Kanae Minatos Roman "Geständnisse" : Stiller Bürgerkrieg in Japan

Mobbing, Mord und Todschlag: Kanae Minatos Roman „Geständnisse“ ist ein Schuld-und-Sühne-Drama nach antikem Vorbild, das betont höflich von Grausamkeiten erzählt.

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Sie erzählt bizarre Geschichten aus Japan. Die Autorin Kanae Minato, geboren 1973.
Sie erzählt bizarre Geschichten aus Japan. Die Autorin Kanae Minato, geboren 1973.Foto: Ayako Shimobayashi

In Japan kursiert eine Genrebezeichnung, für die es in der deutschen Sprache keine Entsprechung gibt: „iyamisu“. Die zweite Worthälfte – „misu“ – ist ein Lehnwort aus dem Englischen, es steht für „mystery“, und „iya“ heißt so viel wie „abscheulich“ und „abstoßend“. „Iyamisu“, so werden in Japan also Kriminalromane genannt, die einen besonders unappetitlichen Inhalt haben. Als Königin dieser Disziplin gilt derzeit die 1973 in Innoshima geborene Schriftstellerin Kanae Minato.

Ihr Debütroman „Geständnisse“ , der jetzt in einer deutschen Übersetzung erschienen ist, beginnt zunächst allerdings eher traurig: Yuko Morichi, eine junge Lehrerin, hat ihre kleine Tochter bei einem tragischen Unfall auf dem Schulgelände verloren.

Es wird dann tatsächlich schnell ziemlich krass: Während Yuko Morichi die Milchkartons für die Frühstückspause austeilt, erklärt sie ihrer Klasse, dass der Unfall gar kein Unfall war. Die Lehrerin meint zu wissen, dass Naoki und Shuya, zwei der Schüler, die vor ihr im Raum sitzen, ihre Tochter umgebracht haben – und sie hat sich eine grausame Rache überlegt: „Offenbar habt ihr ja alle eure Milch ausgetrunken, aber habt ihr auch einen Beigeschmack bemerkt? Vielleicht einen Hauch von Eisen?“

Pulp-Fiction Version der "Orestie"

Yuko Morichi behauptet, dass sie den Milchkartons der beiden Schüler, die sie für die Täter hält, das Blut eines Aidskranken beigemischt hat: „Die Inkubationszeit für das HI-Virus beträgt meist fünf bis zehn Jahre, Zeit genug für euch, über den Wert des Lebens nachzudenken.“

Das ist nur der Anfang. Minato – die zunächst selbst als Lehrerin gearbeitet hat, bevor sie zu einer Bestsellerautorin wurde – wechselt von Kapitel zu Kapitel Perspektive und Form. Auf den grausamen Monolog der Lehrerin folgt ein langer Brief, in dem eine Mitschülerin erzählt, wie Shuya von der Klasse gemobbt wird, während Naoki sich monatelang zu Hause in seinem Zimmer einschließt. Die Mutter von Naoki kommt in einem Tagebuch zu Wort, das plötzlich einfach abbricht, weil sie von ihrem Sohn auf brutalste Weise angegriffen wird. Und zuletzt ist man live dabei, als Shuya, der kaltblütigere der beiden Teenager, ein Massaker an der Schule plant und auf seiner Website vollmundig ankündigt: „Ich hoffe, ihr schaut zu, wenn ich eine Katastrophe auslöse, die in die Annalen der Jugendkriminalität eingehen wird.“

Das aber ist noch nicht einmal der Schluss des Romans. Denn schließlich schlägt die Rachegöttin Yuko Morichi noch mal heftig zu. Kanae Minato hat ein vertracktes Schuld-und-Sühne-Drama nach dem Vorbild der griechischen Antike geschrieben, wenn man so will eine Pulp-Fiction-Version der „Orestie“.

Mobbing ist zum echten Problem an japanischen Schulen geworden

Der Tonfall ist allerdings ausgesprochen japanisch, und das, obwohl der Verlag sich unglücklicherweise entschlossen hat, das Buch nicht aus dem Original, sondern aus der englischen Übersetzung ins Deutsche übertragen zu lassen. Kanae Minato schreibt höflich distanziert und ohne große emotionale Ausreißer, selbst wenn es mal richtig unangenehm wird. Auch die Themen gehören erst einmal klar nach Japan. In den späten achtziger und in den neunziger Jahren gab es dort eine ganze Reihe von brutalen Gewalttaten unter Teenagern, darunter die Enthauptung eines elfjährigen Schülers in Kobe, die in Minatos Roman bereits zu einer Art urbaner Folklore geworden ist. Mobbing jedoch ist zu einem echten Problem an japanischen Schulen geworden, genauso wie die zunehmend gestörteren Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die bröckelnden Familienstrukturen – all das wird in diesem Roman im blutigen Stil des „iyamisu“ grotesk überzeichnet.

Das sind die Folgen der großen Erschütterungen, die eine ehemals autoritär stabilisierte Gesellschaft zwischen dem Ende des Wirtschaftsbooms und Fukushima erlebt hat. Kanae Minato erzählt in „Geständnisse“ eine bizarre Geschichte über die Albträume eines ganzen Landes. Und selbst aus einer Entfernung von knapp 10 000 Kilometern Luftlinie läuft es einem bei der Lektüre kalt den Rücken herunter. Nicht nur in Japan tobt ein stiller Bürgerkrieg.

Kanae Minato: Geständnisse. Aus dem Englischen von Sabine Lohman. C. Bertelsmann, München 2017. 269 Seiten, 16,99 €.

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