''Der Krieg mit den Molchen'' : Aufstand der Sklaven

Karel Capeks "Der Krieg mit den Molchen": Ein Klassiker nimmt die Klimakatastrophe vorweg.

Bettina Kaibach

Der Weltuntergang beginnt in New Orleans. Ein Hurrikan zerstört die Stadt, die Mississippi-Dämme brechen, bald steht die gesamte Golfküste unter Wasser. Die Flut ist nur der Auftakt zu einer globalen Katastrophe, an deren Ende ganze Küstenstaaten und Flussregionen von der Weltkarte verschwunden sein werden. Die Menschheit versagt im Angesicht der Bedrohung. Auf der Weltkonferenz der Staaten im hochgelegenen Vaduz verhindern nationale Interessen eine gemeinsame Strategie zur Rettung der Erde. Das Hickhack um Territorial ansprüche und Verkaufsrechte kommt selbst dann nur kurz zur Ruhe, als bekannt wird, dass soeben ein Teil der Provinz Venetien im Meer versunken ist. Und während die Politiker tagen, hört man zu Hause im Rundfunk nur noch das Rauschen der steigenden Flut.

Ein Roman über die Klimakatastrophe? Über abschmelzende Polkappen, den Anstieg der Meeresspiegel, den Wettlauf um die letzten Ressourcen, deren Verschwendung den Untergang noch beschleunigt? Mitnichten: Die apokalyptische Vision entstammt Karel Capeks „Krieg mit den Molchen“, einem Klassiker der tschechischen Literatur, der 1936 erschien und soeben auf Deutsch neu aufgelegt worden ist.

In Capeks Roman geht die Menschheit an einer Mischung aus Profitgier und Größenwahn zugrunde. Vor Sumatra entdeckt man eine unbekannte Molchart. Die gelehrigen Tiere werden rasch zum globalen Wirtschaftsfaktor: hochintelligente Arbeitssklaven, die an den Börsen in Kategorien wie „leader“ oder „trash“ gehandelt werden und der Menschheit eine Ära nie gekannten Fortschritts bescheren. Es kommt, wie es kommen muss. Technisch versiert und von konkurrierenden Staaten hochgerüstet, wenden sich die Molche schließlich gegen ihre Ausbeuter. New Orleans war nur ein Warnschuss. Mit quäkender Stimme fordert der chief salamander über den Rundfunk neuen Lebensraum für seine Artgenossen. Beim Gipfeltreffen in Vaduz, wo man eigens Wannen mit Meerwasser für die Molchvertreter bereitstellt, erscheinen statt der Amphibien drei smarte Rechtsanwälte – Advokaten des selbstverschuldeten Untergangs. Da ist es auch schon zu spät. Küste um Küste, Ufer um Ufer werden von den Molchen gesprengt und weichen den Seichtgebieten, in denen sie sich gern tummeln.

Geschickt verführt uns Karel Capek (1890–1938) zur Komplizenschaft mit der verblendeten Menschheit. Ob er mit wissenschaftlicher Präzision schildert, wie Molche im Dienste der Forschung lebend seziert werden, ob er rührselig von philanthropischen Bemühungen um das Seelenheil der Unterseesklaven berichtet (Bibeln auf wasserfestem Papier) – wir nehmen es hin, erliegen der Suggestionskraft des jeweiligen Jargons, den Capek stilsicher zu imitieren weiß. Im Chor all der Börsenberichte, Pamphlete, zoologischen Abhandlungen klingt nur selten die Stimme des Autors durch. Dann wird deutlich, wie der Triumph der Molche zu verstehen ist: als Sieg des animal faber, des Menschen nämlich, der sich in den Machbarkeitswahn all dessen begibt, was ihn zum Menschen macht: der Poesie, der Fantasie, der unzweckmäßigen Ideale.

Die zeitgenössische Kritik sah im Krieg mit den Molchen eine fantastische Utopie à la H. G. Wells, sehr zum Verdruss des Autors. „Es gibt hier keine Utopie, sondern nur die Gegenwart“, entgegnete Capek gereizt. In der Tat nimmt sein Roman die politischen Bedrohungen der 30er Jahre aufs Korn: Nationalismus, Rassenwahn, Kommunismus (in den tschechischen Ausgaben waren die entsprechenden Passagen bis in die fünfziger Jahre hinein getilgt).

Verblüffenderweise hat der „Krieg mit den Molchen“ im achten Jahrzehnt nach seiner Entstehung eine neue, geradezu unheimliche Aktualität gewonnen und ist damit immer noch, was Thomas Mann 1937 feststellte: eine „prächtig fundierte Satire voll bitteren Menschheitsgefühls“. Wie grimmig entzückt wäre der Satiriker Capek wohl darüber, dass mit Václav Klaus an der Moldau heute ein Staatspräsident residiert, der die Klimakatastrophe zum Hirngespinst erklärt, während sein Amtskollege von den Malediven wegen des drohenden Anstiegs der Meeresspiegel bereits Umsiedlungspläne entwerfen muss.

Im „Krieg mit den Molchen“, dem international berühmtesten Buch dieses ungewöhnlich produktiven Erzählers, Feuilletonisten und Dramatikers, von dem in der Tschechischen Bibliothek der DVA auch die Romantrilogie „Hordubal“, „Meteor“ und „Ein gewöhnliches Leben“ in einer einbändigen Ausgabe vorliegt, bleibt die Menschheit unbelehrbar bis zum Schluss. Am Ende – da ist Dresden bereits in den Elbfluten versunken – schwenkt der Blick ins europäische Binnenland: nach Prag. Dort sitzt Herr Povondra, Inbegriff des tschechischen Spießers, in einem Kahn auf der Moldau und angelt. Dass soeben Brasilien vom Meer verschlungen wurde, beunruhigt ihn allein wegen der steigenden Kaffeepreise. Herr Povondra ist sich sicher: Nach Prag kommen die Molche nicht. Bis er in den Wellen der Moldau einen runden schwarzen Kopf erblickt.

Karel Capek: Der Krieg mit den Molchen. Roman. Aus dem Tschechischen von Eliška Glaserová. Aufbau Verlag, Berlin 2009. 328 Seiten, € 9,95.

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