Literatur : Nicht nur machtlose Zeugen

Provokateur und Historiker: Polen diskutiert über Jan Gross’ neuesten Streich „Angst“

Knut Krohn

Diesmal war niemand überrascht. Nicht vom Inhalt des Buches, auch nicht von der Wucht der Diskussion. Vor sieben Jahren war das anders. Als Jan Gross sein erstes Werk „Nachbarn“ veröffentlichte, traf er die polnische Gesellschaft beinahe unvorbereitet ins Mark. Der polnischstämmige US-Historiker beschrieb ein Pogrom von Polen gegen Juden in der Stadt Jedwabne und zerstörte damit das Selbstbildnis einer ganzen Nation, deren Bürger sich bis zu jenem Zeitpunkt vor allem als Opfer und Helden des Zweiten Weltkriegs gesehen hatten – nicht als Antisemiten.

Überraschend einfach ist die Struktur seines neuen Werkes „Angst“. Es ist eine Sammlung von Zitaten, die aus Berichten von Überlebenden des Holocaust stammen. Breiten Raum nimmt die Schilderung des Pogroms in der Stadt Kielce ein, bei dem im Juli 1946 rund 40 Juden ermordet wurden. All diese Beispiele dienen Jan Gross als Belege für seine Grundthese: Unmittelbar nach der fast vollständigen Vernichtung der polnischen Juden war der Antisemitismus in Polen nicht nur möglich, er hat sogar noch aggressivere Formen als vor dem Krieg angenommen. Dabei bezieht sich der Titel des Buches weniger auf die „Angst“ der Juden in jener Zeit als auf die der Polen davor, für den Holocaust mitverantwortlich gemacht zu werden – und vor dem Verlust des Eigentums, das sie von deportierten Juden übernommen hatten.

Allein diese Behauptungen würden genügen, um seine Gegner auf die Barrikaden zu rufen. Doch Gross geht noch weiter. Die Kommentare, mit denen der Autor die Berichte der Zeitzeugen versieht, sind in einer Sprache formuliert, die direkt und brutal ist. „Die Polen leisteten in der überwiegenden Mehrzahl weder Hilfe, noch zeigten sie Mitgefühl gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern und nahmen freilich häufig, auf verschiedene Weise, an dem Prozess der Vernichtung teil“, heißt es da. Gross verlasse in diesen Passagen die wissenschaftliche Ebene, wenden seine Kritiker ein. Das Buch rücke aufgrund dieser essayistischen, interpretationsbeladenen Darstellung in die Nähe eines Pamphlets.

Doch trotz dieser von Gross wohl kalkulierten Provokationen unterscheidet sich die Diskussion über „Angst“ grundlegend von dem Streit nach dem Erscheinen von „Nachbarn“. Seit dem Fall des kommunistischen Regimes fordern Intellektuelle immer wieder, dass sich die Polen ihrer Rolle bei den dokumentierten Ermordungen der Juden bewusst werden. Doch als „Nachbarn“ im Jahr 2001 erschien, machten sich nationalkonservative Kreise wenig Mühe, sich mit den von Gross ans Licht beförderten historischen Tatsachen auseinanderzusetzen. Sie witterten hinter der Debatte eine antipolnische Intrige, die angeblich Eigentumsforderungen der Erben von Holocaustopfern Flankenschutz geben sollte.

Das ist nun anders. In den vergangenen Jahren hat in Polen ein schmerzhafter Prozess der Selbstreflexion stattgefunden. Jan Gross wirft nun alle Beteiligten auf alte Positionen zurück. Als hätte es die Appelle der Intellektuellen jeglicher Couleur nicht gegeben, die nach dem Schock des Buches „Nachbarn“ eine nationale Gewissenserforschung einforderten. Adam Michnik, Chefredakteur der liberalen „Gazeta Wyborcza“, stellte stellvertretend für viele die Frage: „Warum habe ich nicht nach der Wahrheit über die in Jedwabne ermordeten Juden gesucht?“

Natürlich wird Jan Gross auch heute angegriffen. Doch die große Auseinandersetzung hat zu keinem Zeitpunkt das Niveau der Stammtische angenommen. Nach einer Schrecksekunde meldeten sich zwar die Kettenhunde des nationalkonservativen Lagers zu Wort, es gelang ihnen aber nicht, das Klima mit ihren Vorwürfen zu vergiften. Inzwischen werden in den Zeitungen Auszüge aus dem Buch nachgedruckt. Historiker melden sich ausführlich zu Wort. Die Diskussion hat sich längst vom Ausgangspunkt, dem Streit über das Buch, gelöst. Es wird inzwischen erstaunlich offen über das Trauma der Polen diskutiert, machtloser Zeuge eines unglaublichen Verbrechens gewesen zu sein. „Dieses Trauma“, so Adam Michnik, „kehrt stets zurück, wenn die Debatte über den polnischen Antisemitismus aufbricht. Dann erinnern sich die Polen daran, dass sie in Wohnungen leben, die Juden verlassen hatten, die ins Ghetto gebracht und von den Deutschen ermordet wurden.“

Diese Auseinandersetzung muss doppelt schwerfallen, denn nicht nur die Zeit nach dem Krieg ist in Polen noch immer unbewältigt. Auch über die Gesellschaft unter dem kommunistischen Regime und die Rolle vieler Protagonisten nach dem Zusammenbruch des Systems wird inzwischen leidenschaftlich diskutiert. Das war unter anderem ein Verdienst der inzwischen abgewählten Regierung von Jaroslaw Kaczynski. Er versuchte die moralische Erneuerung Polens mit einer Schocktherapie, die die Gesellschaft jedoch fast zerrissen hätte.

Doch offenbart das konservative Lager eine sehr selektive Wahrnehmung der Geschichte. Denn deren Wortführer haben sich zwar die Aufarbeitung der jüngsten kommunistischen Geschichte auf die Fahnen geschrieben, blenden die Kriegs- und Nachkriegszeit jedoch aus und stellen ausschließlich die Opfer- und Heldenrolle Polens in den Vordergrund ihrer Interpretation. Aus der Kaczynski-Zeit stammt denn auch ein Gesetz, das die Beleidigung der polnischen Nation unter Strafe stellt. Wer gegen Paragraf 132a des Strafgesetzbuchs verstößt und Behauptungen über die Verwicklung der polnischen Nation in stalinistische oder nationalsozialistische Verbrechen verbreitet, kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Die Generalstaatsanwaltschaft untersucht nun, ob Jan Gross gegen dieses Gesetz verstoßen hat.

Gross sieht die Drohung mit einer Gefängnisstrafe gelassen. „Man kann Bücher nicht verbieten“, sagt er. „Der Vorstoß des Staatsanwaltes fußt auf einem Gesetz, das die abgewählte Kaczynski-Regierung beschlossen hatte. Es wird noch vom Verfassungsgericht überprüft, und ich rechne damit, dass es kassiert wird.“ Sollte er doch vor Gericht zitiert werden, verspricht er einen Skandal. „Ich werde jüdische Zeitzeugen zu meiner Verteidigung aussagen lassen“, droht Gross. Sie würden dann in aller Öffentlichkeit über ihre Demütigungen durch Polen berichten. Er sei bereit, auch in diesen Kampf zu ziehen.





Jan T. Gross: Fear. Anti-Semitism in Poland After Auschwitz: An Essay in Historical Interpretation. Random House Trade, New York 2007.

336 Seiten, 11,99 Euro.

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