Jurjews KLASSIKER : Tot oder lebendig

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Bis heute ebbt das Rätselraten nicht ab: Wer war wohl das Vorbild des Grafen Dracula aus Bram Stokers Roman von 1897? Zum 100. Todestag des irischen Autors wird „Dracula“ gleich doppelt neu übersetzt wieder aufgelegt: Für den Steidl Verlag (540 Seiten, 28 €) hat sich Andreas Nohl ans Werk gemacht, für den Reclam Verlag (550 Seiten, 24,95 €) hat Ulrich Bossier eine deutsche Version vorgelegt. Die Frage bleibt: Wer stand für den Blutsauger Modell? Der walachische Woiwode Vlad Dracula war zwar ein grausamer Mittelalterfürst (und ganz und gar kein bescheidener Graf!) und setzte seine Feinde gern auf den Pfahl, aber deren Blut trank er nicht.

Ich habe eine altrussische Erzählung über ihn gelesen (der Mann war ein Star!) – Blutsaugen war so ungefähr das Einzige, was er nicht tat. Die balkanische Kulisse war Stoker übrigens gleichgültig: Zunächst wollte er seinen Roman in der Steiermark ansiedeln, dann erzählte ihm ein ungarischer Freund von Dracula. In erster Linie war der Name ausschlaggebend, den man mit dem Teufel in Verbindung brachte. Der Name stammte allerdings von „Drachen“. Also kam der historische Dracula nicht in Frage, und man suchte unter den Zeitgenossen weiter.

Meistens war das Ergebnis negativ: Ein Forscher stellte eine Hypothese auf und verwarf sie am Ende mit Bedauern. Sogar Oscar Wilde (1854-1900), mit dem Stoker noch in Irland befreundet gewesen war, wurde ins Gespräch gebracht. Wilde hatte sich um Florence Balcombe bemüht, die Stoker 1878 heiratete. Rächte sich der Bräutigam? 20 Jahre später? Es gibt so gut wie keine Ähnlichkeiten zwischen Dracula im Roman und Oscar Wilde im Leben. Auch der zweite Kandidat, der amerikanische Poet Walt Whitman (1819-1892), passt nicht ins Profil: Bram Stoker bewunderte ihn als den „größten Dichter der Zeit“.

Ich glaube, die Homosexualität beider Klassiker spielte für Forscher eine Rolle. Ich persönlich bezweifle jedoch, dass die Verbindung von Homosexualität und Vampirismus für Stoker relevant war.

Bezeichnend jedoch ist die Beständigkeit der Annahme, dass überhaupt jemand für den bösen Grafen Modell gestanden haben muss. Auch der Autor dieser Kolumne hat dieses Gefühl. Allerdings ist er zu dem Schluss gekommen, dass man im falschen Bereich gesucht hat. In Wirklichkeit hatte Graf Dracula keine menschlichen (oder nur wenige literarische) Vorbilder. Er verkörperte das British Empire!

Um die Jahrhundertwende brauchte man kein glühender irischer Patriot zu sein (obwohl die meisten Iren glühende Patrioten sind), um im nach dem Tod Victorias innerlich ausgehöhlten und nur aus Gewohnheit seine kolonialistische, ausbeutende, blutsaugende Tätigkeit fortsetzenden perfiden Albion einen Untoten zu erblicken.

Als Impressario des berühmten Schauspielers Henry Irwing bereiste Stoker die halbe Welt (nur Transsilvanien nicht!) und konnte überall sehen, wie das Empire die Natur- und Arbeitsressourcen der von ihm abhängigen Völker anzapfte. Man kann weitere Ähnlichkeiten des britischen Imperiums mit einem in einer Gruft liegenden Vampir selber suchen, sie sind nicht schwer zu finden.

Übrigens, warum ist London immer noch der Lieblingszufluchtsort aller kleinen Blutsauger dieser Welt – russischer Oligarchen, arabischer Scheichs, diverser Ex-Präsidenten und Ex-Monarchen? Was zieht sie an die Themse? Das freundliche Wetter? Die gute Küche? Die netten Menschen auf der Straße? Sie kommen zu ihrem Chef und teilen mit ihm das Blut, das sie in Thermoskannen von überall mitgebracht haben.

Bram Stokers Dracula, ein weltpolitisches Bild und eine Prophezeiung? Bestimmt. Doch der Vampir-Mythos, der mit diesem Roman (und mehr noch in dessen Verfilmungen, die erste, leider verschollene, entstand 1920 in Russland) erschaffen wurde, die fast dokumentarische Erzählweise mit starken Anwesenheitseffekten, die Schaudergefühle hervorrief, hat dem zeitgenössischen Leser, geschweige denn dem Kinobesucher, nicht gestattet, einen übertragenen Sinn wahrzunehmen. Zu lebendig war der untote Graf! Jetzt ist es zu spät dafür. Der Untote ist tot.

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