Klassikerlebnis durchs Kameraauge : Als Kolibri durch den Saal schweben

Berlins Orchester lassen sich viel einfallen, um neues Publikum zu gewinnen. Das Konzerthaus setzt auf virtuelle Realität - mittels einer speziellen Brille.

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Klassik rundum. Das Konzerthausorchester wurde samt Dirigent von einem Kugelauge mit zwölf Kameras gefilmt.
Klassik rundum. Das Konzerthausorchester wurde samt Dirigent von einem Kugelauge mit zwölf Kameras gefilmt.Foto: Konzerthaus

„Boah, das ist ja echt lol, Alter!“ Die Kinder der 5a sind begeistert. Mit „Alter“ meinen sie ihre Klassenkameraden, „lol“ steht für die SMS-Abkürzung „laugh out loud“ und ist hier eindeutig als Ausruf der Anerkennung gemeint. Was die Schüler der Friedenauer Ruppin-Grundschule so fasziniert, ist eine „Virtual Reality“-Brille. Ein Ding, das ungefähr so aussieht wie jener Augenschutz, den man aus dem Chemie-Unterricht kennt – nur, dass vor die Gläser noch ein Handy eingeklinkt wird. Was den Träger ziemlich dämlich aussehen lässt, dafür aber ein Abtauchen in künstliche Welten ermöglicht, die vor den Augen des VR-Brillenträgers entstehen.

An diesem Vormittag sind es allerdings nicht täuschend echte Simulationen von Achterbahnfahrten, die den Kids aufgeregte Kommentare entlocken, und auch keine fiesen Baller-Spiele – sondern Ivan Fischer und das Konzerthausorchester. Mit zwölf Kameras gleichzeitig wurden die Musiker und ihr Chefdirigent dabei gefilmt, wie sie Mozarts „Jupiter“-Sinfonie interpretieren. Wobei das Kugelauge mit dem Dutzend Objektiven hoch über dem Orchester angebracht war und darum gleichzeitig alle Ecken des Saales einfangen konnte. Ein Team der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Oberschöneweide synchronisierte die Aufnahmen anschließend am Computer, sodass der Betrachter dieser virtuellen Realität sich nun wie ein Kolibri fühlen kann, der während einer Live-Aufführung unter der Saaldecke schwebt.

An Jungvögel im Nest erinnern die Kinder der 5a jetzt tatsächlich ein wenig, wenn sie ruckartig ihre Köpfe bewegen, mal nach unten sehen, mal hinter sich, dann wieder das Kinn heben, gefangen vom ungewohnten Sinnenrausch: „Da ist so ein Typi, der komisch mit den Armen fuchtelt!“, rufen die, die noch nichts über Dirigenten wissen. Andere können ganz selbstverständlich Geigen von Celli und Kontrabässen unterscheiden. Beim Blick rückwärts entdecken sie die Holzbläser, mustern, das Kinn nach oben gereckt, die prächtigen Malereien auf der Kassettendecke des Saales oder wundern sich darüber, dass die Leute im Parkett und auf den Rängen alle so still dasitzen. Besonders aber fesselt sie das Höhenerlebnis, der Blick aus der Vogelperspektive auf das musikalische Geschehen unter ihnen.

Das technische Spielzeug beweist seine Zauberkraft

Pia Holzer vom Konzerthaus ist zufrieden. Das technische Spielzeug hat einmal mehr seine Zauberkraft bewiesen. Seit einem halben Jahr arbeiten die Mitarbeiter des Musentempels vom Gendarmenmarkt mit der VR-Brille - und erreichen damit ganz neue Zielgruppen. Schulbesuche wie hier in Friedenau sind noch die Ausnahme, normalerweise werden Passanten beglückt, die zufällig im Konzerthaus vorbeischauen. Intendant Sebastian Nordmann hat keine Scheu davor, mit allen erdenklichen Mitteln um sein Publikum zu werben. Darum lässt er bereits tagsüber die Türen seines Hauses öffnen: Wer die Freitreppe hochsteigt, wird dort von Ehrenamtlichen aus dem Konzerthaus-Freundeskreis ins Vestibül gebeten. Unter dem Motto „Einblick frei“ kann man durch die Türen in den klassizistischen Saal linsen und auch wenn gerade keine Musiker proben, das Konzerthausorchester vor Ort erleben, dank der VR-Brille.

Neben dem Film-Modus, der die Ruppin-Grundschüler so schön schwindelig gemacht hat, gibt es auch noch eine Version für Fortgeschrittene, die nicht nur die Instrumentalisten bei der Arbeit zeigt, sondern gleichzeitig auch die innere Struktur der erklingenden Töne sichtbar macht. Da es sich beim Finale der „Jupiter“-Sinfonie um eine Fuge handelt, also eine Satzform, bei der ein Thema ständig durch die Instrumentalgruppen wandert, haben sich die Studierenden vom Institut für Kultur und Informatik der Hochschule für Wirtschaft und Technik Symbole einfallen lassen, die in der VR-Brille jeweils über den Köpfen der Musiker auftauchen, die gerade mit dem Thema dran sind.

Boah Alter. Greta und Lilly von der Ruppin Grundschule in Friedenau testen eine Virtual-Reality-Brille des Konzerthauses.
Boah Alter. Greta und Lilly von der Ruppin Grundschule in Friedenau testen eine Virtual-Reality-Brille des Konzerthauses.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Auch wenn die großen Berliner Orchester wahrlich nicht über Publikumsmangel klangen können, starten sie in jüngster Zeit immer ausgefallenere Aktionen, um Menschen zu erreichen, die bislang noch kein Interesse an Klassik gezeigt haben. Die Berliner Philharmoniker haben zum einen ihre kostenlosen Lunch-Konzerte im Foyer jeweils am Dienstag zur Mittagszeit, zum anderen rackert sich die Education-Abteilung des Orchesters nach der enormen Erfolgsserie der Tanzprojekte mit Kindern jetzt auf dem Feld des Chorgesangs ab, will möglichst viele aus allen Ecken der Stadt zu „Vokalhelden“ machen. Aus dem Kontakt des Rundfunk-Sinfonieorchesters mit dem beliebten, aber in Sachen Bach, Beethoven, Brahms und Co. ziemlich unbeleckten Radio-Eins-Moderator Volker Wieprecht ist eine eigene Kammermusik-Reihe entstanden. Dass Wieprecht bei den Konzerten im Kühlhaus am Gleisdreieck die Musiker mit seinen Laien-Fragen löchert, gefällt vielen im Publikum ganz besonders.

Das Deutsche Symphonie-Orchester wanzt sich an DJs heran

Gleich an die allercoolste Zielgruppe wanzt sich das Deutsche Symphonie-Orchester mit seinem „Remix Contest“ heran: an die DJs nämlich. Die können sich im Netz die Grundbausteine einer klassischen Komposition als Samples herunterladen und dann in ihrem ganz privaten Style neu zusammensetzen.

Handgemachte Musik ist dagegen beim „Symphonic Mob“ gefragt, zu dem Freizeit-Instrumentalisten und -sänger vom blutigen Anfänger bis zum Semi-Profi eingeladen sind. Mit den spontan übers Internet verabredeten Zusammenrottungen hat die Aktion bei genauerem Hinsehen natürlich nichts zu tun, weil so ein Massenmusizieren nur zu organisieren ist, wenn der Termin lange im Voraus feststeht. Die Noten zum Event können sich alle potenziellen Teilnehmer online herunterladen, und zwar sowohl in der Originalfassung wie in einer vereinfachten Version. Außerdem haben die DSO-Profis Video-Tutorials aufgenommen, bei denen sie Tipps zum Üben geben. Diesmal ist es der 16. Mai, und kein Geringerer als der ehemalige DSO-Chefdirigent Kent Nagano wird dann in der Mall of Berlin zwei Stücke aus Bizets „Arlésienne“ dirigieren.

An neuen Formen der Kommunikation mit dem Publikum arbeiten auch die Berliner Festspiele – weil vom Bundestag ein Programm mit dem Titel „Immersive Künste“ aufgelegt wurde. „Bestandteil des Projekts ist eine Kooperation mit dem Sender Arte, der als Erster eine 360-Grad-Videoplattform aufgebaut hat“, erklärte Intendant Thomas Obererender im Januar im Tagesspiegel-Interview. „Immersiv ist ein im englischen Sprachraum gebrauchtes Wort für eine Erlebnissituation, in der man einem Werk nicht mehr gegenübersteht, sondern ,drin‘ ist. Die zeitgenössische Medienrevolution und das Internet verändern auch die analogen Künste und damit die Arbeitsweise unserer Institutionen.“

Auch ein VR-Brillen-Kino existiert neuerdings in Berlin

Seit Anfang April gibt es auch ein kommerzielles VR-Brillen-Kino in Berlin, betrieben vom niederländischen Veranstalter Samhoud Media in den Spreewerkstätten am Molkenmarkt. 30 Minuten dauert die Vorführung mehrerer Kurzfilme, die teilweise animiert sind und teilweise mit echten Schauspielern realisiert wurden.

Für Menschen, die der virtuellen Realität immer noch die Wirklichkeit vorziehen, hat das Konzerthaus übrigens auch ein ganz besonderes Angebot parat: „Mittendrin“ heißt das Format, bei dem die Sitzreihen im Saal ausgebaut werden und sich das Publikum direkt zwischen die im ganzen Raum verteilten Orchestermitglieder platzieren kann, um so denselben Höreindruck wie die Profis zu haben – und am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, unmittelbar vor einer Posaune oder neben den Pauken zu musizieren.

Das nächste „Mittendrin“-Konzert findet am 16.6. statt. Infos zum Symphonic Mob unter www.symphonic-mob.de, zum VR-Kino unter www.thevrcinema.com

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