Kultur : Keine andre Zeit als diese

Berlin, New York, Jerusalem, Berlin: Zum 100. Geburtstag der Dichterin Mascha Kaléko

Jan Schulz-Ojala

Hier wohnt keiner, aber das macht nichts, im Gegenteil. Links eine Kita, Zäune und Zäune und irgendwann das Wasserwerk. Rechts Wald. Nichts als Wald. Überhaupt: ein Waldweg eigentlich, der Mascha-Kaléko-Weg da draußen in Kladow, abseits und ungepflastert; eher was zum Träumen als zum Spazieren. Auf halber Strecke drückt, trara trara, quer die Friedrich-Hanisch-Straße rein, aber die darf das, schließlich war Hanisch Gründer der Freiwilligen Feuerwehr Kladow. Für Mascha Kaléko findet sich erst ganz am Ende des Wegs, am Tor zum Kulturpark, ein Hinweis auf dem Straßenschild: 18 Sommer habe sie in Kladow gelebt, ab 1920. Ja, und Lyrikerin war sie auch.

Verstreute Spuren nur gibt es von „Cladow“ in Mascha Kalékos schmalem Werk: Und doch wurde die Frühsommerfrische jenseits der Havel vielleicht ihre beständigste Berliner Heimat – von ersten Teenie-Anfängen, da war sie als Tochter eines Russen und einer Österreicherin aus dem heute südpolnischen Galizien erst zwei Jahre in der Stadt, bis zur Flucht ins Exil. In Kladow hat sie Liebeskummergedichte geschrieben und später in New York ein „Souvenir à Kladow“, in Kladow hat sie Auszeiten genommen während der „paar leuchtende Jahre“, als sie plötzlich berühmt war – die junge, schöne, sensible, humorvolle, melancholische, so wunderbar leicht reimende Alltagsdichterin aus dem Romanischen Café. Und in Kladow hat sie mit den Spatzen geschwatzt und den Mond ausgetrunken.

Mascha Kaléko, spätnachgeborenes Schwesterchen des großen Heinrich Heine, wird heute 100: Was für ein seltsam würdevolles Fest. Für einen Tag plustert der Mascha-Kaléko-Weg sich mindestens zur Mascha-Kaléko-Allee, überall zaubern sich Tagesdenkmäler aus dem Boden, eine neue Biografie jagt über die Bestsellerchaussee, und wir Nachgeborenen gratulieren im feinen Zwirn. Schöner Spuk. Zu Mascha Kaléko findet man nicht im Sonntagsanzug, sondern „Wenn man nachts nicht schlafen kann“, „Krankgeschrieben“ oder „Heimwärts nach Ladenschluss“ (um nur ein paar Titel aus ihrem Erstlingshit „Das lyrische Stenogrammheft“ zu nennen). Eine Zeile nur zum Beispiel weht einen an, und plötzlich ist man süchtig. Nicht lange. Aber bald schon wieder, wieder nicht für lange. Doch wieder ...

„Wir haben keine andre Zeit als diese, / Die uns betrügt mit halbgefüllter Schale. / Wir müssen trinken, denn zum zweiten Male / Füllt sie sich nicht.“ Das ist fantastisch und fantastisch leise. Oder hier, was Witzigeres: „Wir wachten auf. Die Sonne schien nur spärlich / Durch schmale Ritzen grauer Jalousien. / Du gähntest tief. Und ich gestehe ehrlich: / Es klang nicht schön. – Mir schien es jetzt erklärlich, / Daß Eheleute nicht in Liebe glühn.“ Oder das hier: „Einmal sollte man seine Siebensachen / Fortrollen aus diesen glatten Geleisen. / Man müßte sich aus dem Staube machen / Und früh am Morgen unbekannt verreisen.“ Ja, ruft der Bürostellwerksangestellte in uns, jaaa!

Man hat Mascha Kaléko verglichen mit Morgenstern, Kästner, Ringelnatz, aber das trifft es nicht. Sie hat deren Verspieltheit, satirische Schärfe und Sprachwitz, aber es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann beim Zuhören; es gibt diese alten Aufnahmen, auf denen sie – wenn sie zwischen New York und Jerusalem nach langem Zögern immer wieder kurz in Deutschland war – mit sanft brüchiger Stimme ihre Gedichte spricht. Oder singt sie sie, schwatzt sie sich mit den Spatzen davon, in eine weniger schmerzhaltige Luft irgendwo auf der Welt? Es ist dieses ziemlich unpathetische Sehnen, das ihre Lyrik so knitterfrei erscheinen lässt, allen Schulen und Moden enthoben; komische, wunderbare Unsterblichkeit der dahingesagten wahren Empfindung.

Glücklich? In der tiefen Mitte ihres Lebens. Erst ins Glück gesaust, dann zum Glück entschlossen, dann das Glück, so gut es geht, vor der Welt weggeschlossen. Bis das bricht: Zwei präzise Schläge im Alter, und du stehst für den Rest deiner Tage ohne Wärme da. Das Ruhmglück: 1933 in den letzten demokratischen Tagen des Januar beginnt es mit dem „Lyrischen Stenogrammheft“ und knickt doch bald weg für die jüdische Autorin, die herausgedrängt wird aus den Veröffentlichungsmöglichkeiten bis zum Verschwinden (erst in den fünfziger Jahren leuchtet da was nach). Das Liebesglück: vom sanften Philologen Saul Kaléko, der Mascha Engel den Künstlerinnen-Nachnamen gibt, zum weltfernen Komponisten Chemjo Vinaver, ihrer Lebensliebe, mit dem sie einen Sohn hat und fast vier Jahrzehnte zusammenlebt. Und schon Todesdaten wie Risse: der Sohn 1968 mit 31 Jahren, der Ehemann fünf Jahre später. Mascha Kaléko stirbt, einigermaßen menschenseelenallein, am 21. Januar 1975.

Eine Kleinstfamilie, der Heimatlosigkeit abgetrotzt: Die Jahrzehnte des Exils sind es und ihre verletzlichen sprachlichen Zeugnisse, die heute vor allem an Mascha Kalékos Biografie interessieren – erst in New York und später, ungleich einsamer, im sprachfremden Jerusalem. Berlin kaputt, neu hingestellt und doch nicht wirklich wiederfindbar, bleibt Kalékos brennend vermisste Heimat. Und Deutschland sowieso, der zerstörte Sehnsuchtsort so vieler jüdischer Biografien dieses Jahrhunderts. Die Steine, die Sprache, die Strophen. Und irgendwann gehen Mascha Kaléko die Reime aus und sind ihre doch so erfolgreich neu aufgelegten Bücher vergriffen, und sie macht dennoch angeschlagen weiter. „Wir haben keine andere Zeit als diese.“

„Bleibtreu heißt die Straße“ – so lautet ein anrührendes Gedicht aus den Sterbemonaten, und es erinnert an die unruhigen Jahre 1936 bis 1938, als Mascha Kaléko in der Bleibtreustraße 10/11 wohnt und umzieht von einer Eheliebe in die andere und bald zu dritt mit dem kleinen Sohn ins Exil. „Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not. / Hier kam mein Kind zur Welt. Und mußte fort.“ Das Haus steht noch, Adresse von Arztpraxen und Anwaltskanzleien, nebenan das Kino Filmkunst 66, gegenüber die Boutique Rose Rosa, und eine Gedenktafel gibt es auch. „Hier besuchten mich meine Freunde / Und die Gestapo“, schreibt Mascha Kaléko weiter. „Nachts hörte man die Stadtbahnzüge / Und das Horst-Wessel-Lied aus der Kneipe nebenan . / Was blieb davon? / Die rosa Petunien auf dem Balkon. / Der kleine Schreibwarenladen./ Und eine alte Wunde unvernarbt.“ Rosa Rosen wachsen im vergitterten Vorgarten; rüberklettern jetzt und eine abbrechen für Mascha, na, was man so macht an so einem Tag oder träumt.

Neu erschienen: Jutta Rosenkranz. Mascha Kaléko. Biografie, dtv, 299 Seiten, 14,50 €. – Mascha Kaleko: Interview mit mir selbst. Doppel-CD, Deutsche Grammophon (Universal), 15,45 €.

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