Arnold Stadlers ''Salvatore'' : Promovierter Träumer

Glaube ist bei Arnold Stadler ein anderes Wort für Kunst. In beidem schwingt eine Erlösungs-, Welt- und Jenseitssehnsucht mit, die niemals einzulösen, sondern nur in glückenden Momenten als Begehren zu spüren ist. In "Salvatore" sucht Stadler nach der ultimativen Erlösung.

Ulrich Rüdenauer

Arnold Stadlers Helden, haltlos und getrieben, werden immer wieder an die Schwelle dieser Gefühlserfahrung geschwemmt – meistens sind es Scheiternde und hoffnungslos Liebende, die nicht mehr recht glauben können, aber die Sehnsucht des Gläubigen immer mit sich schleppen. Die Kunst Arnold Stadlers besteht darin, die Poesie dieses Scheiterns am Glück und das seltene Augenblicksglück selbst zu instrumentieren: komisch, ernst und mit allen Widersprüchlichkeiten. Heraus kommt dann das, was man längst den Stadler-Ton nennt: eine melancholische Suada, ein Lamento, das von Selbstironie durchtränkt ist. Seine Geschichten verwischen mehr und mehr zu einer Stimmung, die einen in jedem neuen Werk sofort umfängt. Inzwischen leistet es sich Stadler sogar, Stadler zu zitieren: Nicht nur tauchen bestimmte Wendungen immer wieder auf; seine Helden lesen nun gar in alten Arnold-Stadler-Büchern und wundern sich über diesen Autor und seine Formulierungen. Der Schriftsteller wird zum staunenden Betrachter seiner selbst.

Arnold Stadlers neues Buch trägt keine Gattungsbezeichnung. Es wäre auch schwer geworden, eine zu finden. Denn wo sonst das Heterogene von einer Geschichte im Zaum gehalten wird, ist es nun ganz offensiv ausgestellt. Zunächst wähnt man sich in einem typischen Stadler-Roman mit einer typischen Stadler-Figur; im zweiten Teil in einer Filmnacherzählung; dann in einer Predigt gegen das moderne Pharisäertum; und schließlich in einem Essay über Caravaggio, dessen Inhalt man übrigens bereits aus dem Buch „Maler, Mörder, Mythos. Geschichten zu Caravaggio“ kennt. Was diese Teile und Genres zusammenhält, sind zwei Fragen: Wie kann man als aufgeklärter Mensch Epiphanien des Glaubens erfahren? Und wie wäre die Sehnsucht nach diesem Glauben in Kunst zu übersetzen?

Zunächst lernen wir Salvatore kennen: Salvatore, der kein Erlöser ist, aber nach Erlösung strebt, verdankt diesen verheißungsvollen Namen seinem italienischen Vater. Der ist irgendwann, aus den Höhlensiedlungen der Sassi di Matera stammend, ausgerechnet im norddeutschen Leer in einer Pizzeria gelandet. Sein Sohn taugt allerdings nicht zum Pizzabäcker: Der deutsche Italiener Salvatore hat, als wir ihm begegnen, diverse Bruchlandungen bereits hinter sich: Mit seinem Autor teilt er ein abgebrochenes Theologiestudium; anschließend versuchte er sich als Grabredner, und als Unternehmensberater ist er unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Seine Schulden trägt er als Menetekel der Glücklosigkeit mit sich herum – mit ein bisschen Selbstdisziplin wird er sie mit fünfzig los sein, garantiert ist das nicht. Nun tingelt er als Vortragsreisender durch die Provinz. „Salvatore war ein promovierter Träumer. Und wollte, wenn es mit dem Schreiben nichts würde, auf Fliegen umsatteln, um richtig abstürzen zu können.“ Gott ist diesem Mann, der „am falschen Ort, zur falschen Zeit“ lebt, obendrein noch abhanden gekommen.

An einem Himmelfahrstag macht Salvatore sich nun in einer kleinen Kirche auf die Suche nach dem Verlorenen. Was er vorfindet, ist allerdings Langeweile und Profanation, nichts, das nur entfernt an das große „Andere“ rühren könnte. Das tut allerdings ein Erlebnis am Nachmittag desselben Tages. Im Gemeindezentrum wird Pier Paolo Pasolinis „1. Evangelium nach Matthäus“ gezeigt.

Salvatore entdeckt beim Wiedersehen des Films nicht nur seine halbe Verwandtschaft wieder, Kinder meist, die Pasolini als Statisten eingesetzt hatte; er hat auch so etwas wie eine Erleuchtung: Pasolini „zeigte ihm so, ließ ihn wissen, dass er, wenn er schon nicht glauben konnte, doch gerne geglaubt hätte und die Menschen lieb hatte, die glaubten.“ Erfüllt von einem „Dazugehörigkeitsgefühl“ tritt er aus dem improvisierten Kinosaal – und zumindest an diesem Nachmittag scheint er geheilt vom Zweifel an sich und der Welt.

Stadler überlässt seinen Helden dann einem unbekannten Schicksal, und wir geraten unversehens in den zweiten Teil des Buches, der weniger eine Interpretation als eine lange, bibelfeste Nacherzählung des Pasolini-Films liefert. Wütende Invektiven gegen die Schriftgelehrten, die heutigen Theologen, die gerne noch die größte Offenbarung wissenschaftlich profanisieren wollen, begleiten dieses Nachlesen und Nachschauen. Stadler hütet sich vor Deutung: Er möchte zeigen und im Zeigen etwas von der Erfahrung des Glaubens vermitteln.

Heraus kommt eine Art Poetologie: Pasolini und Caravaggio sind für den Theologen Stadler, der sich einst von der Theologie ab- und der Literatur zuwandte, Gewährsleute. Sie beide, der eine atheistischer Kommunist, der andere genialer Maler und Mörder, kommen der Botschaft der Bibel am nächsten, näher als die Theologen. Sie transformieren das heilige Wort in eine Sehnsucht, die unbedarft und unkorrumpierbar ist. Die Kunst ist hier geboren aus dem Mitleiden; sie schöpft aus der unbedingten Verlorenheit des Menschen und wird zum heiligen Trost. Diese Überhöhung schildert Stadler in unspektakulärem Gestus. Als Wort- und Bildgläubiger möchte er die Gleichnisse nicht erklären wie die Theologen oder deuten wie die Literaturwissenschaftler, sondern ihre Effekte nachwirken lassen: „Wenn ich aber einen Film wie diesen hier sehe, ist alles ganz klar: Ich muss ja gar nicht mehr glauben, ich sehe ja, alles ist einleuchtend und evident.“

Glaube und Kunst sind bei Stadler nicht mehr zu trennen. Er möchte, wie die Sehnsuchts-Bedürftigen, von denen die Kunst handelt, die Poesie als etwas Heiliges betrachten. Man muss nicht gläubig sein, um diesem Heiligen und dem Heilsversprechen bei Stadler nachspüren zu können.

Arnold Stadler: Salvatore. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 224 Seiten. 17,90 €.

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