Klaus-Dieter Lehmann : "Wir können klug und richtig sparen"

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, spricht im Tagespiegel-Interview über Haushaltspolitik und die neue Rolle der Kultur.

Klaus-Dieter Lehmann
Klaus-Dieter LehmannFoto: ddp

Herr Lehmann, im Frühjahr wollte das Goethe-Institut seine neue Europa-Strategie vorstellen. Ist das in den Turbulenzen um den Euro ad acta gelegt worden?

Nein, es gab Terminprobleme mit unserer Impulskonferenz „Nachbarschaften“ auf dem Flughafen Tempelhof, in deren Rahmen wir unsere neuen Überlegungen zu Europa darstellen wollten. Das wird nun im Herbst geschehen, in einer veränderten gesamtpolitischen Situation, auf die wir reagieren müssen.

Ist Kultur eine stabilere Währung als der Euro – oder die alte Mark?

Man hat sich in Europa lange auf den Zahlmeister Deutschland verlassen und nie überlegt, wo Regulierungen geschaffen werden müssen oder wo sie entfallen können. Jetzt haben wir eine ganz andere Lage. Europa muss sich auf seine Zivilgesellschaft besinnen, sonst kann es politische Stabilität nicht geben. Die Menschen müssen die europäische Idee unmittelbar einsehen, man kann europäisches Denken nicht von oben verordnen.

Kultur und Wirtschaft rücken in der Globalisierung immer dichter zusammen, wie man bei der Expo in Schanghai sieht. Dort präsentieren sich deutsche Industrie und Kunst und Kultur neben- und miteinander. Das passt nicht jedem, zumal in der Kultur. Muss das Goethe-Institut hier umdenken?

Wenn die Kultur ihre Rolle selbstbewusst spielt, halte ich das für eine gute Entwicklung. Früher war die Kultur der Bittsteller und die Wirtschaft der Geldgeber. Man hat getrennte Welten aufgebaut, um sich nicht zu kontaminieren. Diese alten Muster sind verbraucht, sie waren auch falsch. Die Wirtschaft hat verstanden, dass kulturelle Eigenständigkeit ein bedeutender Wert ist, der das Bild Deutschlands mitbestimmt, nicht zum Schaden der Wirtschaft übrigens. Wir haben dafür gekämpft, dass die Projektleitung der „Deutschlandjahre“ beim Goethe-Institut liegt. Nach China werden wir uns 2011/12 in Indien präsentieren, nicht mit einer Produktschau, sondern in einer Dramaturgie von Wirtschaft und Kultur.

Wie hat man sich das vorzustellen?

In Indien werden wir das Thema Megacities, die riesigen städtischen Ballungsräume, in den Mittelpunkt stellen. Dabei geht es um Fragen der Mobilität, Migration, Energie, der Stadtentwicklung. Wie leben Menschen künftig miteinander, in Asien, in Europa, das ist eine eminent wichtige Kulturfrage. Es wird ein ganzer Teil des Lebens, der Zukunft ausgeblendet, wenn wir allein über die mechanistisch-technische Schiene laufen. Die Wahrnehmung der Welt ist komplexer geworden, dem muss jeder Rechnung tragen und seine Kompetenz einbringen.

Vom Zahlmeister Europas zum Lehrmeister der Welt – ist das die deutsche Rolle?

Überhaupt nicht. Ich bin kein Missionar, aber ich nehme die Position der Kultur in der Welt als Mandat wahr, so wie die Wirtschaft auch ihr Mandat wahrnimmt. Die Kultur kann sich jetzt nicht in einen Schmollwinkel zurückziehen, sie muss gestalten.

Das Auswärtige Amt sieht das anders. Die für Kultur zuständige Staatsministerin Cornelia Pieper will dem Goethe-Institut zehn Millionen Euro aus dem laufenden Etat streichen, weitere harte Kürzungen für die nächsten Jahre sind geplant.

Das kann das letzte Wort nicht sein. Der Koalitionsvertrag nennt das Goethe-Institut das Flaggschiff der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Der Außenminister spricht vom „Juwel Goethe-Institut“. Die Bundeskanzlerin erklärt, es werde in der Bildungspolitik keine Kürzungen geben. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass Kürzungen beim Goethe-Institut in dieser Form erwogen werden. Wir haben in den Jahren 2006 bis 2009 immerhin 25 Prozent Personalkosten eingespart.

Die notwendige Strukturreform des alten Beamtenapparats im Goethe-Institut.

So kann man das nicht sagen. Das Goethe-Institut hatte nie einen Beamtenapparat. Richtig ist, dass wir mit dem Leitspruch „Die Innovation kommt von der Peripherie“ die Verantwortung stärker dezentralisiert, die Zentrale verschlankt und die Finanzverantwortung durch Budgetierung unternehmerisch ausgestaltet haben. Wir haben damit den Anteil der flexiblen Programmkosten von einem Viertel auf ein Drittel des Gesamtbudgets erhöht. 2009 war das erfolgreichste Goethe-Jahr, mit 228 Millionen Euro öffentlichen Zuwendungen und 63 Millionen Euro Eigeneinnahmen. Mit den Neugründungen in 2009 werden 150 Institute in 84 Ländern gezählt. Wir setzen das öffentliche Geld möglichst sinnvoll ein. Das Goethe-Institut hat gezeigt, es kann sich reformieren, es kann klug und richtig sparen, und es kann die Eigeneinnahmen steigern.

Wird das reichen? Der Staat ist dramatisch überschuldet.

Wir wollen keine Sonderrolle, das Goethe-Institut wird sich den globalen Minderausgaben nicht verschließen. Aber man darf uns nicht die Möglichkeit nehmen, unsere Ausgaben selbst zu gestalten. Die Absicht, die Verwaltungsausgaben von 2010 bis 2014 auf dem Stand des Haushaltsjahres 2009 zu deckeln, bedeutet die Aufgabe der flexiblen und eigenverantworteten Haushaltsführung. Wir müssten jeweils aus den Programmgeldern nachschießen und die Goethe-Institute liefen Gefahr, zu „schwarzen Löchern“ zu werden, aus denen kein Signal mehr nach außen dringt. Wir sind keine Liegenschaftsverwalter, wir sind Kulturmittler. In der Verwendung der Mittel ist das Goethe-Institut so transparent wie nie zuvor. Mithilfe des Deutschen Bundestages haben wir die Kameralistik überwunden. Wir sollten nicht wieder dahinter zurückfallen. Das wäre ein schlimmer Fehler.

Der frühere Außenminister Fischer hat sich für das Goethe-Institut kaum interessiert. Sein Nachfolger Steinmeier dagegen setzte sich leidenschaftlich für Kultur und Kulturvermittlung ein. Droht mit Westerwelle ein Rückfall in alte, ignorante Zeiten?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Herr Westerwelle und Frau Pieper sind sicher nicht am Niedergang des Goethe- Instituts interessiert. Möglicherweise wird aber die kulturpolitische Bedeutung einer solchen finanztechnischen Entscheidung nicht in dieser direkten Abhängigkeit gesehen, obwohl ich mir gerade bei den Liberalen die Wertschätzung unternehmerischer Eigenverantwortung erwartet hätte. Die Finanzpolitiker der Koalition haben sich von der wirtschaftlichen Linie des Goethe-Instituts überzeugt, die Haushälter sind auf unserer Seite. Was jetzt an „Folterwerkzeugen“ im Gespräch ist, das ist keine Vorgabe des Bundesfinanzministeriums, es kommt aus dem Auswärtigen Amt. Und dort kann man das positiv entscheiden. Sonst würde ich die Welt nicht mehr verstehen.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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