Kirchenkritiker Karlheinz Deschner gestorben : Der Anti-Humanismus der Kirche

Die christlichen Kirchen sah er als kriminelle Macht, ihnen bot er die Stirn: Der radikale Kirchenkritiker, Schriftsteller und Literaturkritiker Karlheinz Deschner starb im Alter von 89 Jahren. Ein Nachruf.

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Karlheinz Deschner. Foto: Weißbach/dpa
Karlheinz Deschner. Foto: Weißbach/dpaFoto: dpa

Er hatte sein Antidot gefunden, bevor ihn die vollständige Gottesvergiftung ereilte. Karlheinz Deschner, 1924 in Bamberg als Sohn eines Försters und Fischzüchters geboren, war als Schüler erst unter die Franziskaner, dann unter die Karmeliter geraten, die zusammen mit den Englischen Fräulein am oberfränkischen Bischofssitz ein Internatsgymnasium betrieben. Doch ob es der Krieg war, der ihn für den Glauben verdarb und nach mehreren Verwundungen 1945 als Fallschirmjäger entließ, oder die Lektüre von Schopenhauer und Nietzsche, die er während seines Literatur- und Geschichtsstudiums in Würzburg verschlang: In ihm wuchs eine Verachtung auf das Christentum im Allgemeinen und den Katholizismus im Besonderen, aus der eine Lebensaufgabe wurde. 1962 erschien unter dem Titel „Abermals krähte der Hahn“ eine „kritische Kirchengeschichte“ von 800 Seiten Umfang, aus der später die zehnbändige „Kriminalgeschichte des Christentums“ wurde. Erst im vergangenen Jahr erschien nach einem Vierteljahrhundert titanischer Anstrengungen der Schlussstein dieses Opus magnum – ein Buch, das sich der schmächtige, zusehends entkräftete Deschner selbst wohl kaum mehr zugetraut hatte.

Er war ein Einzelgänger - und rechnete mit einer verhassten Übermacht ab

Die Geschichte der Kirche war für ihn eine bluttriefende „Geschichte der Unmenschlichkeit“. Die Belege, die er in seinem kleinen Haus im unterfränkischen Haßfurt zwischen Bücherwänden, umherspazierenden Katzen und der liebevollen Zuwendung seiner Frau sammelte, waren erdrückend. Doch was er in täglichen Zehn- bis Zwölfstundenschichten in seine Olympia hämmerte, entsprang auch einer Obsession. Deschner wendete den Blick weder nach links, wo die säkulare Machtgier mindestens so viele Opfer gefordert hatte, noch nach rechts, wo eine moderne Theologie versuchte, die Vereinfachungswut der Institution Kirche philosophisch zu verfeinern und menschenfreundlicher zu gestalten. Er betrieb die Abrechnung eines Einzelgängers mit einer verhassten Übermacht. Als solcher wird er in Erinnerung bleiben – und als Anwalt eines Projekts, das seine große Provokationskraft längst verloren hat. Vor Gericht wollte ihn, nachdem er 1971 wegen Kirchenbeschimpfung angeklagt war, niemand mehr zerren.

Es lohnt aber, bei dieser Gelegenheit auch an den Literaturkritiker Karlheinz Deschner zu erinnern. Dessen Karriere begann mit zwei Bänden, die es nach wie vor zu lesen lohnt. In seiner Streitschrift „Kitsch, Konvention und Kunst“ (1957) stellte er unter anderem Hermann Hesse ein vernichtendes Kitschurteil aus, in „Talente, Dichter, Dilettanten“ (1964) legte er Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Heinrich Böll und Gerd Gaiser unter die stilistische Lupe – mit augenöffnenden Ergebnissen. Stattdessen versuchte er, Hans Henny Jahnn, Robert Musil und Hermann Broch als bedeutende Autoren zu installieren.

Für die junge Bundesrepublik war dieser doppelte Angriff auf das noch aus Nazideutschland stammende Innerlichkeitsgetue und die forsche Meinungsführerschaft der Gruppe 47 erfrischend. Deschner, der sich selbst ohne große Fortune als Romancier betätigt hatte, war sicher auch in diesem Genre ein zartfühlender Rechthaber: erbsenzählerisch bis zu einem Punkt, an dem er das ästhetische Ganze aus dem Blick verlor, und in der Makel auf Makel häufenden Darstellung oft selbst ohne Eleganz. Zugleich musste man ihm den Literaturliebenden abnehmen, als der er sich in diesen Texten präsentiert. Kritik war für ihn eine Sache der Gerechtigkeit um jeden Preis – notfalls auch den des Masochismus. „Ich bin Kritiker, auch meiner selbst“, hat er auf seiner Website www.deschner.info festgehalten: „Ich habe ein Schafott in mir.“ Am Dienstagmorgen ist Karlheinz Deschner mit 89 Jahren in einer Klinik bei Haßfurt gestorben.

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