Kultur : Kinderseelen

„Die Einsamkeit der Primzahlen“ als Film

Martin Ernst

Nur durch sich selbst und eins teilbar – Primzahlen sind die Einsamen unter den Zahlen. Vor drei Jahren hat der Mathematiklehrer Paulo Giordano diese nüchterne Zahlenwahrheit metaphorisch für eine zarte Beziehungs(losigkeits-)geschichte aufgeladen – und dabei in Italien mit seinem Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ beim Publikum und der Literaturkritik einen Hit gelandet. Mattia (Luca Marinelli) und Alice (Alba Rohrwacher) sind von Kindheitstraumata gepeinigte Seelenverwandte, die zusammen erwachsen werden und doch nie einen gemeinsamen Nenner finden.

Seit Mattia als Achtjähriger den Tod seiner geistig behinderten Zwillingsschwester verschuldet hat, neigt er zu selbstverletzenden, selbstzerstörerischen Aktionen. Im Biologie-Unterricht rammt sich das Mathe-Genie vor versammelter Klasse schon mal ein Messer in die Hand. Da braucht es kaum noch die abgelauschte Klage der verbitterten Mutter (Isabella Rossellini), um den Teenager in die psychische Isolation zu treiben. Bei der magersüchtigen Alice ist es der herrische Vater, der die Tochter auf eine neblige Skipiste zerrt und damit den Unfall provoziert, der eines ihrer Beine lähmt. Als die beiden sich auf einer Schulparty vorsichtig näherkommen, schließen sie eine schüchterne Freundschaft, die Jahre hält.

Wie verfilmt man einen Stoff, der vom chronischen Alleinsein handelt, bei dem oft das Schweigen regiert? Regisseur Saverio Costanzo setzt auf sprechende Körperlichkeit – die narbenübersäte Haut Mattias etwa und die extreme Magerkeit Alices. Zudem hat er die lineare Erzählweise des Romans gemeinsam mit Giordano, der am Drehbuch mitschrieb, in drei stets changierende Zeitebenen aufgelöst, die Kindheit, Schul- und Studienzeit der beiden Protagonisten. So wird nicht nur das unsichtbare Band fühlbar, das dieses Nichtpaar in Einsamkeit vereint, auch Gegenwart und Vergangenheit greifen immer wieder schmerzhaft ineinander. Als Mattia und Alice sich in ihren Dreißigern in Turin wiederbegegnen, sind sie letztlich zerrüttete Kinderseelen geblieben. „Die Einsamkeit der Primzahlen“ erzählt dies leise, mitunter sachte ironisch, nie sentimental. Martin Ernst

Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz,

Filmkunst 66, FaF Friedrichshain, Passage

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben