Jurjews KLASSIKER : Falkenauge, sei wachsam!

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Auf dem „Lederstrumpfbrunnen“ im pfälzischen Edenkoben sind zu sehen: Nathanael Bumppo alias Lederstrumpf, alias Hirsch- bzw. Wildtöter, alias Pfadfinder, alias Falkenauge. Mit Hund und einem erlegten Auerhahn. Seine Freunde sind ebenfalls dabei: Freund Chingachgook, Freund Biber und der Illustrator Max Slevogt. Die Edenkobener meinen nämlich, dass der Held der Pentalogie von James Fenimore Cooper (1789 - 1851) ihrem Landsmann Johann Adam Hartmann nachempfunden worden sei, der in der amerikanischen Wildnis ein berühmter Trapper und Pfadfinder wurde. Und ein Falkenauge. Ich habe kein Falken-, dafür aber ein Russenauge, das geschult ist, sich überall Skurrilitäten zu merken: OPTIK HARTMANN steht direkt gegenüber. Macht Falkenaugen! Nein, steht da leider nicht.

Die Lederstrumpf-Pentalogie erschien von 1823 bis 1841. Sie begann mit „Die Ansiedler". Hier sehen wir den alten Bumppo und den ehemals stolzen, nun heruntergekommenen Indianer Chingachgook inmitten einer Frontiersiedlung, wie sie Cooper von Cooperstown, New York, kannte. Sein Vater hatte sie gegründet. Eigentlich endet hier die Bumppo-Geschichte: Die alte Rothaut stirbt, Bumppo bleibt zurück in der ihm fremd gewordenen Welt. „Die Prärie“ (1827), wo sich der greise Bumppo in neue Gebiete wagt, ist eher ein Versuch, den Erfolg des „Letzten Mohikaners“ (1826) zu wiederholen. Vom Ende ausgehend geht Cooper also zurück in die Vergangenheit, bis er in „Der Wildtöter“ die Jugend beider Freunde zeigt. Eben diese Pentalogie macht ihn zum Großen Amerikanischen Schriftsteller.

Und nicht nur, weil er einen historischen Roman auf der Grundlage der Geschichte und Natur Amerikas kreierte, sondern weil er den Indianer in die Literatur brachte. Genauer gesagt: zwei Typen von Indianern – nämlich den guten und den schlechten, wobei der böse Indianer, vergleichbar dem Huronen Magua im „Letzten Mohikaner“, nur eine Unterart des schlechten Indianers ist. Es gibt solche, die selbst der gute Chingachgook ungern skalpiert, auch aus Ekel. „Pfui, Oneida“, sagt er im „Wildtöter“ nach dem Betrachten eines neu erworbenen Skalps.

Interessant, dass die Oneida-Irokesen wahrscheinlich die einzigen Indianer waren, die Cooper selbst hatte beobachten können (ihre Routen lagen nahe an Cooperstown). Er war aber (für die damalige Zeit) nicht rassistisch und gönnte seinem letzten Mohikaner eine erwiderte Liebe zu einer weißen Lady. Vorsichtshalber tötete er jedoch das Paar, um sein Publikum nicht unnötig zu ärgern – er war ein wenig Literaturspekulant, so wie sein Vater ein erfolgreicher Landspekulant war.

Die große Bedeutung des James Fenimore Cooper liegt an dieser von ihm festgestellten, im realen amerikanischen Charakter verwurzelten Dichotomie „guter Indianer – schlechter Indianer“, die bis heute die Beziehungen der Amerikaner zu fremden Völkern prägt. Jeder, der mit den USA außenpolitisch zu tun hat (Gott sei Dank gehöre nicht zu ihnen), weiß das: Es gibt für sie gute (also nützliche) und schlechte (also schädliche) Nationen. Ab und zu kann man eine umetikettieren, wenn sie sich recht nützlich macht, wie es sogar mit den Deutschen geschehen war.

Fenimore Cooper wird immer gelesen werden. Hast du diese Romane als Kind verschluckt, spürst du von Zeit zu Zeit den unüberwindlichen Wunsch, Lederstrumpf mit seiner überlangen Flinte und seinem immer lautlosen Lachen wieder zu treffen. Oder Unkas, den letzten Mohikaner, der in einer Neuübersetzung von Karen Lauer im Hanser Verlag, der ersten seit einem Jahrhundert, wieder aufersteht (656 Seiten, 34,90 €) – und das reich kommentiert.

Kann man vergessen, wie er, von den guten Delawaren gestellt, die sich naturwidrig mit den schlechten Huronen angefreundet haben, sagt, als eine tätowierte Schildkröte auf seiner Brust zum Vorschein kommt und die Delawaren panisch zurückzucken: „Ja, auf meinem Geschlecht ruht das Universum.“ Undundund. Nein, nie im Leben kann man das vergessen. Oder wie der alte Pfälzer Johann Adam Hartmann gesagt hätte: „Eher tritt der Papst ab“. Und hätte lautlos gelacht.

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