Kultur : Kaperfahrt im Buchstabenmeer

Künstlerin Ruth Tesmar hat sich im „Menzel-Dach“ der Humboldt-Universität eingenistet. Ein Atelierbesuch

Elke Linda Buchholz
Lithografie ist Alchemie. Ruth Tesmar hängt ihre Drucke zum Trocknen in ein Holzgestell. Foto: Thilo Rückeis
Lithografie ist Alchemie. Ruth Tesmar hängt ihre Drucke zum Trocknen in ein Holzgestell. Foto: Thilo Rückeis

Still ist es. Vom Großstadtgetümmel und Wissenschaftsbetrieb dringt kein Laut bis unters Dach der Humboldt-Universität. Wer die steile Treppe hinaufsteigt, tritt in eine andere Welt. Farbige Collagen, kalligrafische Schriftkunstblätter und wuchtige Holzbohlen zieren das Entrée des „Menzel-Dachs“. Durch große Dachfenster fällt das Licht – vom Schnee gedämpft – ins Atelier. Im Regal stapeln sich alte Ritterrüstungen als Anschauungsmaterial wie schon in Adolph Menzels Werkstatt. Hat der Altmeister etwa einst höchstpersönlich hier gewerkelt? Die Künstlerin Ruth Tesmar winkt lachend ab: Mit dem unersättlichen Zeichner Menzel verbindet diese verborgene Klause, die sich eigensinnig in der Berliner Universitätslandschaft eingenistet hat, nur eine Geistesverwandtschaft.

Sehen durch Zeichnen schulen, Denken durch Anschauung, Erfahren durch Tun: Das autodidaktische Prinzip Menzels ist hier Maxime. Ordentlich gereiht warten im großen Zeichensaal die Staffeleien auf die Studenten. Wenn das Semester wieder losgeht, heften sich jede Woche 80 Augenpaare auf ein Aktmodell. „Dann ist nur noch das Rauschen der Zeichenkohle auf dem Papier zu hören, wie das Rauschen am Meer“, erzählt Ruth Tesmar, Jahrgang 1951, eine freundliche Dame mit hochgestecktem Blondhaar und schwarzer Samtjacke. Im „Menzel-Dach“ greifen nicht angehende Künstler zum Zeichenstift, sondern Studierende der Kunstgeschichte, Mediziner, Biologen oder Ethnologen. Ruth Tesmar weiß, warum: „Die wissenschaftlichen Vorlesungssäle und Seminarräume sind angefüllt mit Wörtern und abstrakten Gedanken. Bei mir riecht es nach Terpentin, nach Druckerschwärze. Alle Sinne sind angesprochen.“

Für Goethe oder die Brüder Humboldt war es noch selbstverständlich, sich im Zeichnen zu schulen, um präzise Wahrnehmung und ganzheitliches Erkennen zu trainieren. Als nach der Wende die Humboldt-Uni neu strukturiert wurde, wollte man an diese alte Tradition anknüpfen.

Auf Regalen stapeln sich Farben, Tinkturen und Essenzen, Mörser, Spatel und Pinsel. Wuchtige Druckpressen stehen zwischen den rohen Dachbalken. In einer Ecke tropft Wasser durch das undichte Dach. Es ist nie richtig instandgesetzt worden, stets fehlte das Geld, vieles blieb improvisiert. Im Sommer klettert das Thermometer über 40 Grad, im Winter ist es eisig kalt. Zu DDR-Zeiten analysierte die Kriminalistik hier im Labor Fußspuren, Fingerabdrücke und Tatindizien. Um Spurensicherung geht es auch Ruth Tesmar.

Ein alter Lithograf führte sie, nach ihrem Kunststudium in Weißensee, in die Geheimnisse der Drucktechnik ein. „Lithografie ist wie Alchemie, niemand will seine Rezepte verraten,“ erzählt sie und greift geübt ins wuchtige Speichenrad ihrer Tiefdruckpresse – wie ein Kapitän am Steuerruder: „Ein Seemann muss nicht perfekt alle Knoten und Kommandos beherrschen, entscheidend ist die Sehnsucht nach der Ferne.“

Wie in einem Museum der Handwerkskünste werden bei ihr die historischen Techniken bewahrt und gelehrt. Die frischen Blätter wandern aus der Handpresse zum Trocknen in ein hängendes Holzgestell, wo jedes Blatt zart und sicher zwischen Porzellankügelchen gehalten wird. Diesen genialen Mechanismus nutzte schon Goya im 18. Jahrhundert. Tesmar hat ihren Trockenapparat nach der Wende in einer aufgelösten Druckwerkstatt aufgetrieben, so wie Schränke voller historischer Drucklettern, die zum alten Eisen geworfen werden sollten. Radiernadel, Holzbeitel, Lederballen – für Tesmar hat jedes Handwerkszeug seine eigene Schönheit: „Das ist bewahrte Menschheitserfahrung.“ Alle Drucktechniken lernen die Studenten bei ihr kennen. Wenn sie dann im Kupferstichkabinett eine Radierung Rembrandts in Händen halten, sehen sie sie mit anderen Augen.

Immer neue Kammern öffnen sich in diesem Atelier, durch eine Spiegeltür geht es in einen Dschungel mit Palmen und Papyrus und über eine schmale Stiege in Tesmars Privatissime unterm Spitzdach. Vor das schräge Fenster mit Blick auf die Museumsinsel hat sie einen Arbeitstisch gerückt. Dort entstehen zarte Aquarelle, Schriftblätter, winzige Collagen aus Papierabschnitten. Nichts wandert in den Müll. Der geschnitzte Hocker des Vaters? Mit einer Gummiwalze wird rote Farbe darauf gestrichen und mit einem Holzkochlöffel auf Papier durchgerieben. „Vor mir ist nichts sicher“, sagt Tesmar. Schicht um Schicht entstehen so Unikatdrucke, inspiriert von Anna Achmatowa, Rainer Maria Rilke oder Else Lasker-Schüler.

Ihre Lust am Handschreiben entdeckte Tesmar zu DDR-Zeiten, als sie ganze Gedichtbände in der Bibliothek abschrieb, da es keine Kopiermöglichkeit gab. Mit ihrem ersten selbstgebundenen Buch voller skurriler Gedichte und Aquarelle, fuhr sie kurzerhand zum Verlag nach Leipzig. Gedruckt wurde das Unikat nicht. Doch Tesmar ließ sich nicht entmutigen. Längst füllen ihre Künstlerbücher – viele davon mit Preisen bedacht – einen großen Tisch.

Überall stehen Fundstücke, nisten Zitate und Bilder. Ein röhrender Porzellanhirsch, der erste Zahn des längst erwachsenen Sohnes, Votivfigürchen, Schreibfeder, Vogelfeder. Alles wird an die Wand gepinnt. Der Zufall ist Ruth Tesmars bester Mitarbeiter. Was aus ihrem wuchernden Universum einmal werden soll, weiß die 59-Jährige nicht recht. Das macht ihr keine Angst. In einer Ecke wacht mit freundlicher Selbstverständlichkeit ein echtes Skelett. Das tickende Uhrpendel daneben, eine wie zufällig an den Feuermelder gelehnte rostige Sichel – ein perfektes Vanitasstillleben. Man meint das ferne Lachen der Dadaisten zu hören. Unzeitgemäß ist dieser Ort. Und umso kostbarer.

Ausstellung Ruth Tesmar: „Itinera Litterarum. Auf Schreibwegen mit Wilhelm von Humboldt“, bis 27. 2., Akademie d. Wissenschaften, Jägerstr. 22/23, Mo - Fr 9 - 17 Uhr.

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