Kultur : Langsam ein Mensch

Shin Dong-hyuk schildert, wie er den Gulag in Nordkorea überlebt hat.

Hannes Schwenger

Wer Blaine Hardens „Flucht aus Lager 14“ liest – die Lebensgeschichte eines von nur 26 weltweit lebenden Zeugen eines nordkoreanischen Gulags –, wird nicht weniger schockiert sein als nach der Lektüre von Solschenizyns „Archipel Gulag“. Dabei kommt auch Hardens Bericht über das Schicksal des heute 30-jährigen Koreaners Shin Dong-hyuk ähnlich spät wie Solschenizyns endlich erfolgreicher Weckruf an die Weltöffentlichkeit. Wer erinnert sich noch, dass schon 1948 ein Memorandum des amerikanischen Gewerkschaftsverbands AFL an die Vereinten Nationen Zeugenberichte aus dem russischen Gulag kannte – namentlich sogar die Lager Kolyma und Workuta? Für die Sowjets und ihre gutgläubigen „Fellow travellers“ im Westen war das nur Propaganda, genauso wie Berichte über die Umfunktionierung deutscher Konzentrationslager in sowjetische „Speziallager“.

Dabei konnte, wer es wissen wollte, schon im Beschluss der ersten Sowjetregierung über den „Roten Terror“ vom 5. September 1918 nachlesen, man müsse Klassenfeinde in Konzentrationslagern isolieren. Lenin selbst, nicht erst Stalin verfügte sogar, auch „verdächtige Personen in ein Konzentrationslager außerhalb der Stadt einzusperren“. Aus dem revolutionären Terror wurde unter Stalin und seinen gelehrigen Schülern in China, Kambodscha und Nordkorea ein dauerhaftes Lagersystem für vermeintliche Klassenfeinde und deren Angehörige – im Lande Kim Il Sungs „ohne Ansehen der Person bis in das dritte Glied“. So verfügte der nordkoreanische Diktator 1958 und so verfahren sein Sohn und Enkel bis heute: bis ins dritte Glied.

Shin Dong-hyuk, der bisher einzige Mensch, der in einem nordkoreanischen Lager geboren wurde und dem die Flucht gelang, war einer von geschätzten 154 000 Insassen des nordkoreanischen Gulag, geboren im Lager Nr. 14 für „nicht verbesserungsfähige Häftlinge“ als Kind einer im Lager gestifteten „Belohnungsehe“, deren Partner wegen Wohlverhaltens von der Lagerleitung ausgesucht wurden. Seine Eltern waren „gesäuberte“, das heißt wegen politischer Unzuverlässigkeit – ihrer nach Südkorea geflohenen Verwandtschaft – bestrafte Beamte. Der Vater hatte sich im Lager als Arbeiter an der Drehbank „bewährt“. Shin wuchs bei seiner Mutter in einem eingeschossigen Haus für vier Familien auf, ohne Betten, Tische und Stühle und ohne fließendes Wasser. Nicht selten stahl er der Mutter die karge Essensration und ging mit anderen Lagerkindern aus Hunger auf Ratten- und Froschjagd. Er musste mit ansehen, wie in seiner Schulklasse ein Mädchen zu Tode geprügelt wurde, weil es fünf Maiskörner gestohlen hatte. „Jeder, der Lebensmittel stiehlt oder versteckt“, heißt es in den zehn Lagergesetzen, die auswendig gelernt werden mussten, „wird auf der Stelle erschossen“. Gesetz Nr. 4 lautete: „Den Wärtern ist bedingungslos zu gehorchen.“ Wahrscheinlich war das der Grund, warum Shin einmal mitansehen musste, wie seine Mutter Sex mit einem der Wärter hatte.

Nach seiner gelungenen Flucht als 23-Jähriger berichtete er, dass er als Zwölfjähriger bei der Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders wegen deren Fluchtvorbereitungen zusehen musste. Dass er selbst – von Kind an zur Denunziation erzogen, denn nach Gesetz Nr. 6 mussten sich Häftlinge gegenseitig beobachten und „jedes verdächtige Verhalten unverzüglich anzeigen“ – sie an die Wärter verraten hatte, konnte er erst Jahre später eingestehen, nachdem er sich in der Freiheit von den Wolfsgesetzen seiner Lagerkindheit gelöst hatte. Als Schuld und Trauma wird ihn diese Erinnerung ein Leben lang verfolgen, ebenso wie der Tod seines älteren Fluchtgefährten, der ihm den Fluchtweg nach China verriet, aber am hochspannungsgeladenen Lagerzaun zu Tode kam. Shin gelang die Flucht buchstäblich über die Leiche. Als Wanderarbeiter konnte er sich quer durch China bis nach Schanghai in die südkoreanische Botschaft durchschlagen, die ihm zur Ausreise verhalf.

Heute lebt Shin in den Vereinigten Staaten, nachdem er in Südkorea Monate in der Psychiatrie zugebracht und einen Lebens- und Lagerbericht in 3000 Exemplaren veröffentlicht hatte, von dem nur 500 Stück verkauft wurden. Wie es DDR- Flüchtlinge in der alten Bundesrepublik erleben mussten, wollten auch die südkoreanischen Landsleute nur widerstrebend vom Leiden ihrer Brüder und Schwestern in Norden Kenntnis nehmen. Es war der amerikanische Journalist Blaine Harden, der Shins Schicksal in einer Reportage für die „Washington Post“ aufgriff und ihn über Jahre hinweg mit Gesprächen begleitete, bis Shin Lagertrauma und Schuldgefühle so weit überwand, dass er sich in eine Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln verliebte und mit ihr eine Hilfsorganisation für seine Landsleute gründete. Auch diese Verbindung war nicht von Dauer, aber bei der vorläufig letzten Begegnung von Harden mit Shin Dong-hyuk blieb dem Autor der Eindruck, Shin habe „seine Vergangenheit in den Griff bekommen“. Mit Shins eigenen Worten: „Sie erzogen uns von Geburt an so, dass wir zu normalen menschlichen Gefühlen nicht in der Lage waren. Jetzt, da ich draußen bin, lerne ich Gefühle zu haben. Ich habe zu weinen gelernt. Ich habe das Gefühl, langsam menschlich zu werden.“











– Blaine Harden:
Flucht aus Lager 14. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 254 Seiten, 19,99 Euro.

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