Kinderfilm "Stella" : Meine fremde Schwester

Im schwedische Kinderfilm „Stella“ will die 12-jährige Stella so sein wie ihre große Schwester. Doch dann entdeckt sie deren Magersucht und das Vorbild zerbricht.

Lisa-Maria Röhling
Stella (Rebecka Josephson) versucht Katja (Amy Deasismont) aus dem Teufelskreis zu befreien
Stella (Rebecka Josephson) versucht Katja (Amy Deasismont) aus dem Teufelskreis zu befreienFoto: Moritz Schultheiß/Camino Filmverleih

Katja ist hübsch, eine begabte Eiskunstläuferin, eine zielstrebige Schülerin. Auf dem Eis dreht sie graziös Pirouetten, immer ein Lächeln im Gesicht. Nicht einfach, so eine große Schwester zu haben, das stellt auch die zwölfjährige Stella fest. Katja ist mitten in der Pubertät und wird rasend schnell erwachsen, Stella hingegen hat den Kopf in den Wolken. In ihrem Kinderzimmer füllt sie ihr Tagebuch mit kitschigen Liebesgedichten, pflegt mit Begeisterung ihre Käfersammlung und taucht zu Katjas Wettkämpfen in grellpinken Outfits auf. Stella möchte sein wie Katja. Allerdings sehen ihre Bewegungen auf dem Eis eher plump aus, und der hässliche Schutzhelm dabei macht die Sache nicht besser.

Doch dann hat Katja plötzlich allerhand Probleme. Sie ist gereizt, ihre Zielstrebigkeit wandelt sich in Wahnsinn, sie trainiert unablässig, isst weniger. Stella beobachtet das besorgt und möchte es den Eltern sagen, aber Katja hat etwas gegen sie in der Hand – sie weiß, dass die Liebesgedichte in Stellas Tagebuch Katjas Trainer Jakob (Maxim Mehmet) gewidmet sind, einem Mann, der fast viermal so alt ist wie sie. Aus Angst schweigt Stella und muss zusehen, wie sich ihr Vorbild selbst zerstört.

Das Regiedebüt der Schwedin Sanna Lenkens erzählt seine Geschichte einer kleinen Schwester mit viel Liebe fürs Detail. In Stellas kindliche Unschuld dringt Katjas Essstörung wie ein Fremdkörper ein. Während die beiden in einem Moment noch scherzend und lachend auf dem Kinderzimmerboden liegen, faucht Katja schon bald die gesamte Familie mit einer erschreckenden Hysterie an. Erst nach und nach versteht alleine Stella, was mit ihrer Schwester los ist. Dass Katja zu viel trainiert und die Chips, auf die sie beim Fernsehabend verzichtet, dann nachts heimlich aus dem Mülleimer fischt, bemerkt nur sie. Stella erträgt Katjas Wutausbrüche, doch die Geheimniskrämerei und das erdrückende Wissen gehen nicht spurlos an ihr vorbei.

Völlig zu Recht wurde dieses zarte Drama ums Erwachsenwerden und familiäre Bindung auf der jüngsten Berlinale mit dem Gläsernen Bären der Reihe Generation ausgezeichnet. Ein echte Entdeckung sind auch die beiden Hauptdarstellerinnen: Rebecka Josephson spielt Stella mit neugierigem Blick und hinreißender Authentizität, während Amy Seasismont die psychischen und physischen Strapazen so brillant wie anrührend glaubhaft macht.

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