Kurt Drawerts "Der Körper meiner Zeit" : Das zersprungene Ich

Die eigene Existenz singen: Kurt Drawert erprobt mit „Der Körper meiner Zeit“ eine lyrische Form, an die sich die Gegenwartsdichtung kaum noch herantraut.

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Der Lyriker Kurt Drawert
Der Lyriker Kurt DrawertFoto: Ute Döring

„Ich bin das Unglück von beiden Seiten seiner / Wirkungsgeschichte“: Wer mit solchen Versen die poetische Vermessung der Welt beginnt, der hat wenig Aussichten auf die Leichtigkeit des Seins. Wie viele große Lebensbücher der Moderne entfaltet Kurt Drawerts Langgedicht „Der Körper seiner Zeit“ den Versuch eines gefährdeten Ichs, den Abgrund der eigenen Existenz auszuleuchten. Ein zersprungenes Subjekt besichtigt den „Scherbenhaufen“ des eigenen Lebens und topografiert mithilfe poetischer Ortserkundungen die eigene Misere.

Die Lebensreise des prekären Ichs beginnt im Odenwald, führt über Istanbul in die Schweiz und nach einer elementaren Erschütterung schließlich wieder zurück ins Provinz-Refugium. „Ich hatte immer vom Dunklen ins Helle zu gehen“, heißt es in einem frühen autobiografischen Text Drawerts, „und es war immer ein Gehen wie von der zweiten, zweifelhaften und gefährdeten Seite der Existenz in die geordnete, vernünftige und überschaubare Seite der Existenz.“

Dieses Oszillieren zwischen den verschiedenen Polen der Existenz, diese gegenläufigen, oft paradoxal gefügten Versbewegungen, die sich aus einer Negativität heraus ins Offene tasten, bilden auch in seinem neuen Buch die Grundfigur seines Schreibens. In „Der Körper meiner Zeit“ erprobt Drawert eine lyrische Form, an die sich die Gegenwartsdichtung – mit den aufregenden Ausnahmen von Paulus Böhmer und Ann Cotten – kaum noch herantraut.

Zwischen Sarkasmus und Liebesgedicht

In fünf großen Kapiteln spielt er die Möglichkeiten des langen Gedichts durch und lädt seine erzählerisch weit ausschwingenden Sentenzen mithilfe klassischer Versmaße auf mit einer eminenten Musikalität. Die Bewegung „vom Dunklen ins Helle“ pendelt hin und her zwischen sarkastischen Alltags-Notaten, dem hohen Ton des Liebesgedichts und einer skeptischen, an französischen Meisterdenkern wie Jacques Lacan und Michel Foucault geschulten Sprachphilosophie. Jedes Kapitel wird von einer Reihe von Schwarz-Weiß-Fotografien flankiert, in dem das beobachtende Ich „Blicke auf nichts“ wirft. Um eine angemessene Sprache für die Existenz im metaphysischen Vakuum zu finden, wechselt Drawert immer wieder die Tonlage und lässt die Bilder und Sprachgesten hart aufeinanderprallen.

Elegie, Sarkasmus, Pathos und Lakonie, Aphorismus und Kalauer sind mithilfe des Daktylus eng ineinander verflochten. So wechseln die einzelnen Versblöcke zwischen einem ruhigen, fließenden und dann wieder stockenden Rhythmus. Am Ausgangspunkt des Gedichts sitzt ein mit sich überworfener Dichter in einem abgeschiedenen Refugium im Odenwald und wird zum Protokollanten des eigenen Scheiterns: „Ich habe beschlossen, nur an mir selber zu scheitern, das / ist mein letztes Privileg.“ Aber mitten in der Seelenödnis ereignet sich plötzlich das Unerhörte: Im Zuge einer Reise nach Istanbul erscheint die Möglichkeit einer absoluten Liebe, die erwartungsgemäß bald der Ernüchterung weicht: „Das wohl gehört auch zur Apo-/ rie der Liebe, dass sie sich selbst kein Wort glaubt.“

Auch die Pegida-Bewegung taucht auf

Um nicht einer Larmoyanz des enttäuschten Liebenden Raum zu geben, setzt Drawert immer wieder Bildbrüche in den Fluss der poetischen Rede und zeigt seinen Liebenden als komischen Antihelden. Als unerträgliches Begleitgeräusch taucht an zwei Stellen auch die Pegida-Bewegung auf, der die Verachtung des lyrischen Ichs sicher ist.

Am Ende zerfallen dem Subjekt nicht nur die Illusionen der Liebe, sondern jede Aussicht auf eine verlässliche soziale Bindung: „Mein zer-/sprun-/ genes Subjekt erkannte mich wieder und sah zu, wie ich mir sel-/ ber ein Streitfall ohne Auflösung war.“ Der große Existenz-Gesang des Dichters Kurt Drawert verkehrt Hölderlins Hoffnung in ihr Gegenteil. Seine poetische Rede strebt aus den Begrenzungen und Starrheiten heraus, aber nirgendwo wächst das Rettende: „Komm!, ins Geschlossene, Freund-/in!“

Kurt Drawert: Der Körper meiner Zeit. Gedicht. C.H. Beck, München 2016. 210 Seiten, 21,95 €.

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