Peter Scholl-Latour : Die Angst des weißen Mannes

Der langjährige ARD-Korrespondent Peter Scholl-Latour verkündet das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

 Ulrike Thiele

Die Welt heute: Der Westen diskutiert, wie er sich möglichst unauffällig aus dem Krieg am Hindukusch zurückziehen kann, und Präsident Barack Obama meidet den EU-USA-Gipfel in Madrid. Peter Scholl-Latour, der langjährige Auslandskorrespondent der ARD, würde dazu vermutlich sagen: „Ich habe es euch ja gesagt“. Und wahrhaftig, er hat es gesagt. Scholl-Latour hielt den Afghanistankrieg schon immer für nicht zu gewinnen und den Aufbau eines funktionierenden Staates für westlich-romantischen Quatsch. Und was die Absage Obamas an das „alte Europa“ angeht, ist dies für Scholl-Latour vermutlich ein Beweis, dass sich „das Schwergewicht des politischen und strategischen Weltgeschehens vom Atlantik zum Pazifik verlagern wird“.

In seinem aktuellen Buch „Die Angst des weißen Mannes“ wird Scholl-Latour erneut prophetisch und zeichnet ein Untergangsszenario der Welt, wie wir sie kennen. Der Titel ist eine Anspielung auf das Gedicht „The White Man’s Burden“ Rudyard Kiplings, zu Deutsch „Die Last des weißen Mannes“. In diesem Gedicht schrieb der Autor des „Dschungelbuchs“ im ausgehenden 19. Jahrhundert über die schwierige Pflicht des Europäers, den Menschen in den Kolonien die Zivilisation nahezubringen. Der Abenteurer Scholl-Latour stellt in seinem 450-seitigen Werk die These auf, dass die Tage des „weißen Mannes“, der sich vor rund 500 Jahren von Europa aus anschickte, die Welt zu erobern und mit seiner Vorstellung von Religion, Kultur und politisch-wirtschaftlicher Ordnung die übrigen Kontinente zu überziehen, am Beginn des 21. Jahrhunderts gezählt sind.

In seinem „Abgesang“ in zehn Kapiteln, die er nach verschiedenen Stationen seiner jüngsten Reisen in Südost- und Zentralasien benannt hat, versucht er zu beweisen, dass dem „weißen Mann“ heute nicht nur das „Monopol industrieller und militärischer Überlegenheit abhandengekommen“ ist. Ihm fehle vor allem auch „das Sendungsbewusstsein, die Lust am Abenteuer sowie die Bereitschaft zur Selbstaufopferung, auf die sich sein imperialer Anspruch gründete”. Der 85-jährige Weltreisende knüpft dabei an Samuel Huntingtons Kulturkampf-These an und erzählt eine „Saga des Niedergangs“ der „weißen Herren von gestern“, denen „das sachte Abgleiten in Resignation und Bedeutungslosigkeit“ bevorstehe.

Sein „Abgesang“ ist angelehnt an die „Lusiaden“ des portugiesischen Nationaldichters und Reisenden Luís Vaz de Camões aus dem 16. Jahrhundert. Camões ist Scholl-Latours ständiger Begleiter und nimmt die Rolle des Erzählers aus einer längst vergangenen Zeit ein. Im Niedergang des kleinen Portugals, das einst zur führenden Handels- und Seemacht des 15. und 16. Jahrhunderts aufgestiegen war, seit dem 17. Jahrhundert aber Stück für Stück an Einfluss verlor und im 20. Jahrhundert seine Kolonien ermattet abgeben musste, sieht der Journalist das beispielhafte Dahinwelken aller einstigen Führungsnationen und die Rückeroberung durch die „Eingeborenen“. Diese Entwicklung macht Scholl-Latour unter anderem in China, Ost-Timor, auf Bali und den Philippinen, in Neuseeland oder Kasachstan aus. Die Zusammenstellung der Kapitel überlässt der Autor dem Zufall seiner Reiseroute.

Was man in den 450 Seiten vergeblich sucht, ist eine stringente Argumentation zur Untermauerung seiner These. Überall auf der Welt, so der Autor, sei die weiße Hautfarbe am Verschwinden. Nie aber wird so ganz klar, wovor der „weiße Mann“ nun eigentlich Angst haben muss – außer vor seiner eigenen Unbedeutsamkeit. Sein Wertesystem und seine Religion überleben auch dort, wo er nicht mehr der Mehrheit angehört. Das aufstrebende China hat sich im kapitalistischen Weltmarkt eingerichtet, die katholische Kirche ist noch immer die größte religiöse Gruppierung der Welt. Kriege werden um Ressourcen, Land und wirtschaftliche Vorherrschaft geführt. Die Kultur oder Hautfarbe spielen eine sekundäre Rolle. Ob die USA – selbst das Produkt europäischer Kolonialisierung, ein buntes Gemisch von Hautfarben, Religionen, Kulturen und inzwischen mit schwarzem Präsidenten an der Spitze, gleichzeitig aber selbst für Weltmachtbestrebungen stehend – nun eigentlich zur untergehenden Einflusssphäre des „weißen Mannes“ gehören, bleibt unklar. Und welchen Platz ein Land wie Japan, das selbst als Kolonialmacht auftrat, in dem aber bekanntermaßen keine europäische, sondern eine asiatische Bevölkerung lebt, einnimmt, bleibt ebenso im Trüben.

Am Ende scheint auch Scholl-Latour selbst ratlos zu sein, wie die Welt nach dem Ende des „weißen Mannes“ aussehen wird. Im letzten Kapitel widmet er sich ausgiebig Brasilien, dieser größten und heute mächtigsten der ehemaligen portugiesischen Kolonien und wagt einen Ausblick: „Hier sind wir nicht nur in der ,Neuen Welt’ angekommen, hier begegnen wir einer neuen Menschheit, und die Vermutung stellt sich ein, dieses könnte die Menschheit der Zukunft sein. Mit seiner vielfältigen Harmonie der Rassen nimmt Brasilien eine ethnische Vermengung vorweg, die für den ganzen Globus Gültigkeit gewinnen könnte.“ Die ganze Welt ein bunter Karneval? Für viele „weiße Männer“ bestimmt eine verlockende Aussicht. Nicht so für den Autor. Der findet stattdessen: „Es kann einen sogar ein Schauer überkommen bei der Perspektive auf eine globale Entwicklung, an deren Ende das biologische Ende des ,weißen Mannes’ stünde.“


Peter Scholl-Latour: Die Angst  des weißen Mannes. Ein Abgesang. Propyläen-Verlag, Berlin 2009. 424 Seiten, 24,90 Euro.

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