Neukölln : "Kümmer dir um du!“

Hans-Gerd Pyka zog in den Siebzigern nach Neukölln. Jetzt ist sein Roman über den Bezirk erschienen. Eine Ortsbegehung.

Johannes Groschupf
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''Für mich war das wie in New York.'' Hans-Gerd Pyka in seinem alten Kiez, wo der Asia-Imbiss die Spelunke ersetzt hat. -Foto: Uwe Steinert

Wir machen uns am Nachmittag auf den Weg, Hans-Gerd Pyka und ich. Was wir miteinander gemein haben: Von uns sind Liebeserklärungen an den aufregendsten Berliner Bezirk erschienen. Was uns trennt: Mein Roman huldigt dem Neukölln der achtziger Jahre, während Pyka in „Königswasser“ von dem Neukölln erzählt, wie es in Siebzigern war. Am S-Bahnhof Neukölln reichen wir einander die Hände.

Am Asia-Snack spielen fünfzehnjährige Mädchen mit Amy-Winehouse-Frisuren an ihren Handys. „Das hätte es früher nicht gegeben“, stellen wir fest, „und S-Bahn fahren war damals auch nicht üblich!“ Dafür konnte in der U-Bahn selbstverständlich geraucht werden, erinnert sich Pyka, als wir in die Braunschweiger Straße einbiegen, wo er 1973, siebzehnjährig, seine erste Wohnung bezog. Er kam aus der Gegend um Salzgitter. „Das pure Grauen der Sechziger“, fasst er zusammen, „Betonstraßen mit Teernähten, Peitschenlampen, Kartonhäuser, gespenstische Leere. Als ich endlich in Neukölln wohnte, kam ich mir vor wie in New York.“

Pyka erinnert sich an eine Eckkneipe, eine Drogerie sowie zwei kleine Kaufläden, die damals die Nachbarschaft versorgten. Jetzt sitzen hier eine arabische Shisha-Lounge, das Café Kent, das zu Sportwetten einlädt, das Balkan-Restaurant Tropoja und ein Tele-Internet-Café („weltweit telefonieren bis 70 Prozent günstiger“) mit integriertem Spätkauf. Im nächsten Haus befindet sich der Verein der Aserbaidschanisch-Deutschen Solidarität und gleich daneben die Palästinensische Gemeinde Berlin e. V. Vorn an der Karl-Marx-Straße wartet die Kneipe Viva Polonia auf Kundschaft.

Seit jeher ist Neukölln ein Quartier von Zuwanderern. Am Eckhaus zur Wipperstraße sagt Pyka: „Parterre wohnte der Hauswart, ein seltsam schmieriger Mann, der tagsüber im Fenster lag, die Arme auf sein Kissen gestützt, und auf die Straße sah. Sein Zimmer war tapeziert mit Bildern von jungen Mädchen. Und im ersten Stock wohnte eine ältere Frau, die ständig betrunken war. Aber nicht laut, sondern mehr für sich. Sie weinte manchmal. Hatte einen kleinen Hund dabei, wie jeder hier, und war zurechtgemacht, eine Art Armutsschminke. Hin und wieder hat sie ihr Gebiss im Treppenhaus verloren. Das lachte einen an, wenn man die Stufen hinaufkam.“

Ein Zeitalter ist versunken, und nun braucht es Chronisten wie Pyka, die von den früheren Jahrzehnten berichten. Die Geschichte, die er in „Königswasser“ erzählt, ist die eines jungen, schüchternen, unbedarften Neuankömmlings, der mit den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen zurechtkommen muss. Der Roman atmet auf wunderbare Weise den Geist der Siebziger mit ihren braunen Cordhosen und „Trumpf“-Schokolade, Roy Black und Anita, vor allem aber die Neuköllner Schlagfertigkeit, die uns bis heute begeistert.

Eine Kundin fragt beim Kauf einer belegten Schrippe: „Ist da Ei drin?“ Die Verkäuferin: „So weit bin ich noch nicht vorgedrungen.“ Der knappe Ton beim Kohlenkauf: „Wolln Se wat?“ – „Briketts.“ – „Könn Se haben. Für’n Winta?“ – „Zwei Tüten.“ – „Vierfuffzich je.“ Heute ist die Kohlenhandlung geschlossen und das einst orange-grelle Schild „Zu vermieten“ ausgebleicht.

Pykas junger Held Jens findet Arbeit in einem Großhandel für Bleche, die Kollegen sind ruppig und rau. Gelegentlich gibt es Prügeleien, öfter noch Alkohol. Sie haben ihre Macken und Schatten. Kammhoff hasst die Russen und liest LandserHefte in der Pause. Brauk ist ein Widerling, seit seine Frau ihm mit der Axt gegen die Stirn geschlagen hat. Kollege Hasso wurde, als er klein war, mit beiden Händen am Bügeleisengriff festgebunden, damit der Vater in Ruhe trinken konnte.

Der Suff war damals, lange vor Heinz Buschkowskys Klagen, allgegenwärtig in Neukölln. Auch hinter dem Plastikvorhang des Tante-Emma-Ladens, in dem Jens eine Art Familienanschluss findet, wird selbstverständlich getrunken.

Otto Wameling etwa, der Jens ein Zimmer untervermietet hat, macht keinen Schritt ohne seinen Flachmann, und wenn er irgendwo aushelfen soll, landet er erst mal in der nächsten Kneipe. Sein Kumpel Leila lebt von Schnaps und Keksen. Ebenso geläufig war das Schimpfen auf die DDR. Die alte Frau Kaiser kratzt an einer schmutzigen Stelle im Sessel und murmelt: „Wie im Osten.“

Jens betet, schmerzhaft schüchtern, eine siebzehnjährige Neuköllnerin an, Waltraut, ein schroffes, freches Mädchen, das mit ihm spielt wie eine Katze mit einem Wollknäuel. Sie hat, wie alle hier, ihre Abgründe. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, der Vater gestorben, die kleine Schwester verunglückt. „Ich bin eine waschechte Berlinerin“, sagt sie einmal, „hier geboren, hier aufgewachsen, hier gestorben.“ Jens wendet ein, sie sei doch gar nicht tot. Darauf sie: „Das denken alle.“

Pyka gelingt es, eine Vielzahl von Neuköllner Gestalten lebendig werden zu lassen, ihre Umstände nüchtern und mit erstaunlicher Milieukenntnis zu erzählen. Dabei bewahrt er Kleinode der Neuköllner Sprechweise vor dem Vergessen: „Kümmer dir um du!“ Seine Zuneigung zu den Leuten, den Straßen und Häusern ist deutlich spürbar, im Roman wie im Gespräch.

Auf der Kirchhofstraße bleibt er stehen: „Ungefähr ab hier fing ich an zu zittern, weil meine Geliebte in dieser Straße wohnte.“ Die Liebesgeschichte fand kein glückliches Ende und Pyka sah sich in Berlin um, begann zu studieren, Mathematik, die Keilschrift der Babylonier, Chemie, Physik, las Kafka und Trakl, nebenher arbeitete er als Grafiker im Künstlerhaus Bethanien. Also in Kreuzberg. Neukölln aber blieb seine Heimat.

Es wird kühl. Wir suchen Zuflucht im Steckenpferd, einer Kneipe, in der die Zeit stehen geblieben scheint. „Warmes Licht, Bierluft, Schlagermusik, Augenpaare wie die von Katzen“, heißt es in Dykas Roman. Auch jetzt verstummt das Gespräch der Kneipeneinwohner, als wir hereinkommen. Aus den Lautsprechern singt Cyndi Lauper „Girls just wanna have fun“. Die Wirtin tritt an den Tisch, wir bestellen Kaffee und belegte Brötchen, erkundigen uns, seit wann es die Kneipe gibt. Sie überlegt nicht lang. „Uns gibt’s schon immer.“

Das Sinngedicht an der Wand lautet: „Und sitzt du hier beim Bier, / bleib ruhig dabei / Die Frau schimpft um vier / genau wie um zwei.“ Hinter den Gardinen liegen tote Fliegen auf der Fensterbank. Auf den Borden unzählige Pokale des Skatklubs Karo-Einfach, gegründet 1931. Mittlerweile ist ein signiertes Trikot von Michael Preetz hinzugekommen. Als wir zahlen und nur einen großen Schein anbieten können, sagt die Wirtin trocken: „Besser als jarnüscht.“ Am Tresen hängt, handgeschrieben, das finanzpolitische Manifest der hiesigen Kneipenregierung aus: „Auf Grund von enormen Außenständen dürfen keine neuen Zettel gemacht werden!!“

Pyka muss zurück nach Lichterfelde zu Frau und Kindern, zur Arbeit am nächsten Roman. Er zögert vor dem S-Bahnhof und schaut auf das unermüdliche Treiben der Karl-Marx-Straße. „Wenn ich allein wäre, würde ich wieder hierherziehen.“

Hans-Gerd Pykas Roman „Königswasser“ ist im Verlag Onkel & Onkel erschienen (Berlin 2009, 302 Seiten, 19,95 €).

Johannes Groschupf veröffentlichte im Frühjahr den Neukölln-Roman „Hinterhofhelden“ (Eichborn Berlin).

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