Kinderbuch-Debatte : Die Sprache der weißen Mehrheit

Die aktuelle Debatte über politisch korrekte Sprache ist nicht neu. Im Gegenteil: Der Versuch, rassistische Begriffe umzudeuten, reicht bis in die 1930er Jahre zurück. Bislang waren die Betroffenen aber in der Minderheit. Die demografische Entwicklung könnte dies nun ändern.

Susanne Stemmler
Ein Löffel für La France: Kindermädchen an der Elfenbeinküste.
Ein Löffel für La France: Kindermädchen an der Elfenbeinküste.Foto: picture-alliance

Neue Zeiten erfordern neue Begriffe. Deshalb wäre es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, das N-Wort in Kinderbüchern zu ersetzen. Es war niemals nicht rassistisch. Historisch gibt es vielerlei Beispiele für solche Bestrebungen – sie gehen fast immer von denjenigen aus, die sich zu Recht verletzt fühlen. Eine radikale Variante ist es, sich als Betroffener den rassistischen Begriff selbst anzueignen und zu dekonstruieren.

Die wohl bekannteste politisch-literarische Bewegung, die sich das vornahm, war die Négritude, eine Gruppe schwarzer frankophoner Intellektueller. Alle drei Gründerväter stammten aus den französischen Kolonien: Aimé Césaire aus Martinique, Léopold Sédar Senghor aus dem Senegal und Léon-Gontran Damas aus Französisch-Guayana. Sie trafen einander in den dreißiger Jahren in Paris. Ihr Programm war es, Kolonialismus und Rassismus zu überwinden und das Schwarzsein positiv zu bewerten.

Die Revolte bestand darin, den rassistisch konnotierten Begriff der Weißen aufzunehmen und für sich selbst als identitätsstiftend umzudefinieren. Der Philosoph Jean-Paul Sartre nannte das anti-rassistischen Rassismus. Daraus entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine internationale Bewegung, die die universale Befreiung des Menschen jenseits ethnischer Zugehörigkeit aus jedweden Zwangsverhältnissen zum Ziel hatte.

Dass ein solches Vorgehen kontrovers diskutiert wurde, liegt auf der Hand, benutzte man doch den Begriff, den die Kolonisatoren, die Weißen, die Unterdrücker, für ihre Erfindung des Afrikaners und der Afrikanerin geprägt hatten. Es lag eine Portion Essentialismus in dem Wort, denn es konstruierte eine vermeintlich einheitliche „schwarze Identität“ oder ein „Afrikanischsein“. Doch ob man Négritude nun wie Damas als Akt der Befreiung, wie Césaire als Reklamieren der eigenen Vergangenheit oder mit Senghor als gemeinsame panafrikanische Ästhetik oder Philosophie definiert, die sich auch auf Weiße beziehen lässt: Wichtig ist der Gedanke der eigenmächtigen Wiederaneignung von historisch belasteten Begriffen. So gelangt man aus der passiven Objektsituation in die Rolle des handelnden Subjekts.

Später wurde die Négritude zu einer ästhetisch-literarischen Bewegung. Gerade die Wahl der richtigen Sprache wurde stark diskutiert: Welche sollte man benutzen? Oft durften Kinder zu Kolonialzeiten nicht einmal die Muttersprache im Unterricht sprechen. Als Schüler in Algerien oder im Senegal musste man alle Fächer auf Französisch lernen, während zu Hause Varianten des Arabischen gesprochen wurden.

Unterricht in der Muttersprache gab es nicht, sie galt als minderwertig. Die Inhalte der Kinderbücher sprachen über das verschneite Frankreich und benannten die Gallier als Vorfahren. So wurde die literarische Sprache vieler Autoren das Französische – die „Rabenmuttersprache“, wie die algerische Autorin Assia Djebar die linguistische Zwangsheimat so treffend genannt hat. Inwieweit ist diese Sprache aber von den Rassismen des Kolonisators durchtränkt? Kann man überhaupt eine eigene Ausdrucksweise in dieser Sprache von West-, Nordafrika bis nach Martinique finden?

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