Michael Greenberg : Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde

Michael Greenberg über die Manie seiner Tochter. Das Buch steht gewissermaßen auf drei Pfeilern, was es vor einer übertriebenen Gefühligkeit schützt. Greenberg ist sachlich, teilnehmend und tiefgründig.

Alexander Leopold

Neu ist dieser Trend nicht, aber sie scheinen doch vermehrt veröffentlicht zu werden: Bücher, in denen Kranke davon erzählen, wie sie mit ihrer Krankheit umgehen oder diese besiegt haben; Bücher, in denen Angehörige über die Krankheit oder den Tod naher Menschen schreiben. Christoph Schlingensief über seine Krebserkrankung, Tilman Jens über seinen demenzkranken Vater, demnächst Georg Diez über den Tod seiner Mutter, um nur ein paar Beispiele zu nennen. In dasselbe Fach gehört das Buch des New Yorker Schriftstellers Michael Greenberg, „Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde“. Greenberg berichtet darin von der manischen Psychose seiner Tochter Sally, die 1996 das erste Mal auftrat und sein Leben nachhaltig veränderte.

Greenbergs lesenswertes, die Manie und ihr Charisma gut herausarbeitendes Buch ist dreierlei: eine Fallgeschichte, die die psychiatrische Umgebung Sallys miteinbezieht. Greenberg beschreibt die Symptome der Erkrankung und die Wirkung von Sallys Medikamenten (er macht gar einen Selbstversuch), und er porträtiert das Personal und die Mitpatienten in der Psychiatrie, ohne ins Einer-flog-über-das-Kuckucksnest-hafte abzugleiten. Zweitens liefert er ein Porträt von sich und seiner Familie: wie es zum Zerwürfnis mit Ex-Frau Robin, Sallys Mutter, kam, wie er seine zweite Frau Pat kennenlernte, wie er sich um einen seiner Brüder kümmert, der ebenfalls psychisch krank ist. Als Tonspur mit läuft ein Bericht aus dem Leben des New Yorker Künstlerproletariats: Greenberg ist freier Autor, Robin Künstlerin und New-Age-Anbeterin, Pat Choreografin.

So steht dieses Buch gewissermaßen auf drei Pfeilern, was es vor einer übertriebenen Gefühligkeit schützt. Greenberg ist sachlich, teilnehmend und tiefgründig. Er spart nicht mit Verweisen in die Literaturgeschichte (Lowell, Woolf, Joyce), neigt aber auch nicht zu poetisierenden Analogien oder Romantisierungen der Manie. Verwunderlich ist nur, dass Sally zwar die Diagnose „bipolare Störung“ bekommt, aber scheinbar keine Depressionen hat. Etwas ärgerlich dagegen ist der mehrmalige Gebrauch des Ausdrucks „manischer Schub“: Schübe gibt es nur bei schizophrenen Patienten, bei affektiven Psychosen spricht man von „Phasen“. Alexander Leopold

Michael Greenberg: Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde. Aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2009. 288 S., 19,95 €.

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