Kultur : Leonardo der Schutthalden

Hamburg widmet dem kapitalismuskritischen Künstler Santiago Sierra eine umfassende Ausstellung.

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Worte sind Werke. Santiago Sierra okkupierte mit seiner Begriffskunst 2004 die Kirche San Matteo in Lucca. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Worte sind Werke. Santiago Sierra okkupierte mit seiner Begriffskunst 2004 die Kirche San Matteo in Lucca. Foto: © VG Bild-Kunst,...

„Kapitalismus ist für mich die ökonomische Spielart des Sadismus“, sagt der Spanier Santiago Sierra, der dirty Minimalist. Mit drastischen Aktionen führt er die zerstörerischen Folgen von globaler Armut, Billiglöhnen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen vor. Gegen geringes Entgelt lässt er Erwerbslose stundenlang unter Pappkartons ausharren, umkippende Wände stützen oder Balken hochhalten. Er bezahlt afrikanische Bootsflüchtlinge dafür, gräberartige Erdlöcher auszuheben, und Prostituierte, sich halbnackt mit Polyurethanschaum vollzusprühen. Aus getrockneten menschlichen Fäkalien, die indische Latrinenarbeiter eingesammelt haben, formt er Blockskulpturen. Aus Gold und lupenreinen Diamanten schafft er edelste Colliers mit dem Emblem „Diamondtraffickills“. Bitterböse geht Sierra auch gegen das Verdrängen der Vergangenheit an und stellt Leute in die Ecke, damit sie sich für ihr Wegsehen schämen. Als skandalträchtigster Einfall machte er 2006 mit Autoabgasen eine ehemalige Synagoge bei Köln zur Todeskammer.

Auch diese Reminiszenz an den Holocaust hat Sierra mit Schwarz-Weiß-Fotos dokumentiert. Hunderte davon hängen als Tableaux an den Wänden der Hamburger Phoenix-Hallen. Auf dem Betonfußboden türmen sich schwarze Schläuche, durch die in der Synagoge das giftige Kohlenmonoxid strömte. Selbst die Relikte der umstrittenen Aktion besitzen beklemmende Wirkung. Sierra reduziert die Realität zum minimalistischen Statement. Letztlich gibt er bei allen der 70 gezeigten Werke die Wirklichkeit wieder.

Die Phoenix-Hallen, in denen der Hamburger Unternehmer Harald Falckenberg mit seiner Sammlung residiert, eignen sich perfekt für diese bislang größte Ausstellung der Skulpturen, Objekte, Fotografien und Filme des Spaniers. Der Ort scheint prädestiniert, um dessen Nähe zu Minimalismus und Konzeptkunst nachzuvollziehen. Der Berliner Architekt Roger Bundschuh hat 2007 in dem ehemaligen Arbeiterviertel, in dem heute viele Migranten leben, eine alte Gummiwarenfabrik in einen weißen Kunstpalast für die Privatkollektion verwandelt. Vor zwei Jahren gab der 70-jährige Falckenberg seine fast 2000 Werke als Dauerleihgabe an die senatsgeförderten Deichtorhallen.

Das Prinzip hat Schule gemacht: Auch Falckenbergs schärfste Konkurrentin, die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz, schenkte jüngst ihr von Herzog & de Meuron erbautes Museum samt 375 Medienkunstwerken dem Freistaat Bayern. Ihre restlichen 4700 Objekte übergab sie als Dauerleihgaben den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, dem Haus der Kunst und dem Neuen Museum in Nürnberg. Auch sie schätzt Sierra. In ihrer Sammlung befindet sich jenes spektakuläre Video von 1999, auf dem sich sechs nebeneinanderstehende junge Kubaner für 30 Dollar eine durchgehende Linie auf den Rücken tätowieren lassen.

Falckenbergs Interesse an dem Künstler setzte in den frühen Neunzigern ein, als Sierra in Hamburg studierte und seine Motive bei Streifzügen durch die Hafenareale fand. Er fotografierte Schutt- und Aschehalden und transformierte Lkw-Planen in minimalistisch anmutende Kuben. „Was für andere Künstler die Sixtinische Kapelle bedeutete, war für Santiago Sierra der Hamburger Hafen“, so der Kurator und Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow.

Seit Sierra 2003 auf der Biennale in Venedig den Eingang des spanischen Pavillons zumauerte und nur Besucher mit spanischem Pass einließ, ist der Künstler weltweit bekannt. Den spanischen Nationalpreis aber lehnte er 2010 ab, weil er sich „nicht vom Staat instrumentalisieren lassen“ wollte. Umgekehrt halten ihm Kritiker vor, dass er selber für seine Kunst instrumentalisiere, was er eigentlich anprangern wolle. Um menschliche Ausbeutung durch entfremdete kapitalistische Arbeit zu zeigen, strapaziere er mit den gleichen sozialen und wirtschaftlichen Praktiken Billiglöhner und Asylanten. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Bei einer Führung durch die Ausstellung besetzten afrikanische Flüchtlinge aus der Hamburger St.-Pauli-Kirche leer stehende Pappkartons, Relikte von Sierras Aktion von 1999 mit dem Titel „Acht Personen, die dafür bezahlt werden, in Pappkartons zu bleiben“. Occupy Sierra.

Sammlung Falckenberg, Hamburg, bis 12. 1.; Katalog (Snoeck Verlag) 39,80 €

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