mit afroamerikanischen Bürgerrechtlern wie Malcom X oder Angela Davis und ihrem Kampf um Anerkennung. Sie ziehen Parallelen zur Situation der Migranten in Deutschland und spannen den Bogen bis hin zu den Morden durch den NSU. „Geschichtsunterricht von unten“ nennen sie das. Viele der Jugendlichen haben türkische oder arabische Wurzeln, kämpfen im Alltag gegen Vorurteile und wollen vor allem eins: sich Gehör verschaffen. Und die Deutungshoheit über ihr Leben. So wie Mohammed, der bei „Schwarzkopf BRD“ Regie führt und seit sieben Jahren mitspielt im Jugendtheaterbüro. „Hier wird Interesse für mich gezeigt. Hier habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken nicht verrückt sind. Es geht nicht nur um ‚Guck mal, ich bin auf der Bühne’, sondern, darum, dass ich Themen anspreche, die uns alle betreffen.“

Genauso wie Saira und Dalia, die sich für das diesjährige Festiwalla die Geschlechterverhältnisse vorgeknöpft haben. Saira arbeitet als Erzieherin und war irritiert über die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern in ihrem Beruf. In ihrem Stück „90/60/90 – Rollenscheiß“ landet eine Gruppe von jungen Frauen im Barbie Dreamhouse. Sie backen Cupcakes, wienern Böden, tanzen im Tütü und tappen von einem Frauenklischee ins nächste, und wissen eigentlich: Das kann es nicht sein. „Jedes Mädchen will ’ne Barbie sein. /Brav, leise, keine Meinung? /Nein! Wir stehen jetzt auf und zeigen unser Gesicht./Mit der Männerwelt gehen wir hart ins Gericht.“ Im Erdgeschoss des Jugendtheaterbüros rappt sich Saira auf der Bühne warm, die anderen fallen mit ein und schlagen den Takt dazu.

Zurück zu den Zwiefachen. Auch hier wird weiter eifrig geprobt. Der Teppich im gut ausgestatteten Studio der Schaubühne leuchtet rot. „Wir haben einfach den Vorteil einer privilegierten Plattform, mit Strukturen eines wohlorganisierten Theaters“, dessen ist sich die Theaterpädagogin Uta Plate bewusst. Diesen Raum will sie Jugendlichen wie Alex von den Zwiefachen bieten. Der 24-Jährige brach früh die Schule ab, hat Risse in seiner Biografie und hinterfragt, was normalerweise auf der Bühne verhandelt wird – und von wem. „Theater will die Gesellschaft quasi durchkneten und reflektieren, und das geht ja nicht, wenn man da einige Zutaten rauslässt aus dem Teig. Denn dann werden die gar nicht wahrgenommen. Aber wir arbeiten damit“, sagt er.

Dass viele Geschichten ungehört bleiben, hat auch etwas mit festen Bildungsvorstellungen zu tun. „Ich möchte Kultur machen, auch ohne Abi-Deutsch“, diesen Satz schnappte Uta Plate letztens von einer Jugendlichen auf, und kann ihn nur bestätigen. „Bei einem Jugendlichen, der das sogenannte Abi-Deutsch nicht spricht, steht eigentlich schon fest, dass er auf einer Schauspielschule nicht zugelassen wird. Weil ihm unterstellt wird, dass er dann auch Goethe nicht sprechen und denken können wird. Da findet schon eine Art von Selektierung statt, die ich ziemlich anstrengend finde.“ Deshalb hat sie sich mit der Schaubühne dem Bündnis „KulTür auf!“ angeschlossen, das auf dem Festival im HKW vorgestellt wird, und dem neben dem Jugendtheaterbüro als Initiator auch das Deutsche Theater angehört. Es geht darum, neue Zugänge zur Kultur schaffen, Aufmerksamkeit und Mitbestimmung auch innerhalb der großen Kulturinstitutionen zu erreichen.

Festiwalla leistet Basisarbeit, indem es jene Barrieren thematisiert, die der gesellschaftlichen Anerkennung der Jugendlichen im Wege stehen. Es möchte eine Bildungsdebatte anstoßen, in der einmal nicht Richard David Precht und Co. zu hören sind, sondern die Betroffenen selbst. „Der Mensch ist ein Individuum und jeder lernt anders. Es kann nicht darum gehen, Stereotypen zu erschaffen“, meint Samantha von den Zwiefachen. Schon Humboldt wusste, dass hinter Bildung weit mehr als die Aneignung eines Wissenskanons steckt. „Wir sind keine Roboter, denen man einen Chip mit Wissen einpflanzt“, sagt Mohammed am Rande der Proben, „wir müssen auch seelisch auf die Welt vorbereitet werden.“ Das Jugendtheater scheint dafür ein Ausgangsort zu sein.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 16. bis 19. Oktober.

Eintritt frei. www.festiwalla.de

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