Autobiografie : Er hat verstanden

Die erstaunliche Autobiografie des ehemaligen „Junge Welt“-Chefs Hans-Dieter Schütt.

Ilko-Sascha Kowalczuk

Es gab in der DDR eine Reihe von Funktionärsmenschen, die den in die Mauer-DDR Hineingeborenen wie mir, systematisch und zynisch, aber ganz entgegen ihrer eigentlichen Absicht, den Kommunismus, den Sozialismus, den Glauben und die Hoffnung daran, letztlich die DDR förmlich austrieben. Sie produzierten ihre Staatsfeinde selbst. Margot Honecker (weitaus stärker als ihr Ehemann), SED-Ideologiechef Kurt Hager, MfS-Minister Erich Mielke oder Schwarze-Kanal-Lügner Karl-Eduard von Schnitzler gehörten dazu, aber auch der Chefredakteur der „Jungen Welt“, Hans-Dieter Schütt – wegen seiner Hasstiraden gegen Kirchen, Christen, kritische sowjetische Spielfilme, DDR-Flüchtlinge, den Westen, Oppositionelle oder seines Unterfangens, Neonazis und Bürgerrechtler in einen Topf zu werfen. Die „Junge Welt“, mit 1,5 Millionen Exemplaren auflagenstärkste Tageszeitung der DDR, gab der FDJ-Zentralrat heraus. Kritiker nannten das Blatt in den 80er Jahren heimlich „unseren ‚Stürmer’“.

Am 1. September 1988 wandte ich mich einmal an die Chefredaktion. Ich war dabei nicht frei von der Sklavensprache des Systems. Natürlich nicht, ich wollte ja erhört werden mit meiner Kritik an dieser Zeitung und den DDR-Medien überhaupt. Ich meinte es ehrlich, ich war 21 Jahre alt. Eine Woche später antwortete mir Chefredakteur Schütt persönlich: „Ich glaube, Ihre Gedanken sind aus tiefstem Herzen heraus geschrieben, so dass ich Ihnen jene Worte, mit denen Sie unsere Arbeit und mich persönlich belegen, nicht einmal übelnehme (demagogisch, dümmlich, gefährlich, absurd, unfähig, mechanisch, große Gruseln etc.) (…) Wer 100 Redakteure zu 100 Idioten stempelt, der heuchelt, wenn er die Mitbeteiligung wünscht.“ Der Mann hatte meine Sklavensprache besser dekodiert, als mir lieb war. Es passierte nichts. Ich war Pförtner, tiefer ging es nicht. Andere verloren nach solchen Briefen ihren Studienplatz oder noch mehr.

Mit solchen Geschichten und Erfahrungen im Kopf kommt mir auch noch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer das Gruseln, wenn ich nur den Namen Schütt höre. Und nun auch noch eine Autobiografie oder vielmehr eine Aneinanderreihung von Essays mit autobiografischen Bezügen. Es ist das Beste, was ein SED-Funktionär seines Schlages seit 1990 veröffentlicht hat. Hans-Dieter Schütt ist in der Freiheit angekommen, die er uns tönend Tag für Tag bis zum Spätherbst 1989 austreiben wollte. Er war ein Idiot, er ist aber keiner mehr. Ich muss meine aus der Vergangenheit gespeisten Gegenwartsbilder wieder neu justieren.

Schütts Offenbarungen sind aus zwei Gründen erstaunlich. Zum einen analysiert er das kommunistische System und seine eigene Rolle darin nicht nur klar, sondern radikal kritisch, zum Teil am Rand der persönlichen Selbstzerfleischung. Er spricht davon, dass sein altes Feindbild von einem neuen abgelöst zu werden drohe: „Ich selbst in Gestalt dessen, der ich bis gestern so leidenschaftlich war.“ Das Totalitäre übte seinen Reiz für Schütt aus, weil er Angst vor Freiheit hatte, ohne zu wissen, was das eigentlich sei. Nie behauptet er in diesem Buch, er habe sich angepasst. Nein, er verkörperte das System, dem sich andere zu unterwerfen hatten.

Zum anderen ist bemerkenswert, wie Schütt mit den Verklärern und Apologeten des SED-Regimes seit 1990 umgeht: „So entstehen aber auch jene harsch trotzigen Aufzählungen, was an der DDR Gutes bis Hervorragendes gewesen sei. Sie ist längst neu gegründet, so viele Errungenschaften, so viel Bleibendes, so viel Beglückendes – ein Fremder würde womöglich gar nicht mehr begreifen, warum die Mächtigen vertrieben wurden.“ Schütt war einer der Ersten, die ihren Hut nehmen mussten. Er weiß, weil er früher seine Glaubwürdigkeit auf schäbige Art verspielte, werden ihm viele eine solche auch in Zukunft nicht mehr zubilligen können. Das nimmt er fast demütig hin. Seit vielen Jahren arbeitet er als Redakteur beim „Neuen Deutschland“. Wie er diese Arbeit und die seiner Kollegen analysiert, so lässt sich kaum vorstellen, dass er dort neue Freunde gewinnen wird.

Wenn dies alles nur halbwegs ernst gemeint ist, und ich glaube, das ist es, so könnte die Öffentlichkeit künftig auf die Schriften von Hans-Dieter Schütt, nach dieser Bekenntnisschrift, gelassener blicken. Fast jeder hat eine zweite Chance verdient. Nun werde ich ihn an seinem erstaunlichen Aufarbeitungsbeitrag und klaren Freiheitsbekenntnis messen. Man wünschte sich sehr, dass mehr Menschen aus diesem kommunistischen Milieu diesen wahrlich großen Sprung schafften.

Ilko-Sascha Kowalczuk arbeitet als Projektleiter in der Birthler-Behörde. Von ihm ist „Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR“ (Beck) erschienen.

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