Autobiographisches Bilderbuch : Mit dem Riss in der Wand fing es an

Rolf Brockschmidt

Es ist Frühling. Wir befinden uns im Jahr 1966 in einer Großstadt im Norden Chinas. Eine kleine graue Straße. Kohlengeruch liegt in der Luft. Elektrische Leitungen bewegen sich im Wind.“ So beginnt Chen Jianghongs autobiographisches Bilderbuch „An Großvaters Hand. Meine Kindheit in China“. Chen Jianghong, der durch seine Bilderbücher wie „Zhong Kui. Ein Besuch in der Pekingoper“ oder „Han Gan und das Wunderpferd“ Furore gemacht hat, weil er seine Bildgeschichten mit Elementen traditioneller chinesischer Malerei erzählt, erinnert sich zunächst an eine scheinbar heile Kindheit. Das Leben in der Stadt ist nicht einfach, aber Jianghongs ruhige Bilder strahlen Zufriedenheit, Glück und Geborgenheit aus. Viel zu entdecken ist auf den wunderbaren Zeichnungen, großformatige Bilder wechseln rasch mit kleinen Detailzeichnungen. Das verleiht dem Buch Tempo, vor allem, als aus dem Radio die Nachricht von der Kulturrevolution angekündigt wird. Die Großeltern fangen an, Bilder von früher zu verbrennen. Der kleine Junge begreift zunächst nichts, auch nicht, als zu Hause ein Mao-Bild aufgehängt wird. Ja, er trägt stolz ein Mao-Bild um den Hals, doch die Idylle trügt. Immer mehr Menschen werden abgeholt, auch sein Vater muss zur Umerziehung aufs Land.

Im Bett studiert der kleine Chen die Risse in der Wand. „Ich folgte ihren Linien, dachte mir Tiere, Personen, Landschaften aus und suchte darin nach der Gestalt meines Vaters.“ So hat Chen zum Zeichnen gefunden, gelehrt hat es ihn seine Schwester. Und mangels Papier zeichnet er mit Kreide auf den Boden. Chen Jianghong erzählt in eindrucksvollen Bildern von der schweren Zeit in China, von der Verführbarkeit von Kindern, aber trotz allem Unrecht auch vom kleinen Glück. Mit Maos Tod und der Rückkehr des Vaters endet die Erzählung, die dem Leser viel Raum lässt, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Chen Jianghong studierte später Kunst und lebt heute in Paris. Rolf Brockschmidt

Chen Jianghong: An Großvaters Hand. Meine Kindheit in China. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2009. 80 Seiten. 24,80 Euro. Ab zehn Jahren

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