Axel Springer : Ein "Nest voller Widersprüche"

Penthouse und Patmos: Eindrucksvoll beschreibt Hans-Peter Schwarz das sprunghafte Leben von des Verlegers Axel Springer.

Hermann Rudolph
Axel Springer
Glückskind und Buhmann: Der Verleger Axel Springer. -Foto: ddp

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“, heißt es bei Schiller über Wallenstein. Und könnte auch über Axel Springer gesagt werden, mit kaum weniger Recht. Unbestritten ist der Erfolg des Verlegers, der ein Zeitungsimperium schuf, das nach wie vor als Medienkonzern floriert. Das öffentliche Bild hingegen changiert noch immer: zwischen dem scharfen Kämpfer gegen Studentenrebellion und Ostpolitik und dem unbeirrbaren Verteidiger konservativer Werte, dessen Haus von Zeit zu Zeit nur mühsam der Versuchung seiner Heiligsprechung widersteht. Seit der Wiedervereinigung und der Berliner Hauptstadtwerdung nagt inzwischen auch an Springer-Kritikern, die längst mit ihm fertig zu sein glaubten, der Zweifel, ob man dem großen Polarisierer wegen seiner deutschlandpolitischen Ausdauer nicht doch posthum Abbitte leisten müsse.

Die Biographie, die Hans-Peter Schwarz vorgelegt hat, lässt sich von diesen Widersprüchen nicht irritieren, sondern inspirieren. Sie operiert souverän jenseits der Parteinahme, die Springers Positionen und Wirkungen herausfordern, und widmet sich vielmehr – spürbar fasziniert – den Ambivalenzen dieses Lebens. So wird die Geschichte dieses Verlegers zu einem Kapitel Zeitgeschichte, in dem die dynamischen Möglichkeiten der alten Bundesrepublik, ihre steilen Aufstiege und Gefahrenzonen nebst ihren Irrungen und Wirrungen Person und Ereignis werden. Doch gleichzeitig bleibt diese Biographie nahe an der Figur, folgt mit der Neugierde auf das Menschlich-Allzumenschliche ihren Leistungen wie ihren Eskapaden: Zeit- und Charakterbild in einem.

Springers Leben steht tatsächlich für ein, wie Schwarz schreibt, „Nest voller Widersprüche“. Ein junger Mann aus einem lokalen Zeitungsverlag wird zum Zeitungstycoon. Eine strahlende Verkörperung des Wirtschaftswunders mausert sich zu einer der umstrittensten Gestalten der politischen Auseinandersetzung. Ein Glückskind der Nachkriegswelt, reich und bewundert, stürzt auf der Höhe seiner Laufbahn in das Loch öffentlicher Ungnade und wird für die halbe Nation zum Buhmann. Überdies umschließt dieses Leben eine merkwürdige Verwandlung: die eines jugendlichen Dandys und Lebemanns zum Gottsucher und erztraditionellen Lutheraner. Mit alledem, so Schwarz, habe Springer „so breite Spuren in der Zeitgeschichte der Bundesrepublik hinterlassen wie außer ihm nur noch die Bundeskanzler, die Parteiführer und – auf seine eigene Weise – Rudolf Augstein“. Und allenfalls in diesem Urteil wird der Autor von dieser Vita ein bisschen zu sehr mitgerissen.

Anfangs ist diese Biographie aus dem Stoff des nachkriegsdeutschen Gründungs- und Aufbruchsmythos gemacht: Ein Erbe, der aus dem väterlichen Betrieb, einer Lokalzeitung in Altona, etwas macht, aus ihm auch die unternehmerischen Tugenden und patriarchalisch gefärbten Leitbilder mitbringt, um sogleich – als die Stunde Null schlägt – scharf auf der Woge des Wirtschaftswunders ganz nach oben zu reiten. Das ist der Springer, der erst die Rundfunkzeitung „Hörzu“, dann das „Hamburger Abendblatt“ zum Erfolg führt, mit „Bild“ einen für Deutschland neuen Zeitungstyp kreiert und schließlich mit der „Welt“ ans Steuer einer der meinungsbildenden deutschen Zeitungen kommt. Doch die Schwerpunkte dieser Biographie sind mit zwei großen Kapiteln der Nachkriegsgeschichte verbunden. Beide machen für ihn Epoche: Die Deutschlandpolitik der 50er Jahre, die Springers politischen Ehrgeiz weckt, gipfelnd in einer Moskaureise, bei der er Chruschtschow für die Wiedervereinigung gewinnen will, und sein heftiges Gegensteuern gegen den Zeitgeist der 60er Jahre.

Was seine Politisierung angeht, so kontaminieren dabei in explosiver Weise das Machtgefühl des Verlegers von „Bild“ und „Welt“ mit persönlichen Krisen und dem Gefühl, Deutschland stehe an einem Wendepunkt. Tatsächlich konnte man damals glauben, und Springer glaubte es – zumal nach Chruschtschows Geheimrede 1955 und dem Ungarn-Aufstand 1956 –, die Wiedervereinigung stehe vor der Tür. Das hatte nicht zuletzt mit dem Einfluss Hans Zehrers zu tun, dem legendären Publizisten der späten Weimarer Republik und der frühen Nachkriegsjahrzehnte, von dem Schwarz allerdings – „sterile Aufgeregtheit“ und „unverbesserlicher Hang zu Fehldiagnosen“ – wenig hält. Damals kreuzt Springer wild zwischen Adenauers Westkurs und einem vage-entschlossenen Adenauer-kritischen Aktivismus einschließlich Anti- Atom-Sympathie und dem, was man später, wie Schwarz pointiert, „Anerkennungskurs“ genannt hätte. 1957 wäre Springer, wie er drastisch schreibt, „beinahe durchgedreht“.

Die Moskau-Reise im Januar 1958 erscheint bei Schwarz – der annimmt, dass sie einem spontanen Entschluss folgt – als Konsequenz dieser Unrast. Er nennt sie kühl eine „Donquichotterie“, und sie wird ja auch zum Desaster: 17 Tage warten, eine Zweistundenaudienz, als Ergebnis ein fragwürdiges, unergiebiges Interview. Aber sie verändert Springer – wobei Schwarz dem Chruschtschow-Ultimatum vom November 1958 und dem Mauerbau eine wichtige, verstärkende Rolle beimisst. Von nun an habe er „im Kampf gegen den Sowjetkommunismus eine seiner Lebensaufgaben“ gesehen. Er bezieht dafür sozusagen die Frontposition, etabliert sich mit der Übernahme des Ullstein-Verlages in Berlin und beginnt den Bau des Springerhauses an der Sektorengrenze.

In dieser Zeit vollendet sich auch, so Schwarz, der Typus des Imperiums Springer: paternalistischer Führungsstil, sozial abgefedertes Betriebsklima – bei Springer wird immer besser gezahlt als bei der Konkurrenz –, zur Schau gestellte luxuriöse Lebensweise, eindrucksvolles Mäzenatentum. Dazu ein massiv missionarischer Zug und die, wie Schwarz schreibt, „Verhärtung gegenüber aller Realpolitik“, die Springers Ost- und Deutschlandpolitik auf lange Zeit das Gepräge gibt. So gehen der Sonnenkönig und sein Imperium in die Umbrüche der 60er Jahre, das „rote Jahrzehnt“, wie es Schwarz mit Gerd Koenen nennt. Es trifft Springer massiv: Aus ihm wird „innerhalb kürzester Frist die umstrittenste Persönlichkeit in der damaligen Bundesrepublik“. In seiner Biographie markieren diese Jahre 1967/68 „eine tiefe Zäsur“.

Schwarz hat dabei nicht nur die Konfrontation mit den rebellierenden Studenten und der liberalen Öffentlichkeit im Auge. Er lenkt den Blick auch auf „den großen Orlog“, den erbitterten Konkurrenzkampf, in dem Springer wegen des Wachstums seines Konzerns, zumal mit der „Hamburger Kumpanei“, liegt, seinen einstigen Freunden aus den frisch-fröhlichen Aufbauzeiten – „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius und „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Denn dieses Jahrzehnt war auch gekennzeichnet durch eine kleine Revolution des Zeitungsmarktes: Konzentration, Konkurrenz mit den elektronischen Medien, Ausweitung des Magazin-Journalismus. Neben die studentische „Enteignet-Springer“-Kampagne tritt sozusagen die Günther-Kommission zur Untersuchung der Pressekonzentration, und Schwarz hat den Eindruck gewonnen, dass dieses Problem Springer womöglich mehr bedrückt habe als die Studenten.

Doch haben ihn zumindest die Oster-Unruhen 1968, die zu Straßenkämpfen ausartenden Proteste nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, offensichtlich schwer getroffen. Schwarz zitiert Springers Generalbevollmächtigten Christian Kracht, der berichtet, dass Springer nach diesem Ereignis, das die Republik aufwühlte, und einer gleichzeitigen „Spiegel“-Geschichte über die Macht seines Verlages „aschfahl im Gesicht“ resümiert habe: „Ich habe keine Lust mehr. Suchen Sie einen Käufer. Es muss aber mindestens eine Milliarde herausspringen.“ Schwarz’ Fazit: „Der Lack war ab. Siegfried war gewissermaßen dort getroffen, wo er am verwundbarsten war: bei seiner Sehnsucht nach allgemeiner Anerkennung und Beliebtheit.“

Für die folgenden Jahrzehnte macht Schwarz für Springers Biographie eine „widersprüchliche Doppelbewegung“ aus. Immer wieder sei er vor dem eigenen Mammutunternehmen geflüchtet und habe doch zäh an ihm festgehalten. Immer wieder versucht Springer, sein Unternehmen oder Teile davon zu verkaufen, um dann davor zurückzuschrecken – extremstes Beispiel, von Schwarz ausgegraben: der Verkauf des notorisch defizitären Flaggschiffes „Welt“ 1976 an die „FAZ“, der erst am Vorabend der Vertragsunterzeichnung gestoppt wird, die Flugtickets waren schon gebucht. Für Schwarz gehört das Manöver zu der eigentümlichen Ruhelosigkeit des Mannes, der zwischen Wohnsitzen in Hamburg und Berlin, Häusern auf Sylt und in der Schweiz, dem Gut Schierensee, seinem Penthouse in Jerusalem und quasi-klösterlicher Abgeschiedenheit auf der Insel Patmos pendelte, „zerrissen zwischen dem Konzern, seinen Zeitungen, der Politik und dem unerfüllbaren Traum, eine völlig private Existenz zu führen“.

Überhaupt tritt Schwarz immer wieder von der Erzählung dieses Lebens zurück, um sich in die Psychologie dieses Mannes zu vertiefen, den er auch einmal einen „seltsamen Heiligen“ nennt. Dabei ist er, der auch weiß, was Leser wünschen, als Biograph kein Kostverächter und spart Springers amouröses Leben und seine fünf Ehen nicht aus. Vor allem aber geht er der hoch problematischen Natur dieses vom Glück begünstigten Mannes nach. Denn Sinnkrisen und Sinnsuche bilden eine Grundfigur dieses Lebens. Sie drücken sich ebenso in Horoskop-Gläubigkeit aus wie in Bekehrungserlebnissen und münden in Glauben und Gebet. In seiner letzten Lebensphase führt ihn die spirituelle Sehnsucht, begleitet von Todes- und Endzeitgedanken, unablässig zu heiligen Stätten, zumal der Insel Patmos. Allerdings, wie Schwarz mit leichtem Spott hinzufügt, „nicht auf Pilgersandalen, sondern im Privatjet oder mit dem Hubschrauber“.

Schwarz’ Springer-Biographie ist mit Wohlwollen geschrieben, aber alles andere als eine Hagiographie. Sie lässt erkennen, dass Springer nicht nur ein Geschäftsmann, sondern auch ein bedeutender Zeitungsmacher war, voller Gespür und Einfälle, zumal in seinen Anfängen- zusammen mit dem Chefredakteur formuliert er selbst die berühmte „Bild“- Schlagzeile zum Mauerbau, die das erbitterte Gefühl der Berliner unvergleichlich herausschrie: „Der Westen tut NICHTS! Präsident Kennedy schweigt … Macmillan geht auf die Jagd … und Adenauer schimpft auf Willy Brandt“. Aber Schwarz beschreibt auch ohne Schonung, wie Springer seine Zeitungen zur Kampfpresse machte. Und er verschweigt nicht das hemmungslose Hineinregieren in die Redaktionen und das Umspringen mit dem Führungspersonal – Peter Boenisch: Sie „fallen wie die Kegel“ –, das seither im Hause Springer nachgerade habituell geworden ist.

Das Buch mit bald 700 Seiten ist das Resultat einer beeindruckenden Anstrengung. Schwarz konnte das Unternehmens- und das Privatarchiv nutzen und hat das gründlich getan, dazu viele Gespräche geführt. Er überrascht immer wieder mit gut platzierten Details und Durchblicken, die Person und Zeit erhellen – wem ist, zum Beispiel, noch gegenwärtig, dass der 2. Juni 1967 und der Sechstagekrieg nur wenige Tage auseinanderlagen, was etliches an den Reaktionen des Israel-Freundes Springer erklärt? Nicht alles, keine Frage – und hier öffnet sich eine empfindliche Schwäche des Buches: Es ist der verharmlosende Umgang mit der Haltung Springers und seines Hauses gegenüber der Studentenbewegung. Da blendet sein Grundrespekt gegenüber seiner Hauptfigur – für ihn das Exempel eines „zähen Dissenters“ und „politisch unkorrekten Unruhestifters“ gegen den Mainstream seiner Epoche – doch zu viel aus. Wie auch beispielsweise ein Phänomen wie die fatale Wirkung, die die „Bild“ in ihrer rüden Mischung von Boulevard- und Tendenz- Journalismus auf die deutsche Öffentlichkeit gehabt hat, unterbelichtet bleibt.

Gleichwohl ist Schwarz ein glänzendes Buch gelungen. Immer voll im Getümmel dieses Lebens und seiner Zeit, keinen Moment langweilig, vergegenwärtigt er eine Gestalt, die, so scheint es, von der Suche der Maßlosigkeit nach dem Maß angetrieben wurde, auf produktive wie auf verstörende Weise, und die Halt nur im Erfolg, in der Auseinandersetzung und schließlich in der Religion fand. Es ist ein zeithistorischer Glücksfall, dass wir damit nun die dritte Biographie über das große Hamburger Presse-Trio haben – Ralf Dahrendorfs Buch über den „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius machte vor ein paar Jahren den Anfang, eben erst, im vergangenen Herbst, erschien die bedeutende Augstein-Biographie von Peter Merseburger. Große Beweger alle drei, ganz unterschiedlich in ihren Charakteren, doch gleichartig in ihrem unersättlichen Temperament präsentieren sie eine Epoche, die diese Republik mitgeprägt hat.

– Hans-Peter Schwarz: Axel Springer. Propyläen Verlag, Berlin 2008. 736 Seiten, 26 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar