Kultur : Komik im Schatten der Trauer

Diogenes ohne Tonne: Dem Schauspieler Heinz Bennent zum 90. Geburtstag

von
Meister der Melancholie. Heinz Bennent, hier im Jahr 2001. Foto: dpa
Meister der Melancholie. Heinz Bennent, hier im Jahr 2001. Foto: dpaFoto: dpa

Er ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die es nicht nur als Teutonendarsteller und Filmnazi zu internationalem Ruhm gebracht haben. In François Truffauts „Letzter Metro“ war Heinz Bennent der im Unterboden versteckte jüdische Privattheaterdirektor, behütet und, streng genommen, auch ein wenig betrogen von seiner schönen Gattin und Primadonna in Gestalt von Catherine Deneuve. Bennent spielte vor allem ein inneres Drama. Seine bezaubernden Anflüge von ironischer Melancholie glichen stillen Explosionen.

Man könnte Heinz Bennent mit Fug als Star bezeichnen – und tut ihm doch nicht recht. Denn dieser in der persönlichen Begegnung höchst bescheidene Mann, den zugleich eine Aura des Künstlers und Antibourgeois umweht, ist keiner für die Oberfläche. Bei ihm kommt auch der Glamour von innen, aus einem eigensinnigen Charakter, in dem es brennt ohne Rauch. Man spürt nur seine Intensität. Wie seine Komik, die im Schatten der Trauer leuchtet.

Es passt deshalb wunderbar, dass der große alte Bennent, ein zierlich schlanker und doch kräftiger Herr, einen seiner letzten großen Theatertriumphe mit seinem Sohn David gefeiert hat: Heinz war der blinde (oder auch nur scheinblinde) Hamm, ein grantelnder König oder Clochard auf seinem Thron (oder Abtritt), und David spielte um ihn herum den Knecht und Clown Clov – 1995 in Becketts „Endspiel“.

Die Aufführung kam aus dem schweizerischen Lausanne. Dort abwechselnd in der Stadt und im Umland in einem Bergbauernhaus, auf 2000 Meter Höhe, wohnt Heinz Bennent mit seiner Frau Diane, einer ehemaligen Pariser Tänzerin. Früher lebten hier auch die Kinder David und Anne, die beide selber Schauspieler geworden sind. Wenn sie sich nicht in ihrer Fischerhütte auf Mykonos aufhielten, wo die Eltern die Kinder, ohne offizielle Schule, selber unterrichtet haben. Auf dem Berg, am Meer – so abgeschieden wie möglich. „Das „Endspiel“ indes tourte durch ganz Europa. Vater und Sohn waren die Inbilder einer Jahrhundertkomödie, doch zugleich auch Außenseiter, zwei in die Farce verdammte, verdammt komische Tragöden. Opferhelden. Oder: Theatermenschen.

Heinz Bennent, der auch ein wunderbarer König Lear wäre, hat selber im „Lear“ den Narren gespielt, bei Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen. Der Lear war Rolf Boysen, sein Kompagnon Bennent mit der Penner- und Clownsmütze daneben ein scharfer, gallig närrischer Philosophenkönig. Ein Diogenes ohne Tonne. Bissig mit seinem trockenen Witz auch Bennents eitel kluger, auf dem Bühnen-„Realismus“ beharrender Großschauspieler in der Münchner Uraufführung von Botho Strauß’ „Besucher“. Oder seine Schnitzler-Figuren, die das Grandseigneurale nie abgesichert zeigten, sondern porös, doppelbödig, Endspieler auch sie in der Dämmerung der K.u.k.- Epoche.

Er kommt vom Theater, doch das große Publikum kennt ihn vom Film. Er war ein sonderbar schwuler Gemüsehändler in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ oder der wahnsinnige Wissenschaftler und Mörder Vergérus in Ingmar Bergmans „Schlangenei“ – und ist ein Schauspieler der jüngeren Filmgeschichte. Kaum zu glauben, an diesem Montag wird Heinz Bennent 90 Jahre alt. Spiel’s noch einmal! Peter von Becker

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben