Leipziger Buchmesse : Gratwandern

"Was geschah, während wir schliefen": Die Erzählungen der Ungarin Noémi Kiss glänzen mit sprachlichem Furor.

Nicola Kuhn

Diese Erzählungen schlagen ein wie der Blitz. Sie sind mit einem solchen sprachlichen Furor geschrieben und zugleich so zart und fein, dass der Leser hin- und hergerissen ist zwischen der brutalen Direktheit des Gegenstands und seiner subtilen Formulierung. Noémi Kiss lässt sich nicht nebenher lesen. Dazu macht die Ich-Erzählerin in den sechs Erzählungen des Bandes „Was geschah, während wir schliefen“, mit dem die 1974 geborene Ungarin in Deutschland debütiert, zu schwerwiegende Erfahrungen.

Und immer ist klar, dass Noémi Kiss selbst dahintersteckt, die sich hier auf Gratwanderungen begibt, selbst wenn in der letzten Erzählung „Vertauschte Köpfe, Olimpia“ ein männliches Alter ego auftritt und sich die Autorin damit nicht nur verdoppelt, sondern verdreifacht einnimmt: Wie bei E.T.A Hoffmann ist auch diese Olimpia ein künstliches Wesen, das jedoch menschliche Qualitäten besitzt. Für Noémi Kiss ist das Schreiben ein Spiegelkabinett, in dem sich die Perspektive auf die eigene Person je nach Blickwinkel gleich mehrfach bricht.

Als Erzählerin und wohl auch im wirklichen Leben will sie es wissen, lässt sie sich auf alle möglichen Abenteuer ein, zieht in die Niederungen der nächtlichen Kneipen, wird in Frankfurt an der Oder zum Liebchen eines schlagenden Türken, macht mit einer befreundeten Schriftstellerin eine letzte Reise, die mit deren Unfalltod endet, nachdem der Sex zwischen den beiden Frauen schon schal geworden ist. Ihren Erzählungen ist das E.T.A-Hoffmann-Zitat von der dunklen Macht vorangestellt, die uns fortzieht auf einem „gefahrvollen verderblichen Wege“. Die heutige Dozentin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Miskolc befindet sich ständig auf Reisen, was ihr genauso zum Thema wird wie die schonungslos beschriebenen Begegnungen mit ihren Liebhabern.

Mit Noémi Kiss tritt eine neue Generation junger osteuropäischer Autorinnen an, bei denen die Gender Studies fraglos zum Rüstzeug gehören, die sich mit der kühl-analytischen Sprache eines Gottfried Benn selbst sezieren und doch vor allem von ihren eigenen Sehnsüchten erzählen. Als die 34-Jährige Ende vergangenen Monats beim Literarischen Colloquium Berlin über „Frauen im mittel- und osteuropäischen Literaturbetrieb“ diskutierte, beklagte sie das Fehlen „literarischer Mütter“ in Ungarn. In ihrem Heimatland seien Frauen bis vor kurzem nur die „Sekretärinnen der Literatur“ gewesen. Nun aber eröffne sich nach Péter Esterházy oder Péter Nádas ein neuer Blick auf die Gegenwart Osteuropas.

Noémi Kiss’ Sicht verblüfft, auch wenn sich am Ende die Dinge nicht groß ändern. Die Titelerzählung handelt vom Fast-Verlust des Geliebten an eine andere. Nach dem Erwachen trifft sich das Paar wie gewöhnlich im Bad, nur etwas verschlafener. Nicola Kuhn

Noémi Kiss: Was geschah, während

wir schliefen.

Erzählungen. Aus

dem Ungarischen von Agnes Relle. Matthes & Seitz, Berlin 2009. 192 Seiten, 19,80 €.

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