Kultur : Lebenskunde: Die Schulen dürfen nicht wertfrei sein (Kommentar)

Bruno Osuch

Es gibt in Berlin eine historisch gewachsene Alternative zum Religionsunterricht: die in der freidenkerischen Tradition stehende "Humanistische Lebenskunde". Träger des Faches ist der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der in Berlin seit den fünfziger Jahren als Weltanschauungsgemeinschaft für Konfessionsfreie anerkannt ist. Während ein staatlicher, weltanschaulich neutraler Ethikunterricht die verschiedenen Positionen lediglich nebeneinander darstellen und diskutieren darf, kann die Lebenskunde eindeutig auf eine weltliche Sinnperspektive hinarbeiten.

Die zentralen Werte der Lebenskunde wie Selbstbestimmung, Verantwortung und kritisches Hinterfragen zum Beispiel von Ideologien oder Religionen können zu einer entsprechenden Lebensführung ermuntern. Das schließt menschliche Krisenerfahrungen ebenso ein wie verdrängte Ängste und Sehnsüchte. Ein Markenzeichen des Faches ist die Lebensnähe. Zentrale Fragen sollen auch heute vor allem über die Alltagserfahrungen der Schüler sowie durch ganzheitlich orientierte Methoden erschlossen werden. Damit erhält das Fach eine besondere Funktion im Rahmen der Wertevermittlung. Es ist nicht durch einen staatlichen Ethikunterricht ersetzbar und stellt eine adäquate Alternative zu einem am Gottesglauben orientierten Religionsunterricht dar.

Weithin unbekannt ist der Umstand, dass die Lebenskunde der Vorläufer nahezu aller heutigen Ethikangebote in der deutschen Schule ist. Erste Überlegungen für eine Alternative zum Religionsunterricht gehen in Deutschland bis 1848 zurück, repräsentiert etwa durch den Führer der Linksliberalen in der Frankfurter Paulskirche, den Freidenker Robert Blum. Der HVD feiert in diesem Herbst die Einführung des Faches vor 80 Jahren. An dem Unterricht nehmen im neuen Schuljahr über 30 000 Schülerinnen und Schüler teil, Tendenz weiter steigend.

"Lebenskundliche Unterweisungen" (der Begriff ist seit Ende des 19. Jahrhunderts nachgewiesen) beschränkten sich auf Grund der kirchlichen Hegemonie zunächst auf außerschulische Angebote freidenkerischer beziehungsweise freireligiöser Gruppen vor allem im Umfeld der Sozialdemokratie. Seitdem gehört die Forderung nach Trennung von Kirche und Schule, die Gleichbehandlung des weltlichen Humanismus und eine verbindliche Wertebildung in allen Fächern gerade in der Berliner SPD zum Kernbestand ihrer Programmatik. Das führte 1947 zu entsprechenden - im Wesentlichen noch heute gültigen - schulgesetzlichen Festlegungen.

Hervorzuheben ist, dass sämtliche Anträge für den nächsten Landesparteitag sowie alle Fachgremien der Berliner SPD diese Positionen bekräftigen - eine Tradition, die in allen gegenwärtigen Planspielen, insbesondere vom SPD-Schulsenator bei einer mittlerweile mehrheitlich konfessionsfreien Bevölkerung, berücksichtigt werden sollte. Der HVD unterstützt die von der SPD wie von den Berliner Grünen und der PDS getragene Auffassung, die Werteerziehung durch den Ausbau der demokratischen Schulkultur sowie durch eine Stärkung ethischer und religionskundlicher Elemente in bestehenden Fächern (zum Beispiel der Sozialkunde) verbindlich für alle Schüler zu fördern.

Die Reduktion der Wertebildung auf einen Religions-, Lebenskunde und Ethikunterricht im Rahmen von Wahlpflicht wäre hingegen ein Rückschritt. Gleichwohl begrüßt der HVD die auch von den Kirchen vorgeschlagene systematische Kooperation des Lebenskunde- und Religionsunterrichts mit staatlichen Angeboten. Der laizistische Grundgedanke der Berliner Schule darf dabei jedoch nicht ausgehebelt werden.

Die Berliner Schule kann sich auch in Zukunft den Religionen und Weltanschauungen gegenüber öffnen, denn sie gehören zum Leben der Menschen dazu. Religions- und Lebenskundeunterricht sollten jedoch deutlich von den rein wissenschaftlich begründeten Schulfächern unterschieden beziehungsweise freiwillige und die Schule ergänzende Angebote bleiben. Mit den Prinzipien Weltlichkeit, Pluralismus und Kooperation kann die Berliner Schule gerade in der Wertebildung Vorreiter in Deutschland sein.

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