Hans Joachim Schädlich : Ortskunde, Seelenkunde

Das 20. Jahrhundert zwischen Fakten und Fiktion: "Kokoschkins Reise" von Hans Joachim Schädlich.

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Hans Joachim Schädlich 2008 bei der Verleihung des Bremer Literaturpreises. -Foto: dpa

St. Petersburg 1917, Deutschland 1933, Prag 1968 – Fjodor Kokoschkin war an all diesen Orten zu eben diesen Zeiten; er hat das gewaltige und gewalttätige Jahrhundert am eigenen Leib erlebt. 1910 in St. Petersburg als Sohn eines späteren Ministers in der Kerenski-Regierung zur Welt gekommen, flieht er mit seiner Mutter nach der Ermordung des Vaters durch die Bolschewisten zunächst nach Odessa, später über die Türkei nach Berlin.

Der Junge wächst auf im Umkreis anderer Emigranten, Geistesgrößen und Künstler wie Bunin; er macht sein Abitur in einem Internat in Templin, verdient sich als junger Mann sein Studium im Berliner Botanischen Garten, und bei dieser Arbeit lernt er seine erste Liebe Aline kennen, die Tochter eines Sozialdemokraten. Es ist kein Zufall, dass Kokoschkin Deutschland am 21. Juni 1933 Richtung Prag verlässt: Es ist der Tag, an dem die SPD verboten wird und die SA in Köpenick tobt. Aber auch in Prag bleibt er nicht lange. Mit fast naiver Dreistigkeit gelingt es ihm, ein Visum für die USA und ein Stipendium zu bekommen. Er studiert Botanik und avanciert zum Spezialisten auf dem Feld der Gräser und Halme. 1968 verschlägt es ihn noch einmal nach Prag; er lernt dort den Bibliothekar Hlavácek kennen, eine treue Seele. Kurz vor der Niederschlagung des Prager Frühlings verlässt Kokoschkin das Land.

In diesem Zeitzeugen kristallisiert das ganze Jahrhundert, und Hans Joachim Schädlich berichtet davon in „Kokoschkins Reise“ mit der ihm eigentümlichen Zurückgenommenheit: Es ist ein kleines Wunder des Erzählens, wie Schädlich scheinbar mühelos alles Überreizte, Gespreizte und Forcierte aus seinem Roman herausnimmt, dem Lebenslauf Kokoschkins auf eine anteilnehmende, aber doch immer sachliche Weise folgt, und wie diese Sachlichkeit eine umso größere Wirkung im Leser entfaltet.

Es sei besser, hat Schädlich einmal gesagt, durch die Beschreibung der Sache Gefühle hervorzurufen, als die Gefühle selbst zu beschreiben. Der einst als Sprachwissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin arbeitende Schädlich scheint der Sprache zugleich zu vertrauen und zu misstrauen, so frei von aller Übertriebenheit und vermeintlich ohne Kunstwillen setzt er sie ein. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Dahinter und darunter und daneben verbergen sich eben jene wort-, bild- und wirkmächtigen Szenen, die den Zusammenhang von Leben und Historie, von Individuum und Macht auf eindrückliche, bedrohliche, fast gespenstische Weise erahnen lassen.

Das Hin und Her zwischen geschichtlicher Faktizität und Fiktion, das bei Schädlich meisterhaft und fast ohne Grenzlinie inszeniert wird, verstärkt noch einmal den immensen Eindruck dieser Lektüre.

Wir erfahren von Kokoschkins bewegter Biografie in der Rückschau: Der 95-jährige Emeritus unternimmt eine Reise an die Stätten und die Städte seiner Vergangenheit. Mehrere Tage zieht er, begleitet von seinem Freund Hlavácek, durch das alte Europa, das längst ein anderes geworden ist und doch noch die Narben des vergangenen Jahrhunderts erkennen lässt. Einmal, in Berlin, möchten die beiden ins Innere eines Hauses, in dem Kokoschkin als Kind gelebt hat. Sie bitten eine Frau um Einlass. Sie ist skeptisch, woraufhin der greise Kokoschkin mit der Nonchalance des greisen Lakonikers sagt: „Ich bitte Sie! Sehen wir aus wie Diebe? Wir sind Nostalgiker.“

Das ist ein Aperçu – um Nostalgie geht es Schädlich nur insofern, als er die Verbindung von Orten und der Geschichte eines Menschen zum Anlass nimmt, die innere Dynamik der Zeitläufte für ein Leben zu analysieren, präzise zu erzählen. Zurück nach New York fährt Kokoschkin mit der Queen Mary II. An Bord des „schwimmenden Seniorenheims“ bildet sich eine Tischgesellschaft, an der er rege teilhat – nicht zuletzt wegen Frau Noborra, die er charmant umgarnt, freilich mit der Melancholie der Vergeblichkeit. Kokoschkin ist ein alter Mann mit dem Geist eines jungen: Sein Körper mag der eines Greises sein, aber im Innern wohnen all seine Altersstufen einträchtig nebeneinander. Kokoschkin erinnert sich, und die Erinnerung ist zugleich trostreich und tragisch und manchmal sogar komisch.

Die Vergegenwärtigung dieses – totalitären – Jahrhunderts mit all seinen Aporien ist für Hans Joachim Schädlich ein Fundament des Schreibens. Dieses Schreiben ist einzigartig in der deutschen Literatur. Man wundert sich, dass Schädlich bislang für sein eindrückliches Werk nicht mit dem Büchner-Preis geehrt wurde. Es wäre Zeit.

Am Montag, den 19. April, stellt der Autor sein Buch im Gespräch mit Hans Christoph Buch und Richard Wagner vor (Literarisches Colloquium Berlin, 20 Uhr).

Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins Reise. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010. 190 Seiten. 17,95 Euro.

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