Karlheinz Ziegler : Pracht und Herrlichkeit

Am 14. August 2008 ertrank im Heiligen See der Maler Karlheinz Ziegler. Er hinterlässt ein Œuvre herrlicher Bilder, von denen er einen Teil auf geheimnisvolle Weise verborgen gehalten hat. Aber selbst das, was wir von ihm kennen, reicht aus, um ihn einen bedeutenden Maler nennen zu können.

Johannes Grützke
Ziegler
Ausschnitt aus Zieglers Werk "Die Wiederaufführung des Theaterstücks 'Maßregelung auf dem Floß der Medusa'." -Foto: Matthias Koeppel

Unter den Schülern einer neuen Prächtigkeit hatte niemand, der einen solchen Titel oberflächlich versteht, den Maler Karlheinz Ziegler vermutet, denn mit Pracht sind seine Bilder nicht ausgestattet, eher mit dem Gegenteil: mit Kargheit. Im Verständnis der Schule der Neuen Prächtigkeit ist aber gerade jene Kargheit, der Ernst, die Gediegenheit und Konzentration das eigentliche Ziel der Arbeit, so dass Ziegler geradezu die Leitfigur unserer Gruppe war. Er war mit seinen Bildern so eng körperlich verbunden,dass er sie am liebsten niemals hergeben wollte. Der Verkauf eines Bildes schmerzte ihn wie der Verlust eines Arms. Er ließ deshalb seine Bilder gerne unvollendet, damit er sie nicht weggeben musste.

Oft ließ er sich ein verkauftes Bild wieder zurückgeben, um daran weiterzumalen. Auf diese Weise wurden manchmal Pastelle zu Temperabildern. Er arbeitete jahrelang, manchmal jahrzehntelang an einem Bild. Den ungeduldigen Mitschülern der Neuen Prächtigkeit war diese Malweise zu langsam, aber Karlheinz Ziegler war nicht zu beschleunigen. Im Gegenteil, je mehr man ihm zusetzte (ganz vorsichtig natürlich), desto langsamer wurde er, soll heißen: desto vorsichtiger und bedachtsamer.

Traumhafte Ruinen

Sein Misstrauen gegenüber den sichtbaren und skrupellosen Veränderungen seiner Motive – alter Bahnhöfe, maroder Gebäude der nächsten Umgebung mit ihrer abblätternden Geschichte – wurde zu seinem Entsetzen und führte zu seinem malerischen Widerstand. Ziegler malte den Abriss seiner geliebten Häuser. Er hatte sie vor ihrem Abriss gemalt, er malte sie während des Abrisses, wobei er nicht versäumte, Aktionäre und Baulöwen sowie Bausenatoren, also „Schuldige“, mit ins Bild zu setzen.

Und er malte, jedenfalls in einem Falle, das entsetzliche Ergebnis, den gigantischen trost- und nutzlosen Steglitzer Kreisel auf dem alten Gelände seiner traumhaften Ruinen. Sein Kummer über diesen „Verfall“ im Zusammengehen mit schmierigen Spekulationen ließ ihn nicht schneller malen. Man hatte ihm seine Motive weggenommen, sie waren nicht mehr da. Und so malte er sie auch nicht mehr.

Für ewig vergiftet!

Seine Zeichnungen, die er sowieso nicht hergab, da er sie nur (!) als Vorarbeiten zu Gemälden betrachtete, sind von überraschend eigenartiger Präzision. Er verstand es doch beispielsweise, ohne sichtbare Anstrengung im maroden Mauerwerk einer alten Mauer, in deren alter, schlampiger Maurerei, gewöhnliche Mauersteine von geklinkerten Mauersteinen zu unterscheiden.

Ziegler verstand es auch, seinen geliebten Gebäuden (Kino Albrechtshof) in seinen Bildern den Symbolcharakter zu verleihen, den sie für ihn hatten. Sie stehen da für ewig, aber vergiftet von der Gruppe der mitgemalten Baulöwen, welche kurz darauf mit Selbstverständlichkeit triumphieren werden. Ziegler wusste von der Verwundbarkeit seiner Häuser und malte sie vielleicht deshalb umso stabiler. Dadurch, und nur dadurch, stehen sie noch heute – in seinen Bildern. Und die Nutznießer des Abrisses ebenfalls: Verewigt!

Für ewig vergiftet! Ziegler, Du wolltest noch viel bewegen. Wir stehen zu Dir! Die Schule der Neuen Prächtigkeit.

Johannes Grützke, 70, lehrte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Er lebt als Maler, Zeichner und Druckgrafiker in Berlin.

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