Kunstfreiheit : Frühling in Kairo, Frost in Peking

Der Kulturaustausch in Ländern mit Zensur kann viel bewirken, meint Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts. Das Engagement des Instituts in China ist ein gutes Beispiel dafür.

Klaus-Dieter Lehmann
Die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking ist umstritten.
Die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking ist umstritten.Foto: dpa

Die Welt ist unruhiger geworden. Am deutlichsten sind die Veränderungen derzeit in der arabischen Welt zu erleben. Die Volksaufstände richten sich nicht gegen einen äußeren Feind, sie werden nicht getragen von Religion oder Ideologie, sie richten sich gegen autokratische Herrscher, gegen korrupte Regime, gegen politische Unfreiheit und mangelnde Bildungs- und Berufschancen. Eine sozial und kulturell motivierte Bewegung, getragen insbesondere von der Jugend, kennzeichnet den Kampf. Diese Jugend will nicht die verlorene Generation sein. Für Frauen stellt das konservative Wertesystem eine erhebliche Barriere gegenüber Bildungs- und Berufschancen dar.

Trotzdem war die Heftigkeit, die Radikalität des arabischen Frühlings für die Welt eine Überraschung. Aber mit dem Umsturz ist die Zukunft noch nicht gewonnen. Zur Demokratie mit Teilhabe und Rechtsstaatlichkeit ist es ein weiter Weg. Die Gefahr einer zunehmenden Radikalisierung ist nicht gebannt, solange es keine wirklichen Perspektiven für die Verbesserung der Lebensverhältnisse gibt.

Die deutsche auswärtige Kultur- und Bildungspolitik war in den letzten Jahren mit dem Sonderprogramm „Netzwerk des Vertrauens“ aktiv. Dabei ging es um die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen im Bereich der Kultur. Das war in Staaten, die als Überwachungsstaaten bezeichnet werden müssen, ein ständig neu auszulotender Prozess, der auch kreativ geführt werden kann. So gab es beispielsweise eine Vortragsreihe zur Korruption. Das Goethe-Institut nannte die Reihe „Entwicklungshemmende Faktoren in aufstrebenden Volkswirtschaften“, so konnte sie durch die Zensur geschleust werden.

Seit einigen Jahren werden in vielen Ländern mit Zensur über die Goethe-Institute mit einem neuen Programm Filmemacher, Kulturjournalisten, Verleger, Kulturakteure für unterschiedliche Sparten ausgebildet, Festivals für Film, Theater, Medienkunst wurden auf den Weg gebracht. Das ist nichts Missionarisches, sondern das Ermöglichen von kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen, die in den Ländern vorhanden sind, aber keine Chance zur Verwirklichung haben. Natürlich vermeiden wir bewusste Provokationen, achten darauf, dass wir Künstler und Referenten nicht in Gefahr bringen. Aber wir erwarten auch, dass unsere Eigenständigkeit geachtet wird, dass wir unsere Lebensformen und Auffassungen vermitteln können.

Viele der Kurzfilme, die bei unserem Filmprojekt „Arab Shorts“ in Kairo entstanden, fanden ihren Weg ins Internet. Der Schriftsteller Chalid al Chamissi aus Kairo schreibt: „Die Kultur war einer der Hauptflüsse, aus der sich die Revolution bis heute gespeist hat.“ Der Videokünstler Mohamed Shoukry meldet nach Deutschland: „Danke mein Freund, unsere kulturelle Freundschaft ist einer der wichtigsten Einflüsse für unsere Revolution.“ Goethe-Institute sind Frei- und Dialogräume. Möglich ist so etwas nur aufgrund der langjährigen Kenntnis voneinander, der Glaubwürdigkeit, des gegenseitigen Vertrauens sowie des Umstandes, dass man nicht mit einem fertigen Plan daherkommt, sondern gemeinsam Initiativen entwickelt.

Die arabische Kulturszene wird durch die Umwälzungen und die damit verbundene Befreiung von Zensur aufleben und sich entwickeln. Wir müssen deshalb die Kooperation verstärken, handwerkliches Können vermitteln und den Anschluss an internationale Entwicklungen ermöglichen. Es ist Basisarbeit, die besonders jungen Menschen zugutekommt, damit sie im eigenen Land Chancen erhalten, damit nicht die besser Ausgebildeten frustriert ihr Land verlassen.

Die Welt ist schneller geworden. Vielleicht ist auch die zunehmende Nervosität bei den Herrschenden in China mit den Demokratiebewegungen in den arabischen Ländern zu erklären: Zur Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ wird einem der mitwirkenden Wissenschaftler, Tilman Spengler, die Einreise verwehrt. Kurz darauf wird der regimekritische chinesische Künstler Ai Weiwei ohne Begründung willkürlich verhaftet.

Natürlich ist China anders, größer, dynamischer, ein Land mit hohen Bildungsanstrengungen, einem ausgeprägten strategischen Denken und unübersehbaren wirtschaftlichen Erfolgen. Aber China kennt zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten: die hohe Geschwindigkeit von Wirtschaft und Wissenschaft, die stark gebremste Geschwindigkeit von zivilgesellschaftlichen Entwicklungen. Der wachsende Mittelstand erwartet mehr eigene Berufs- und Lebensplanung, kulturelle Öffnung. Im Alltagsleben nehmen Chinesen kein Blatt vor den Mund. Im privaten Gespräch unter Intellektuellen, Journalisten und Künstlern ist man sich der Bespitzelung bewusst, man geht aber flexibel damit um. Zensur und – noch wirksamer – Selbstzensur sind alltäglich und gegenwärtig. Chinas Machtapparat weiß durchaus um diese Friktionen. Zensur wird regional unterschiedlich streng gehandhabt. Aber letztlich gibt es keine erkennbaren Regeln für Zensureingriffe.

Das Goethe-Institut wird, wie andere internationale Kulturzentren auch, überwacht, genießt aber im Vergleich zu nationalen Institutionen größere Spielräume. Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz, vom Goethe-Institut und der Robert- Bosch-Stiftung betrieben, spricht durchaus heikle Fragen an und behandelt kontroverse Themen, ist aber bislang ohne Zensureingriffe geblieben. Es gab in den letzten drei Jahren einen Fall von direkter Zensur bei einer Gemeinschaftsausstellung des Goethe-Instituts mit dem Pekinger Kunstviertel 798, bei dem zwei Bilder von Via Lewandowsky beanstandet wurden. Da wir keine amputierte Ausstellung zeigen wollten, haben wir die Ausstellung abgesagt.

Das dreijährige Projekt „China und Deutschland in Bewegung“, das durch sechs Megastädte der Provinzen führte, blieb weitgehend von Eingriffen verschont, auch wenn es immer wieder Verhandlungen gab. Wir konnten erreichen, dass unser Standpunkt akzeptiert wurde. Mit diesem Projekt haben wir ein Millionenpublikum erreicht, das durch das Zusammenspiel von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft viel von unseren Lebenswelten und Lebensweisen erfuhr.

So ist es sicher auch richtig, mit einer großen Ausstellung nach China zu gehen und über die Kunst Themen aufzugreifen, die vielleicht im direkten Diskurs tabuisiert werden. Die Kunst der Aufklärung ist in diesem Zusammenhang eine klug kuratierte Ausstellung zu einer wichtigen Epoche Europas. Sie kann neue Einsichten vermitteln, teilt sich aber ohne Kontext dem allgemeinen Publikum nicht unbedingt mit, sie wird dann eher als exotisch empfunden. Der Zensur wird sie keine Probleme bereiten.

Eine Ausstellung mit einem so ambitionierten Begriff wie Aufklärung kann sich nicht nur auf einen kunsthistorischen Ansatz zurückziehen. Deshalb war insbesondere das junge Publikum merklich irritiert, als beim Eröffnungsforum durch die deutschen Museumsdirektoren nur Floskeln zu Freundschaft und Völkerverständigung geäußert wurden, ähnlich der Sprache der eigenen Funktionäre, und nicht inhaltliche Positionen klar und unmissverständlich ausgesprochen wurden. Es ist falsch zu glauben, dass durch diese Art Wohlverhalten eine Wertschätzung entsteht. Sie konterkariert eher die Ziele der Ausstellung. Ihre Adressaten sind nicht Funktionäre, sondern das erwartungsvolle Publikum. Niemand hätte bei einem deutlicheren Wort das Mikrofon abgeschaltet, aber vielen sind die weichgespülten Reden unangenehm aufgefallen.

Die Ausstellung aus Peking abzuziehen, wäre jetzt das falsche Signal. Richtig ist dagegen die konsequente Vermittlung des Aufklärungsgedankens in Foren und Salons, wie sie die Stiftung Mercator während der Laufzeit von einem Jahr plant. Die Vorkommnisse in China, aber auch die nachfolgende kritikresistente Haltung der Ausstellungsmacher sollte Anlass zum Nachdenken sein. Die Zensur und ihre Mittel sollten nicht verschwiegen werden. Stellung zu beziehen gehört zu unserem Selbstverständnis. Das muss nicht schrill oder belehrend sein, sondern offen und glaubwürdig. Dann kann Kulturpolitik etwas bewirken.

Der Autor ist Präsident des Goethe-Instituts.

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