Literatur : Herrin Frau

Anatol Regniers Biografie über seinen Großvater Frank Wedekind

Rolf Spinnler
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Karl Kraus nannte ihn den „merkwürdigsten unter den deutschen Modernen“, Thomas Mann bezeichnete ihn als den einzigen Mann in „einer teils senilen, teils puerilen, teils femininen Epoche“, Literaturhistoriker halten ihn für den bedeutendsten deutschen Dramatiker zwischen Hebbel und Brecht. Heute ist Frank Wedekind (1864 –1918) allerdings fast nur noch durch das Pubertätsdrama „Frühlings Erwachen“ und die „Monstertragödie“ um die Femme fatale Lulu auf den Bühnen präsent. Jetzt hat Anatol Regnier, der Sohn von Wedekinds Tochter Pamela, eine Biografie über seinen Großvater vorgelegt – die erste seit der 1927 publizierten dreibändigen Lebens- und Werkbeschreibung des Münchner Germanisten und Wedekind-Freunds Artur Kutscher.

Regnier rundet damit die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte ab, die er mit seinem 2003 unter dem Titel „Du auf deinem höchsten Dach“ erschienenen Buch über seine Großmutter Tilly Wedekind und deren Töchter Pamela und Kadidja begonnen hat. Trotz der familiären Bande ist Regniers Buch keine Heldengeschichte geworden. Herausgekommen ist das spannende Porträt eines Mannes, der als Enfant terrible das wilhelminische Bürgertum schockierte und doch selbst tief in dieser Bürgerlichkeit verwurzelt war. Regnier hält sich mit Interpretationen zurück, legt Wedekind nicht auf die psychoanalytische Couch und versucht keine Exegesen seiner Werke, sondern breitet einfach das recherchierte Material vor dem Leser aus.

Die Familiengeschichte der Wedekinds ist abenteuerlich genug. Die Eltern des Dichters, der 1816 im Hannoverschen geborene Arzt Friedrich Wilhelm Wedekind und seine 24 Jahre jüngere Frau Emilie Kammerer, lernten sich nämlich im kalifornischen San Francisco kennen und heirateten dort 1862. Zwei Jahre später kehrt das Paar nach Hannover zurück, wo ihr zweiter Sohn Franklin geboren wird. 1872 übersiedelt die Familie in den Schweizer Kanton Aargau, weil man dem von Preußen dominierten neuen deutschen Kaiserreich kritisch gegenübersteht.

Der junge Franklin Wedekind lässt schon während der Schulzeit eine literarische Begabung erkennen, schafft jedoch nur mit Ach und Krach das Abitur. In München, wo er Jura studieren soll, führt er das Leben eines Bohemiens. Als der Vater dem Studenten die finanzielle Unterstützung entzieht, muss der junge Mann als Werbetexter bei der Firma Maggi anheuern. Der Tod des Vaters 1888 besiegelt dann die Entscheidung für den Schriftstellerberuf, 1890/91 entsteht „Frühlings Erwachen“, in der der junge Dichter Erlebnisse aus seiner eigenen Schulzeit verarbeitet. Er lässt das Stück auf eigene Kosten in Zürich unter dem neuen Namen Frank Wedekind drucken, an eine Aufführung ist jedoch vorerst nicht zu denken. Die findet erst 1906 am Deutschen Theater in Berlin unter der Regie von Max Reinhardt statt und bringt dann den endgültigen Durchbruch als Dramatiker.

Dazwischen liegen Wanderjahre in Paris, London, München und Berlin. In der französischen Hauptstadt genießt er die sexuelle Freizügigkeit und konzipiert das Lulu-Drama. In München verkehrt er in der Schwabinger Boheme, wird Mitglied des Kabaretts „Die Scharfrichter“ und veröffentlicht Spottverse im „Simplicissimus“, was ihm eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung und die Verurteilung zu sieben Monaten Gefängnis einträgt. 1905 steht er erstmals als Schauspieler in einem eigenen Stück auf der Bühne und lernt in Wien die 19-jährige Schauspielerin Tilly Newes kennen, die er ein Jahr später heiratet.

„Frank Wedekind – Eine Männertragödie“ hat Regnier sein Buch überschrieben. Wir begegnen darin einem Schriftsteller, der mit den Tabus seiner Epoche und Klasse bricht und doch ihr Gefangener bleibt. Er kämpft ein Leben lang mit der Zensur, die durch seine Stücke die bürgerliche Sexualmoral bedroht sieht. Doch als er, wie sein Vater, eine über 20 Jahre jüngere Frau heiratet, ist er maßlos eifersüchtig, fürchtet sie an jüngere Rivalen zu verlieren und erlaubt ihr als Schauspielerin nur noch den Auftritt in seinen eigenen Stücken.

Wedekind propagiert die starke und sexuell selbstbewusste Frau – und hat doch gleichzeitig Angst vor ihr. Er deklariert: „Der Schwanz ist der Lebenszweck. Der Kopf ist der Tröster des Schwanzes. Die geschlechtlichen Fähigkeiten bestimmen den Werth des Menschen. Die geistigen Fähigkeiten sind der Trost über schlechte Pflege und Behandlung. Die Geschlechtlichkeit ist absolute Herrin. Imponieren durch geistige Fähigkeiten gilt nicht.“ Zugleich ist der Mann gegenüber der Frau im Nachteil, weil er ständig seine Potenz unter Beweis stellen muss – sie nicht. Wedekind, der vor seiner Ehe Frauen gesammelt hat wie andere Leute Briefmarken, fürchtet als Ehemann einer jüngeren Frau, ihren sexuellen Ansprüchen eines Tages nicht mehr genügen zu können. Da klingen bei ihm Töne an, die an Freuds Rede von der Frau als dem „dunklen Kontinent“ oder gar an die Geschlechterkampfrhetorik von Otto Weininger erinnern. Zwischen Mann und Frau, so Wedekinds Überzeugung, klafft ein „unüberbrückbarer Abgrund“, vergleichbar dem zwischen „Erde und Mond. Nie wird es einem Mann gelingen, das Gefühlsleben der Frau empfinden zu können, so wenig wie umgekehrt“.

Anatol Regnier: Frank Wedekind. Eine Männertragödie. Knaus Verlag, München 2008. 464 Seiten; 22,95 Euro.

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