Jurjews KLASSIKER : Der unkoschere Anarchist

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Als ich im Tagebuch von Erich Mühsam las: „... hatte heute morgen brillantesten Stuhlgang“ – da war es um mich geschehen! Ich war für immer verliebt: in einen Menschen, der klagt: „Ich muss gradezu mit dem linken Fuß zuerst aus dem Mutterleibe gestiegen sein. Denn am Ende habe ich doch alles: Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch. Aber trotzdem! – Und ebenso mit den Frauen! Jede hat mich gern, aber keine liebt mich! – Wenn ich an den lieben Gott glaubte, – wie müsste ich ihn hassen!“ Verliebt in einen Dichter, der über sich schreibt: „Ich glaube nicht größenwahnsinnig zu sein, wenn ich behaupte, dass es nicht viel Gedichtbücher gibt, in denen schönere Verse, und auch nur wenige, in denen mehr schöne Verse stehn. Es ist ein wahrer Skandal, daß ich nicht viel mehr anerkannt werde.“ In der Tat!

Trotzdem muss Erich Mühsam, der am 6. April 1878 in Berlin geboren wurde, als Sohn eines reichen jüdischen Apothekers in Lübeck aufwuchs und am 11. Juli 1934 im KZ Oranienburg getötet wurde, nicht großartig vorgestellt werden: Er ist unvergessen. Seine Bekanntheit wächst und wächst sogar, besonders rapide, seit im Berliner Verbrecher Verlag eine auf 15 Bände angelegte Ausgabe seiner Tagebücher erscheint.

Der erste Band des Tagebuchs beginnt am 22. August 1910 in einer Schweizer Klinik, wo Mühsam nach Untersuchungshaft in München (wegen Geheimbündelei; freigesprochen) seine Gesundheit bessert. „Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen ...“ Diese Hefte, 42 an der Zahl, die er bis zu seiner Entlassung aus der Festungshaft 1924 (er war Regierungsmitglied in der Räterepublik gewesen) mit persönlichen, literarischen und politischen Empfindungen und Geschehnissen füllte, erwartete ein bizarres Schicksal.

Zehn Jahre später, kurz nach seinem Tod, wanderte seine Witwe, Kreszentia „Zenzl“ Elfinger (1884 –1962), das gerettete Archiv im Gepäck, zunächst nach Prag und später nach Moskau aus. Die Kominterngenossen interessierten sich für den Nachlass des zwar offen antimarxistischen, aber durch seine satirischen Schriften und seinen wahrlich heroischen Tod legendär gewordenen Poeten und Publizisten.

Zenzl wurde versprochen, dass Mühsams Werke in viele Sprachen übersetzt würden, was freilich nicht geschah. Wahrscheinlich erwiesen sich seine Schriften als unverwertbar für die schlichte sowjetische Propaganda. Am 23.4.1936 wurde sie verhaftet. Nach fast zwei Jahrzehnten in Straflagern und in sibirischer Verbannung durfte seine Witwe 1954 ausreisen – in die DDR. Ihr folgten Mikrofilme des Mühsam-Nachlasses, die der ostdeutschen Akademie der Künste (nicht der Witwe!) übergeben wurden. Acht Hefte aus den Jahren 1910/11 und 1916-1919 gelten als verschollen, wobei nicht klar ist, wo sie zu suchen sind: beim KGB, bei der Komintern oder im Moskauer Institut für die Weltliteratur.

Die übergebenen Hefte erfuhren in der DDR sämtliche Höhen und Tiefen des offiziellen Interesses an Mühsam, der immer „unkoscher“ blieb, was er wahrscheinlich mit der ihm eigenen fröhlichen Kindlichkeit gern bejaht hätte. Nach der Wende kam die Suche nach willigen Verlagen – jetzt wurde nicht die Ideologie, sondern die Ökonomie zum Hindernis für die Veröffentlichung der 8000 Tagebuchseiten. Schließlich entschieden Chris Hirte und Conrad Piens, die Herausgeber des Tagebuchs, die Aufzeichnungen ins Netz zu stellen, bis im Sommer 2011 der Verbrecher Verlag damit begann, den Text ohne Kommentar und Register zu publizieren.

Der erste Band ist wunderschön geworden, braucht zum besseren Verständnis aber die Erläuterungen unter der Adresse http://muehsam-tagebuch.de. Ich halte diese Teilung für eine hervorragende Lösung, und bin schon sehr gespannt auf Band zwei, der im Frühjahr folgen soll: nicht nur des Zeitgeschichtlichen wegen und wegen der faszinierenden Persönlichkeit dieses anarchistischen Poeten, der in sich die Eigenschaften eines verzogenen Kindes mit denen eines Helden, eines Bohemiens und eines überaus fleißigen Literaten vereinte, sondern einfach wegen der 8000 Seiten zauberhafter Prosa, die uns erwarten.

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