Abbas Khider : Der Illegale

Er floh aus dem Irak, ohne Pass, ohne Plan. Über seine Irrfahrt schrieb Abbas Khider ein Buch – auf Deutsch.

Jens Mühling
Khider
Angekommen. Abbas Khider lebt seit einem halben Jahr in Berlin. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Deutschland, ein Zufall. Abbas Khider saß in einem bayrischen Regionalzug, er kam aus Italien und wollte nach Schweden – das Leben sei besser dort, hieß es. Zwei Polizisten stiegen zu, sie sagten: „Pass!“ Khider tat sich schwer mit der Antwort, er kannte nur zwei deutsche Wörter, „Hitler“ und „Scheiße“, keins wollte passen. „No“, sagte Khider. „No pass.“ Da war die Fahrt zu Ende, da nahmen sie ihn fest – da war Abbas Khider gestrandet im Hitler-Scheiße-Land, im Jahr 2000.

„Jetzt bin ich hier, und es war wohl mein Schicksal“, sagt er heute, und er sagt es keineswegs bedauernd. Sicher, die Anfangszeit war hart: die Asylantenheime, die erzwungene Lebensleere, das mühsame Eindenken in eine völlig fremde Sprache. Dann aber: die Anerkennung als politischer Flüchtling, die Einbürgerung, das Literatur- und Philosophie-Studium in München. Abbas Khider ist angekommen. In einem Land, dessen Sprache er heute beherrscht. So gut, dass er ein Buch geschrieben hat über den langen, steinigen Zufallsweg, der ihn letzten Endes nach Berlin führte: „Der falsche Inder“, soeben erschienen im Hamburger Verlag Edition Nautilus.

Es ist die Geschichte einer Flucht, einer getriebenen Wanderung durch Raum und Zeit, einer Zufalls-, einer Schicksalsreise, wer weiß das schon genau. Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, fiel 20-jährig in die Hände der irakischen Geheimpolizei, die ihn wegen staatsfeindlicher Umtriebe ins Gefängnis steckte. Anderthalb Jahre verbrachte er dort, es ist die Zeit seines Lebens, an die sich Khider ungeachtet aller späteren Fährnisse mit dem größten Schaudern erinnert. Zwei Jahre nach seiner Freilassung warf man ihn aus der Universität, und aus Angst vor einer erneuten Verhaftung verließ Khider das Land – ohne Pass, ohne Plan, ohne Ziel und Perspektive. Vier Jahre lang irrte er illegal durch Jordanien, Libyen, Tunesien, abermals Libyen, die Türkei, Griechenland, Italien, schließlich Deutschland, schlug sich als Kellner durch und als Bauhelfer, als Arabischlehrer, Teppichträger, Müllsortierer und Putzkraft, schlief unter Brücken, in Tunneln, auf Baustellen.

Und schrieb Gedichte. Gedichte, von denen Khider sagt, dass sie ihn überfallen wie Ohrfeigen, dass sie ihn anbrüllen und befehlen: „Abbas! Schreib mich!“ Tausende von Blättern hat er damit gefüllt, eng mit arabischen Zeichen gefüllte Zettel, die ihm auf der Flucht immer wieder abhanden kamen, ganze Gedichtsammlungen hat er über die Kontinente verstreut, er wird sie nie wiedersehen.

Nur eins der verlorenen Poeme fand – Zufall? Schicksal? – den Weg zurück zu ihm. In Bayreuth war das, bei der Ankunft im Asylantenheim. Als die Alteingesessenen erfuhren, dass ein Dichter eingetroffen war, führten sie ihn zu einer der Zimmerwände, die über und über mit den Inschriften vorangegangener Bewohner bekritzelt waren. „Chronik der verlorenen Zeit“, stand da, in einer Handschrift, die Khider nicht kannte, darunter ein Vierzeiler. Das Gedicht war von ihm. Er hatte es verloren. Es hatte ihn wiedergefunden.

„Chronik der verlorenen Zeit“ nannte Khider daraufhin seinen ersten Gedichtband. Bis heute schreibt er täglich arabischsprachige Lyrik. „In Deutschland begann ich dann aber, sehr intensiv deutsche Literatur zu lesen“, sagt er. „Und irgendwann drängte sich die Frage auf: Warum schreibst du nicht auch auf Deutsch?“

Das Ergebnis ist „Der falsche Inder“, ein Roman, der weitgehend die Lebensgeschichte seines Autors erzählt. Im Gespräch mit Khider fällt es mitunter schwer, die im Buch wiedergegebene Odyssee des Schreckens in Einklang zu bringen mit diesem lebenssprühenden Charismatiker, der beim Erzählen immer wieder in hysterische Lachanfälle abgleitet. Khider kennt den scheinbaren Widerspruch: „Die Leute denken: Wie kann es sein, dass dieser grinsende Typ all diesen Horror erlebt hat? Und ehrlich gesagt: Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass mir das alles passiert ist.“ Wieder geht das Ende des Satzes in markerschütterndem Lachen unter.

Auch im Buch selbst erzählt Khider seine Lebensgeschichte im stilistischen Slalom zwischen existenzieller Misere und greller Komik. Da ist zum Beispiel seine Aufteilung der weiblichen Weltbevölkerung in „Kuh-“ und „Ziegenschönheiten“. Die Kühe, das sind die üppigen Frauen der arabischen Welt, die Ziegen die dürren Mädchen des Westens. Ein paar weibliche Testleserinnen, erzählt Khider, hätten gegen diese polarisierende Körpersicht protestiert. Er setzte sich über den Einspruch hinweg – und hat nun eine diebische Freude daran, dass sich sein Buch ausgerechnet in Bayern am besten verkauft: „Im Bundesland der Kuhschönheiten!“

Oft, sagt Khider, sei er überzeugt, dass ihn letztlich genau diese Verfasstheit vor dem innerlichen Sterben gerettet habe, dem so viele seiner illegalen Weggefährten zum Opfer gefallen seien. Es gebe da ein arabisches Sprichwort, sagt er: „Geduld und Humor sind die Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt.“

Abbas Khider: Der falsche Inder. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2008. 160 Seiten, 16 €.

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