Kultur : Kaffeepfanne

Im Kino: Das Demenzdrama „Das Blaue vom Himmel“

von
Foto: Jürgen Olczyk
Foto: Jürgen Olczyk

Sofia zeigt ihrer Mutter, wie man ein Stück Schokokuchen verspeist – in einem Café, begafft von irritierten Gästen am Nebentisch. Gestern noch lebten sie in bequemer Distanz, die Tochter in Berlin, die Mutter in Bonn. Dann ein Anruf aus der Psychiatrie, eine nächtliche Autofahrt, und alles ist anders: Die dement gewordene Mutter ähnelt einem Kind, das sich nach Sofias Nähe sehnt.

Was, wenn das familiäre Konstrukt plötzlich zerbricht? In „Das Blaue vom Himmel“ beobachtet Regisseur Hans Steinbichler – wie zuletzt in „Winterreise“ (2006) – die Familie als Ort der Ambivalenz, der Geborgenheit und Enge zugleich. Damals gab Josef Bierbichler eindrucksvoll den manisch-depressiven Familienvater; diesmal ist es Hannelore Elsner, die die psychisch erkrankte Protagonistin Marga Baumanis brillant verkörpert, im schnellen Wechsel zwischen leisem Verwirrtsein und lauter Wut über die fremd gewordene Umwelt. Als sie versucht, in einer Bratpfanne Kaffee zu kochen, wirkt das keineswegs lächerlich, sondern lässt ihre Hilflosigkeit spüren.

Vor allem aber plagt Marga nun, was sie jahrelang verdrängte: Ihre Zeit in der lettischen Heimat, 1940, vor der Besetzung durch die Sowjetunion – und die Flucht mit ihrem Mann vor der Deportation. Das bewegende Familiendrama inszeniert Steinbichler in aufwendigen Rückblenden. Und nun holen Marga die Gewissensqualen von damals ein. Ihre Tochter Sofia (Juliane Köhler) wird zur irritierten Zeugin der nebulösen mütterlichen Gedankenfragmente. Wer ist diese Person, die sie Mutter nennt? Wer ist sie selbst? Vielleicht könnte eine gemeinsame Reise nach Riga das klären.

Hans Steinbichler weckt in „Das Blaue vom Himmel“ die Erinnerung an den Schmerz der Flüchtlingsschicksale, den die Heimatfilme der Nachkriegszeit mit Volksliedgut und sauberen Naturbildern übertünchten. Vielschichtig erzählt sein Drama von familiärer Nähe und Distanz, von den Folgen der Verdrängung und von den Hürden des Verzeihens. Immerhin die Kamerafahrten unter wippenden Baumkronen oder an der wogenden Ostsee öffnen dem Geschehen Raum – aus der Beklemmung heraus. Johan Dehoust

Blauer Stern Pankow, Cinemaxx, Filmkunst 66, FaF, Kulturbrauerei, Passage

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