Literatur zum Bauhaus : Streiten bildet

Das Bauhaus war geprägt durch Kontroversen und Diskontinuitäten, Kritik kam von rechts, von links und untereinander. Damit beschäftigt sich der neue Sammelband „Bauhaus Streit“.

Vera Pache

Was ist das Bauhaus? Die wohl bedeutendste Schule der Moderne, ein Architekturstil, beruhend auf Flachdächern, Stahl, Glas und Beton, der Ort, an dem Marcel Breuer seinen berühmten Stahlrohrstuhl schuf? Das sind Aspekte, die vor allem den „Mythos Bauhaus“ beschreiben. Geprägt aber war es durch Kontroversen und Diskontinuitäten. „Der Streit war das Wesentliche“, sagt Philipp Oswalt, Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau. Mit diesem Gegenpart zum Mythos beschäftigt sich der Sammelband „Bauhaus Streit. 1919–2009. Kontroversen und Kontrahenten“, den Oswalt herausgegeben hat.

Wie der Titel zeigt, beschränkt sich das Buch nicht auf die Zeit, in der das Bauhaus als Institution existierte (von 1919 bis 1933), sondern greift Debatten auf, die bis in die heutige Zeit reichen. So beschäftigt sich Walter Prigge mit dem Streit um die Rekonstruktion der Meisterhäuser. Walter Gropius hatte diese Gebäude 1926 in Dessau errichtet. Die am Bauhaus lehrenden Meister wie Kandinsky, Klee oder Feininger lebten hier. Im zweiten Weltkrieg wurden die Häuser beschädigt oder zerstört. Einige wurden in den neunziger Jahren wieder in ihren Originalzustand gebracht. Das Direktorenhaus jedoch wurde komplett destruiert und abgeräumt. In den fünfziger Jahren entstand an dieser Stelle Haus Emmer, das im Grundriss zwar an das Haus von Gropius angelehnt ist, mit seinem Giebeldach aber „wider Willen die Wertlosigkeit des Bauhauses in der DDR der fünfziger Jahre“ demonstriert, schreibt Prigge. Das Haus – selber ein Stück Geschichte – müsste für die Rekonstruktion des Meisterhauses abgerissen werden. Darum geht der Streit.

Es ist eine von vielen Bauhaus-Kontroversen. Schon während seines Bestehens war das Bauhaus politischen Anfeindungen ausgesetzt. Über die Attacken von rechts schreibt Justus H. Ulbricht, mit linken Kritikern beschäftigt sich Michael Müller. Doch auch untereinander stritten die Bauhäusler. Johannes Itten mit Theo van Doesburg oder Bauhausdirektor Walter Gropius und sein Nachfolger Hannes Meyer. Auch bei der Gründung der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm spielt das Bauhaus beziehungsweise sein Erbe wieder eine Rolle. Während Max Bill, ehemaliger Bauhaus-Schüler, die Tradition weiterführen wollte, bestanden Otl Aicher und andere darauf, sich vom Bauhaus abzusetzen. Das Themenspektrum ist breit. Auch wenn der Sammelband keine Antwort auf die Frage „Was ist Bauhaus?“ gibt, so hat der Leser doch den Eindruck, der Antwort ein großes Stück nähergekommen zu sein.

- Philipp Oswalt, Stiftung Bauhaus Dessau (Hg.): Bauhaus Streit. 1919–2009. Kontroversen und Kontrahenten. Hatje Cantz Verlag, 312 Seiten, 20 €.

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