Anselm Kiefer : Innen Krieg, außen Frieden

Von der Einheit der Gegensätze: Friedenspreisträger Anselm Kiefer gibt bei seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche eine poetologische Selbstauskunft.

Gregor Dotzauer
Kiefer
Im leeren Raum. Anselm Kiefer entwickelt in seiner Dankrede eine weltliche Mystik. -Foto: ddp

Nie war das klassizistische Gehäuse der Paulskirche unwirklicher als in der halben Stunde, in der Anselm Kiefer am Sonntagvormittag seine Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hielt. Als hätte er es nur mit ein paar Sätzen berühren müssen, schien es sich einen Moment lang in einer ätherischen Helle zu verflüchtigen, um im nächsten als Portal zu einer bedrohlich düsteren Unterwelt zurückzukehren.

„Wir sind hier in einem leeren Raum“, sagte Kiefer und wusste doch, wie paradox dies die Hundertschaften seiner Zuhörer anmuten musste, die sich bis ans Runde der Wände drängten, auch wenn sie das Gestühl, die Kanzel und den Altar der Kirche, die hier fast bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs stand, so wenig erkennen konnten wie er. Schon einen Satz später aber konnte man mit ihm den „Einstieg in ein Bergwerk“ ausmachen, dessen Sedimente in den violetten Tönen von Nelly Sachs und Ernst Bloch changierten. Dahinter deuteten sich die Einstiege zu noch abgründigeren Bergwerken an: hinab zu den Seelenstollen, in die E.T.A. Hoffmann und Johann Peter Hebel die Protagonisten ihrer Geschichten in Falun getrieben hatten, und den Gruben, in die Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen hatte hinabfahren lassen.

„Ich denke in Bildern“, erklärte Kiefer, und das war nicht nur die Aussage eines bildenden Künstlers über die Kraft, mit der sich die Vorstellung gegen die Wirklichkeit behauptet, indem sie eine zweite Wirklichkeit setzt, ohne die sich die erste gar nicht verstehen und verändern lässt. Man muss das auch als Verneigung vor der literarischen Gattung des Denkbilds verstehen, wie sie Walter Benjamin, Ernst Bloch oder Siegfried Kracauer begründet haben. Das Denkbild nämlich überschreitet wiederum die Grenzen des festen Begriffs und der Schrift.

Hier zeigte sich jenes „natürliche und fruchtbare Eifersuchtsdrama zwischen Poesie und Malerei, zu dem das Ut pictura poesis von Horaz in immer neuen Varianten aufzufordern vermochte“ und das Werner Spies in seiner Laudatio als ein Wesensmerkmal von Kiefers Arbeit beschrieb. Aber vielleicht hatte Kiefer selbst noch nie so unmissverständlich darüber gesprochen, dass die Gedichte von Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die in sein bildnerisches Werk Eingang gefunden haben, nicht nur eine Inspiration mit materiellem Niederschlag sind. Sie sind konstitutiv für die Räume, durch die er sich bewegt. Gedichte, so Kiefer, „sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen; dazwischen, ohne sie, bin ich verloren.“

Kiefers glänzende Rede war eine poetologische Selbstauskunft, die noch einmal die Grundkoordinaten seines Werks vermaß und dabei das Geheimnis des eigenen Schaffens in immer neuen Spiralen umkreiste, ohne es zu zerstören. Worum sich Spies, der frühere Kritiker und heutige Bewunderer von Kiefers Mythenarchäologie, analytisch bemühte, das versuchte der Künstler selbst in einem rhapsodischen Stil, in dem sich die deutsche Frühromantik mit der Kabbala kreuzte und Paul Valéry mit Marcel Duchamp.

Das wären alles nur Strömungen und Namen gewesen, wenn sie nicht schnell hinter die coincidentia oppositorum zurückgetreten wären, die Kiefer eigentlich im Sinn hatte. Denn es ging um die Aktualisierung einer mystischen Erfahrung, die sich mit Gottesfragen gar nicht weiter aufhält. Um eine Kabbala, die sich, wie schon Gershom Scholem es tat, ganz aus ihrem philosophischen Gehalt heraus interpretieren lässt. Die Aufhebung der Gegensätze von Innen und Außen, Mythos und Wissenschaft, Mikrokosmos und Makrokosmos, Dröhnen und Leere, Fülle und Schweigen, Vergessen und Erinnern, Präzision und Vagheit, Wolken und Stein, Krieg und Frieden, ja die jederzeit mögliche Richtungsumkehr aller Kräfte – sie beschwor Kiefer, ausgehend von einer chassidischen Legende.

Ihr zufolge brennt jedem Kind im Mutterleib ein „Licht auf den Kopf“, das es mit der gesamten Thora erleuchtet: „Wenn ihm aber bestimmt ist, hinaus in die Luft der Welt zu gehen, kommt ein Engel und schlägt es auf den Mund, und da vergisst es alles.“ Da war er wieder, der leere Raum, den es zu füllen gilt, und der sich dann als etwas erweist, an dem Menschen schon vor einem gelebt haben; als ein Trümmerfeld, in dem die Atome vergangener Zeiten noch herumschwirren und das unaufhörlich neu geordnet und wiedererbaut werden muss.

Wenn es Zweifel gab, ob Kiefer den Friedenspreis überhaupt verdient habe, so hat er sie mit seiner Rede beseitigt. Wenn darüber hinaus fraglich war, wie politisch er denkt, so hat er auch das beantwortet. „Der Mensch, sagte Rabbi Eleasar, ist ein Stück, an dessen Enden Gott und Satan ziehen, und am Schluss ist dann freilich Gott der Stärkere. Ich dagegen denke, dass der Ausgang offen ist.“ Wie anders soll man das verstehen denn als Aufforderung zum eingreifenden Handeln.

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