Bilder vom Krieg : Tote als Trophäe

In „Strategien der Visualisierung“ beschreibt Herfried Münkler, wie Fotos und Filmaufnahmen politisch instrumentalisiert werden

 Siegfried Weichlein
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Ikonischer Beweis des Sieges: Saddam- Statue in Badgad 2003. -Foto: AFP

Die Macht der Bilder und die Bedeutung von Visualisierung wurde in den vergangenen Jahren anhand von Kriegen demonstriert. Der Vietnamkrieg war der erste Krieg vor laufender Kamera. Die USA haben ihn nicht zuletzt wegen der Bilder und Filme, die Abend für Abend durch die Nachrichten gingen, verloren. Und nichts war 1992 schädlicher für den amerikanischen Einsatz in Somalia als die Bilder eines toten Soldaten, der durch die Straßen von Mogadischu gezogen wurde. Der tote Gegner wurde zur Film-Trophäe. Das US-Militär lernte seine Lektion schnell. Im zweiten und dritten Irakkrieg legte es größten Wert auf die Kontrolle über die Bilder. Der Krieg wurde jetzt zur chirurgischen Hightech-Operation, bei der die Armee selbst Regie führte. Auch die „embedded journalists“, die der Armee untergemischt wurden, waren eher Teil der Kriegsführung als dessen Beobachter. Bilder wurden zur Waffe des vermeintlich Schwachen in den asymmetrischen Kriegen der letzten beiden Jahrzehnte. Das war in Afrika, aber auch in den Balkankriegen der 1990er Jahre zu beobachten. Hier kämpft David mit der Webcam in der Hand gegen Goliath. Nun hat der Spezialist für diese neuen Kriege, Herfried Münkler, einen Band über „Strategien der Visualisierung“ herausgegeben.

Die theoretische Fassung der Problematik spiegelt noch diesen Zugriff. Es überwiegt der strategisch-instrumentelle Umgang mit Bildern und mit der Visualisierung. Bilder dienen so dazu, eine bereits bestehende politische Absicht im Vertrauen darauf umzusetzen, dass auch die Bilder dieser Umsetzung nutzen. Gelungene Inszenierungen stellten die Totenkopf-Symbolik der SS genauso dar wie die Parteitagsfilme von Leni Riefenstahl. Die Beispiele zur Bilderpolitik in dem Beitrag von Michael Strübel zeigen aber auch, dass nicht jede Visualisierung erfolgreich ist. Die Überzeugungskraft von Visualisierungen ist nicht unbegrenzt, sondern basiert auf der Schlüssigkeit der Bilder und dem Zusammenspiel mit den Vorverständnissen der Zuschauer. Beim Denkmalssturz von Bagdad filmten ausländische Kamerateams den Sturz eines Denkmals von Saddam Hussein als ikonischen Beweis für den Sieg. Saddams Gesicht bedeckten sie mit einer US Flagge, was prompt in der Bildersprache der arabischen Welt als Zeichen für ein Protektorat der Vereinigten Staaten gelesen wurde. Die Signalwirkung dieser ikonographischen Verschlüsselung blieb zumindest in der arabischen Welt aus. Ähnlich ambivalent waren auch die Bilder der Soldatin Jessica Lynch, die aus einem Militärkrankenhaus in Nasirijha befreit wurde und in den USA zum Mythos avancierte. Dass dabei Bilder strategisch eingesetzt worden waren, wurde offensichtlich, als sich herausstellte, dass die Soldatin weder verletzt war, noch gefoltert worden war. In beiden Fällen hatten die Kameramänner strategische Bilder inszeniert, ohne sich die Rahmenbedingungen näher zu vergegenwärtigen.

Das Ergebnis ist damit einerseits, dass Visualisierungen „vermachtet“ und „durchherrscht“ sind. Andererseits stoßen die Strategien der Visualisierung aber an Grenzen. Das galt schon für die Folterbilder aus dem Irak: Blutverschmierte Kleider können auch aus einer Werbekampagne von Benneton stammen. Wolfgang Hardtwig erweitert den Blick und spricht von der Performanz als dem generellen Kriterium politischer Wirkung im 20. Jahrhundert. Visualisierung ist damit Teil einer „cultural performance“, die entweder Imaginäres wie den Sieg sinnlich in Erscheinung treten lässt oder im Ritual die Selbstverständigung oder die Transformation sozialer Gruppen ermöglicht. Bilder sind dann ein zentraler Bestandteil der auf Ausdruckssteigerung bedachten Politik, Teil ihrer Performanz. Gleichzeitig verändern sie die Gesellschaft, das Objekt ihrer strategischen Visualisierung. Neue Bildmedien erzwangen neue herrschaftliche Strategien. Die nachhaltigste Wirkung der Bildrevolution liegt darin, dass sie zwischen 1900 und dem zweiten Weltkrieg das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit völlig neu austarierte. Skandale erreichten die Öffentlichkeit genauso wie die sexuellen Vorlieben der Politiker. Theatralisierte Politik wirkte auf das Publikum zurück.

Andere Autoren des Bandes gehen noch weiter und richten ihre Aufmerksamkeit auf die Demokratiefähigkeit des Bildes: Welche Visualisierungen stützen die Demokratie und welcher Umgang mit Bildern ist in Demokratien nötig? Unsichtbarkeit war einmal das Geheimnis bürokratischer Macht. Ist also im Umkehrschluss Demokratie auf vollständige Visualisierung angewiesen? Willi Hofmann fordert mehr Reflexivität im Umgang mit Bildern. Er ist sich freilich des damit einhergehenden Widerspruchs bewusst: Denn so wie sich Akteure anders verhalten, wenn die Kamera läuft, werden auch die Bilder anders sein, wenn sie noch einmal beobachtet werden. Aus diesem Zirkel ist schwer zu entkommen. Die untersuchten „Strategien der Visualisierung“ machen deutlich, dass ein Gemeinwesen, das auf sich selbst einwirken will, in der permanenten Gefahr steht, strategischen Visualisierungen Einzelner zu folgen. Nicht nur die Sagbarkeitsregeln des Politischen haben sich im 20. Jahrhundert verändert, sondern auch die Regeln dafür, was sichtbar gemacht werden kann.

– H. Münkler, J. Hacke (Hg.): Strategien der Visualisierung. Verbildlichung als Mittel politischer Kommunikation.

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009. 255 Seiten, 34,90 Euro.

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