Jurjews KLASSIKER : Die drei Augen des Iwan Gontscharow

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Seit meiner Kindheit bin ich davon fasziniert, dass alle Titel von Iwan Gontscharows drei Romanen mit einem O beginnen: „Obyknowennaja istorija“ (Eine alltägliche Geschichte, 1847), „Oblomow“ (1859) und „Obryw“ (Die Schlucht, 1869). Bis heute habe ich nicht deuten können: Was wollte uns – mir! – der Autor mit diesem „O – O – O“ sagen? Ich denke immer noch darüber nach, die drei Os schauen dabei auf mich wie ... drei Augen. Ja, Augen!

Zwei normale, die das sehen, was zu sehen ist. Das linke, der erste, kurze Roman „Eine alltägliche Geschichte“, eine virtuose Satire über einen jungen Romantiker, der durch den Einfluss seines welterfahrenen Onkels zum alterslosen Zyniker wird – der Weg eines flinken Poetenfischs zur Beamtenmeduse. Das rechte Auge, „Die Schlucht“, der letzte Roman Gontscharows, fokussiert auf die russische Provinz Mitte des 19. Jahrhunderts.

Es gibt aber noch das dritte Auge, das Röntgenauge in der Stirnmitte: „Oblomow“! Dieses Auge sieht in uns, ja in jedem Menschen der russischen und nicht nur der russischen Zivilisation wahrscheinlich alles, in jedem Fall aber viel mehr, als der Autor sich denken konnte. „Oblomow“, der bei Hanser zum 200. Geburtstag seines Verfassers gerade in einer Neuübersetzung von Vera Bischitzky erschienen ist, die den Rhythmus des Originals zu bewahren versucht, wurde sofort nach Erscheinen geliebt, auch im Ausland – wenngleich wohl aus anderen Gründen.

Die Russen sehen in der Titelfigur eine Art Spiegel, in dem sie sich erstaunlicherweise gut gefallen. Sie entdecken einen talentierten, gütigen, intelligenten, vielleicht etwas willensschwachen, aber durch und durch sympathischen Menschen, der sich dem Schmutz des „wirklichen Lebens“ verweigert: Ja, so sind wir, wenn wir nur wollten, könnten wir alles sein. Diese Welt ist zu schlecht für uns!

Zugleich ist der Name Oblomow als Synonym für einen Faulenzer in die russische Umgangssprache eingegangen, ich wurde selbst nicht nur einmal von meinem Großvater Oblomow gerufen, wenn er meinte, dass ich mich vor einer nützlichen Tätigkeit drücke. Die Sprache ist oft nüchterner und realistischer als die Menschen, die sie sprechen. Im Westen wurde „Oblomow“ zumeist als Bild für das geheimnisvolle Russland gelesen. Mit seinen guten, gar rührenden Seiten, aber auch jenen, die es unfähig zu praktischer Tätigkeit machen. Weshalb es auf die Dienste eines guten Deutschen (mit Namen Stolz) angewiesen ist, der am Ende alles bekommt, in erster Linie Oblomows Braut, Olga, lies Russlands Seele.

Heute liest sich die Geschichte von Oblomow eher als pedantisch-detaillierte und sprachlich beeindruckende Krankheitsgeschichte. Der Faulenzer, der sich nicht zum Aufstehen entschließen kann, ist natürlich psychisch nicht ganz gesund. Heute, in unserer von den Pharmakonzernen beherrschten Welt, kann man die Vorstellung nicht loswerden, dass eine kleine Tablette sein Leben ändern würde ...

Iwan Gontscharow hat im Unterschied zu seinem Helden ein langes, arbeitsames Leben gehabt, das vom Erfolg buchstäblich verfolgt war. Geboren 1812 in Simbirsk an der Wolga als Sohn eines reichen Kaufmanns, gestorben 1891 in Petersburg als pensionierter Beamter hohen Ranges, berühmter Schriftsteller, der jedoch mit seinem letzten Roman „Obryw“ in der Presse gescheitert war, was diesen melancholischen, ja griesgrämigen Menschen sehr verletzte.

Die „liberale Presse“ hatte sich wohl für Gontscharows Tätigkeit als Zensor und für seine giftigen Artikel gegen den „Nihilismus“, mit anderen Worten: Materialismus und politischen Radikalismus, gerächt. Um so mehr litt er, als er überzeugt war, dass einige Ideen zu „Obryw“, die er dem ehemaligen Freund Iwan Turgenjew anvertraut hatte, von diesem für die eigenen Romane „Das Adelsnest“ und „Am Vorabend“ verwendet worden waren. Der Plagiatsvorwurf hatte zu einem Autorenschiedsgericht geführt (mit Freispruch für Turgenjew). „Obryw“ ist übrigens lesenswert, voller merkwürdiger Figuren, ich würde seine Neuübersetzung der x-ten Neuübersetzung des „Oblomow“ vorziehen, obwohl auch die mich freut. Das dritte Auge Gontscharows röntgt weiter unsere Seelen, aber zur Vollständigkeit des Bildes braucht man auch das linke und das rechte.

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