Jurjews KLASSIKER : Beschützer der Herden

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Dmitrij Prigow, der Autor vieler wunderbarer Scherz- und Spottgedichte, schrieb einmal über Puschkin: „Schaust du dir ihn heut` ganz genau an, / Ist der Puschkin, der Dichter, / Vielmehr ein Fruchtbarkeitsgott, / Und ein Beschützer der Herden, / Und der Vater des Volkes...“ Prigow zieht hier den allgemeinen russischen Puschkinkult durch den Kakao. Am Ende schlägt er vor, die Gedichte von Puschkin zu verbieten, sie seien der Göttlichkeit des Göttlichen unwürdig. Bei allem Spott ist in diesem Gedicht eine tiefe Wahrheit enthalten: Die russische Kultur ist eine Art säkulare Religion, in der Alexander Puschkin (1799 - 1837) die Stelle eines Allmächtigen und Allwissenden einnimmt. Und so wird es bleiben, trotz allen Scherzen (Russen verspotten gerne das, was sie verehren), solange diese Kultur Bestand hat.

Das ist den Ausländern nicht geheuer. Wie viele Male musste ich liebe deutsche Kollegen trösten, die anhand der Übersetzungen keinesfalls begreifen konnten, weshalb Puschkins Gedichte so großartig sein sollten. Das sind Nachahmungen der westlichen Romantik, hieß es, nichts Neues, nichts Interessantes... Nein, wir glauben euch selbstverständlich, aber wir sehen es leider nicht. Was die Gedichte anbelangt, die zuletzt vor zehn Jahren in der Übersetzung von Michael Engelhard und Rolf-Dietrich Keil im Insel Verlag erschienen, kann man einem Nicht-Muttersprachler so gut wie nichts veranschaulichen: Ja, meistens sind das romantische Variationen, aber! Die Verse sind perfekt. Ich würde sogar behaupten, Puschkins Nachahmungen von Lord Byron sind besser als der Lord selbst. Beweisen kann ich es nicht.

Nur im Fall von Puschkins Prosa, die in der Friedenauer Presse in einer neu durchgearbeiteten Übersetzung von Peter Urban erschienen ist („Die Erzählungen / Die Romane“, 2 Bände mit Schmuckbanderole, 50 €) könnten auch Nicht-Muttersprachler, die sich für die russische Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begeistern, interessante Erkenntnisse gewinnen. Ein beinahe mystischer Eindruck entsteht, dass alles, buchstäblich alles, was in der Literatur Russlands nach Puschkin geschah, bis ins tiefe 20. Jahrhundert hinein in seinen Texten in komprimierter Form vorformuliert ist. Puschkins Werk wäre somit das Genom der russischen Literatur.

Der Leser der „Hauptmannstochter“, für mich die vollkommenste Prosa, die je auf Russisch entstand, erkennt selbstverständlich, dass dieser Kurzroman über die Zeit des Pugatschow-Aufstands Ende des 18. Jahrhunderts ein Versuch ist, einen Walter-Scott-ähnlichen Erzähltypus zu etablieren. Unverkennbar auch, wie viel von der „Hauptmannstochter“ in Leo Tolstois späteren Erzählungen, wie „Der Gefangene vom Kaukasus“ oder „Hadschi Murat“, enthalten ist.

„Die Erzählungen des verstorbenen Ivan Petrovic Belkin“, ein Zyklus von sehr knappen Geschichten, die unterschiedliche Stilvarianten ausprobieren, sind Formeln für Gogol in seinen Petersburger Erzählungen, für Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“, oder, noch wichtiger, für vieles in Tschechows Prosa. „Der Mohr Peters des Großen“, der wunderbare, leider unvollendete Roman über Puschkins Urgroßvater, lässt sich in Tolstois Versuchen wiedererkennen, ein Buch über Peter den Großen zu schreiben. Puschkins spätere Texte blieben übrigens oft unvollendet - als ob er nur verstehen wollte, wie diese oder jene Art Literatur funktioniert, und er, sofort nachdem er es verstanden hatte, den Text ruhen ließ, weil er für seine Zeit zu ungewöhnlich war. Oft sind winzige Textfragmente, ein paar Seiten, eine halbe Seite, wie „Im Landhaus *** trafen die Gäste ein...“, von großer Bedeutung für die Zukunft der russischen Literatur.

Man kann nicht sagen, dass diese Fragmente spätere Dichter beeinflussten, weil sie ungedruckt blieben, bis die ersten „akademischen Gesamtwerkausgaben“ erschienen. Es geht hier also nicht um Einflussnahme, sondern um eine Voraussage! Habe ich Sie überzeugt? Ein Normalsterblicher könnte das wohl nicht zustande bringen, nicht wahr? Glauben Sie mir einfach: Puschkin ist ein russischer Lokalgott, der sich, neben dem Schutz der Herden und der Ernte, auch um die Literatur sorgt!

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