Katholische Tattoos : Die Axt im Kopf

Der spanische Maler Rafael Cidoncha zeigt neue Bilder in der Galerie Albrecht. Seine "Fragmentos" thematisieren Leid und Erotik in sakralen Gemälden.

Wilfried Köpke
Rafael Cidoncha: "Fragmentos" (2014)
Rafael Cidoncha: "Fragmentos" (2014)Foto: Galerie Albrecht

Rafael Cidoncha verbrachte seine katholische Kindheit in Spanien und besuchte eine Dominikanerschule. Jeden Morgen kniete er während der Messe in der Schulkapelle vor den Skulpturen des katholischen Heiligenkosmos. Und in die Kinderseele des Zehnjährigen brannten sich die Details ein: Die Axt im Kopf des Märtyrers, der nicht stürzt. Die von Nägeln durchtriebenen Füße des Gekreuzigten, der trotzdem lächelnd zur Kapellendecke schaut. Der die Schüler zu Fleiß mahnende, fast frauenschlanke Finger des heiligen Theologen Thomas von Aquin.

Details, die ihn als Kind verstörten, sind nun Thema der Gemälde

Fünfzig Jahre später, mittlerweile lebt Cidoncha als Maler in Madrid wie Paris und ist bekannt für seine dichten, realistischen Interieurs, fragilen Stillleben und anerkannt als treffsicherer Porträtmaler, macht er sich auf die Reise nach Burgos, besucht Kirchen und Klöster und studiert die mal kunstvollen, mal rustikalen Heiligenskulpturen. Die Details, die ihn als Kind verstören, setzt der nun 60-Jährige zum ersten Mal in Öl um.

Kein Gesicht ist zu sehen auf den Bildern, nur Hände und Gewandfalten, Füße und Torsi. Ein drohender Finger, eine zärtliche Hand, mal homoerotisch, mal übergriffig. Die Heiligen haben keine Identität, keine Namen mehr. Mal vermutet man das Jesuskind auf dem Arm eines Erwachsenen, erkennt aber nur zwei Hände – eine große, eine kleine. Mal scheint die Hand zu einem Evangelisten zu gehören. Andere Finger berühren zärtlich einen nackten Arm. Wessen – das wird nicht klar. Konsequent nummeriert Cidoncha die Bilder nur noch durch, von „Fragmentos 1“ bis „Fragmentos 20“.

Wie in einem Rausch habe er die Bilder im Frühjahr dieses Jahres in nur zwei Monaten gemalt, erzählt die Galeristin Susanne Albrecht. Und als die Werke, fast noch farbfeucht in der Galerie angeliefert wurden, verbrachte Albrecht eine schlaflose Nacht. Sie hat Cidoncha bereits 2012 erfolgreich ausgestellt. Seine detailverliebten Landschaften hängen in Museen von Baltimore bis Paris, sein Porträt des Ex-Königs Juan Carlos in der spanischen Botschaft in Berlin. Und nun eine Lieferung Katholika für Berlin. Geht das? Passt das? Verkauft sich das?

Cidoncha hat es passend gemalt. Die Heiligen haben ihre drohende Wucht verloren. Es sind Tattoos des Katholischen, die unter die Haut gehen, weil sie Geschichten in der Erinnerung und Fantasie des Betrachters wecken, der ihre Bewegung ahnt, das Muskelspiel darunter: Geschichten von Zärtlichkeit und Missbrauch, erhoffter Erlösung und alltäglicher Verdammnis. Die „Fragmentos“ könnten sogar über dem Bett hängen als ironische Verweise und gebannte Stimuli katholischer Sinnlichkeit, die in den vergangenen Jahren gerade nach den Missbrauchsvorfällen am Canisius-Kolleg auch in ihrer Abgründigkeit deutlich wurde. Oder als Fragmente des Menschlichen, das in allem übersteigerten Heiligen durchscheint.
Galerie Albrecht, Charlottenstr. 78; bis 11. 10., Di–Sa 11–18 Uhr

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