Carl Schmitt : Denker des Ausnahmezustands

Christian Lindner hat sich auf die Reise ins Carl-Schmitt-Land begeben.

Werner van Bebber

Unter den großen deutschen Bösewichtern des 20. Jahrhunderts ist er noch immer der Unzugänglichste. Gottfried Benn und Ernst Jünger mögen in der NS-Zeit geirrt haben – sie werden längst wieder gern gelesen und geachtet. Mit Carl Schmitt ist es anders. Der Kronjurist des „Dritten Reiches“ fasziniert unzählige Rechtswissenschaftler, wie die Zahl der wissenschaftlich ambitionierten Neuerscheinungen zeigt. Doch als Autor und Denker wirkt er wie versunken.

Das hat gute Gründe. In Christian Lindners biographischem Essay sind sie nachzulesen. Schmitt hat in den 20er und frühen 30er Jahren die Erziehungsdiktatur, den Ausnahmezustand, den Angriffskrieg begründet. Er hat die „Gerichtsbarkeit durch den Führer“ juristisch unterbaut. Er war Denker und Anwalt der NS- Diktatur. Wie Gottfried Benn hatte auch Schmitt erlebt, dass die Funktionäre der NS-Diktatur mit elitärer Bildungsbürgerlichkeit nichts zu tun haben wollten. Wie Benn wurde Schmitt nach einer kurzen Zeit der Nähe zum neuen System herausgedrängt und kaltgestellt. Doch seine Nähe zu den Nazis hat ihm wochenlange Haft im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis eingebracht, auch wenn er nicht als Kriegsverbrecher verurteilt wurde.

Dass Schmitt in der jungen Bundesrepublik ein Ausgegrenzter und Geächteter blieb, dürfte zwei Gründe haben. Der Denker Schmitt, ein Machtanalytiker, wie es nicht viele in Deutschland gegeben hat, nahm selbstredend nichts von dem zurück, was er geschrieben hatte. Aber da war noch etwas anderes, gänzlich Unverzeihliches: der sich durch das ganze Leben ziehende, nachhaltige, immer wieder durchschlagende Judenhass.

Christian Lindner kommt an mehreren Stellen seines Buches darauf. Ohne billigen Moralismus beschreibt er Schmitts Ausbrüche als etwas Irrationales, Befremdliches – und sehr Vitales. Dass dieser einsam-kalte Denker damit nicht umzugehen wusste, zeigt eine von Lindner beschriebene Passage aus Schmitts Zeit als philosophischer Desperado. Der entlassene Professor lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Heimat im Sauerland ein zurückgezogenes Leben als Leser und Bürger, Autor und Spaziergänger, Weintrinker und Gesprächspartner. Schmitt gehörte zu den Leuten, die gern Besuch empfingen, selbstverständlich mit Krawatte. Mit diesen Besuchern – zum Beispiel den beiden konservativen jungen Autoren Johannes Gross und Rüdiger Altmann – sowie seinem Freund Ernst Hüsmert diskutierte und trank er nächtelang. Als Schmitt wieder auf „die Judenfrage“ kam, widersprach ihm Altmann und sagte, er wolle sich nicht mehr an dieser Diskussion beteiligen. Schmitt habe doch seine Verfassungslehre einem jüdischen Freund gewidmet, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen ist. „Das verbietet Ihnen eigentlich, sich hier derart zu äußern“, sagte Altmann einem Ohrenzeugen zufolge. „Schmitt verstummte“, so der Zeuge. Eine seltsame Reaktion für einen, der mit Worten und Begriffen zu kämpfen vermochte wie nicht viele andere – vielleicht ein Zeichen dafür, dass dieser Hass etwas Vorbewusstes hatte, dass er ohne Grund war.

Ein so interessanter wie befremdlicher Mann, dieser Carl Schmitt. Lindner hat sich jahrzehntelang mit diesem Repräsentanten „des orientierungslosen Bürgertums der zwanziger Jahre“ beschäftigt – und in seinem umfassenden Buch eine beeindruckende Verbindung aus Lebensgeschichte und Analyse hinbekommen: Nähe und Abstand, Persönlich-Alltägliches und Geistiges stehen im richtigen Verhältnis für Leser, die sich mit Schmitt bekannt machen wollen, ohne ein Jurastudium zu absolvieren.

Dieser Mann, der jung alles verspielt hat und bis ins hohe Alter ein wacher Denker blieb, muss so viele sympathische wie abstoßende Züge gehabt haben. Die Eigenart seines Denkens, die Verbindung aus Begriffsschärfe und künstlerisch-freiem Zugehen auf das Thema, findet man in „Land und Meer“: 108 Seiten hat die„weltgeschichtliche Betrachtung“. Schmitt hat sie seiner Tochter Anima erzählt, als diese zwölf Jahre alt war. Was für eine Situation: Ein verfemter, vergrübelter, hoch gebildeter Mann entwickelt vor seinem Kind (das ihm offenbar zugehört hat) eine Geschichte des Umgangs mit dem Raum. Dabei durchmisst er in zwanzig kurzen, schön altmodisch erzählten Kapiteln drei Jahrtausende. Am Ende hat der erwachsene Leser von heute verstanden, welche Wege das räumliche, politische, strategische Denken zurückgelegt hat, bis England durch die Beherrschung der Meere ein Weltreich geworden ist. 108 Seiten Weltgeschichte, aufgespannt zwischen zwei Polen – das trauen sich nicht viele. Noch weniger können es.

Und was für Angriffe eines Scharf-Denkers auf die Verhältnisse. Es sind diese perfekt geordneten Attacken Carl Schmitts auf die Zustände, die sein Denken noch heute anziehend machen und ihm etwas Über-Zeitliches geben. Der erste Satz der Schrift „Römischer Katholizismus und politische Form“ lautet: „Es gibt einen anti-römischen Affekt.“ Was für ein Einstieg in ein Thema, bei dem es um den Vatikan, den Papst und die Politik geht. Der Verlag Klett-Cotta hat das schön gemachte kleine Buch und andere kurze Schriften Carl Schmitts jetzt wieder herausgebracht, wenn auch niemand ahnen konnte, dass die Bundeskanzlerin neuerdings antirömische Affekte bedient. Schmitt untersucht in dem Aufsatz das Dubiose an der Politik der Kurie, ihre Fähigkeit, sich mit den übelsten Regimes zu arrangieren, ohne ihre Glaubwürdigkeit aufzugeben. Da ist er, bei allen Irrtümern, ein großer Bösewicht von und für heute.

Christian Lindner: Der Bahnhof von Finnentrop. Eine Reise ins Carl Schmitt Land. Matthes und Seitz, Berlin 2008. 478 Seiten, 34,90 Euro. Carl Schmitt: Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Klett-Cotta, Stuttgart 2008. 108 Seiten, 16,90 Euro. Carl Schmitt: Römischer Katholizismus und politische Form. Klett-Cotta, Stuttgart 2008. 65 Seiten, 15,90 Euro.

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