Politische Literatur: "SEW" : Die willigen Helfer in West-Berlin

Thomas Klein hat in seinem Buch die Geschichte der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin und ihrer Zeitung geschrieben. Mnaches bleibt unterbelichtet.

Hannes Schwenger

Sie waren Ulbrichts und Honeckers willige West-Berliner: Die Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW), ursprünglich Teil der SED-Groß-Berlin und seit 1964 formell selbständig. Dass sie dennoch weiter von der SED – der Westabteilung beim Sekretariat des ZK beziehungsweise der des Politbüros – angeleitet wurde, war zwar nie zweifelhaft, wurde aber bis 1989 geheim gehalten. Leider sind die Akten der dafür zuständigen Abteilung „Verkehr“ ebenso wie die Dokumente der SEW-Parteiorganisation vernichtet. Einiges hat sich in den Überlieferungen anderer Abteilungen erhalten, zum Beispiel bei der für die „Abschirmung“ der SEW zuständigen Abteilung der Staatssicherheit. Auch die Akten der Politischen Abteilung der Reichsbahn, die den Betrieb der S-Bahn in West-Berlin besorgte, erlauben Einblicke in das West-Berliner Biotop der SED; schließlich rekrutierten sich SEW und S-Bahn-Personal wechselseitig und nicht immer konfliktfrei, wie sich während des S-Bahn-Streiks 1980 zeigte.

Die Wahrheit über all diese Hintergründe las man natürlich nicht in der Parteizeitung „Die Wahrheit“. Thomas Klein, der jetzt die Geschichte der West- Berliner Einheitssozialisten und ihrer Zeitung rekonstruiert hat, konnte sich somit nicht an deren Eigenwerbung halten: „Willst du Klarheit, lies die ,Wahrheit’.“ Klarheit verlangte die SED von der Redaktion nur bei der Frage, wen sie zu Wort kommen lässt – und wen nicht. Immerhin war es ihr schon einmal passiert, dass sie als Sprecher der Außerparlamentarischen Opposition Christian Semler – den späteren Vorsitzenden der konkurrierenden KPD/AO – zu Worte kommen ließ. Proteste der eigenen Mitglieder gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung und Rudolf Bahros Verhaftung in der DDR wurden dagegen von Anfang an unterdrückt. Und 1986 ordnete der Parteivorsitzende ausdrücklich an, dass zu Tschernobyl keine Leserbriefe erscheinen durften. Für die „Wahrheit“ kam der Augenblick der Wahrheit erst 1989, als sie erstmals kritisch über die DDR berichtete: „An diesem Tag“, schreibt Thomas Klein, war die Einstellung der alten ,Wahrheit’ … bereits beschlossene Sache.“ An ihre Stelle trat eine „Neue Zeitung“, die schon nach einem Monat wieder eingestellt wurde. Da hatte die SED ihre Zuschüsse an die Westpartei von 13 Millionen auf 800 000 DM gekürzt.

Klarheit über Interna der SEW fand sich eher – Ironie der Geschichte – in dem von der Stasi mitfinanzierten „Berliner Extra-Dienst“ und dessen kurzlebiger Nachfolgerin „Die Neue“, deren leitende Redakteure Carl Guggomos und Walter Barthel inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit waren (anders als der Rezensent, der der Redaktion kurzfristig angehörte und sie wegen ihrer Nähe zur SEW verließ). Ihr Redakteur Martin Buchholz – heute als Kabarettist bekannt – ließ sich gleichwohl kritische Berichte und Kommentare zur Politik der SEW nicht nehmen und zog sich damit eine Personenkontrolle des MfS zu.

Hegemoniekämpfe unter Künstlern und Intellektuellen bleiben unterbelichtet

Leider widmet Thomas Klein diesem Kapitel zu wenig Aufmerksamkeit, obwohl die SEW mit ihrer Bündnispolitik bei Sympathisanten mehr Erfolg hatte als bei Wahlen und eigener Mitgliederwerbung. Ihre Wahlergebnisse schwankten zwischen 2,7 Prozent (1954) und 0,6 Prozent (1989), die Mitgliederzahlen zwischen höchstens 8000 im Jahr 1961 und 3000 im Jahr 1989, als die Partei in einem einzigen Jahr ein Drittel ihrer Mitglieder verlor. Dagegen war ihr Einfluss in Hochschulen, Gewerkschaften und der Friedensbewegung zeitweilig so stark, dass sie AStA-Mehrheiten bilden und noch im Jahr 1989 zehn Prozent der Delegierten auf einer Landesdelegiertenkonferenz des DGB und für kurze Zeit die Vorsitzende der Gewerkschaft GEW stellen konnte. Während Klein hier Namen und Vorgänge nennt, sind die Hegemoniekämpfe der SEW unter Künstlern und Intellektuellen bei ihm eher unterbelichtet; so ihr zeitweiliger Einfluss in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, auf die Zeitschrift „Das Argument“ oder die Künstler- und Schriftstellerverbände der Stadt. Die am Kurfürstendamm angesiedelte „Majakowski-Galerie“ ist seiner Aufmerksamkeit ebenso entgangen wie der Literaturverlag „edition neue wege“ und dessen Jahrbuch „Stadtansichten“ oder der West-Berliner „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“.

Besser informiert zeigt sich Klein über die parteinahen Organisationen wie die – später in SJV Karl Liebknecht umbenannte – FDJ-W, den Demokratischen Frauenbund Berlin und die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft Westberlin, deren Wirksamkeit und Mitgliederzahlen mit der Entwicklung der SEW korrespondieren. Klein erwähnt auch ohne nähere Angaben eine Gesellschaft für Sport und Technik, Konsumgenossenschaften und – etwa in Lübars? – die „Gegenseitige Bauernhilfe“. Kernstück seiner Darstellung aber bleibt die Geschichte der SEW selbst und ihrer politischen Praxis als West-Partei nach der vermeintlich endgültigen Teilung der Stadt durch den Mauerbau 1961.

Ausführlich dargestellt wird das Verhältnis der SEW zur Studentenbewegung und APO und ihre Auseinandersetzung mit Maoisten, Grünen und Autonomen der 70er und 80er Jahre: Im Wesentlichen eine Geschichte „verpasster Chancen“ und mehr oder minder erfolgreicher Unterwanderungsversuche. In ihrem Licht weist er die These der „unterwanderten Republik“ von Hubertus Knabe zurück. Zwar gebe es keinen Zweifel an einer solchen Absicht der DDR und ihrer westdeutschen Satelliten DKP und SEW, am Erfolg solcher Bemühungen „jedoch umso mehr“. Nicht die SEW erwies sich als „Stachel im Fleische der ,Frontstadt’“, sondern diese als Stachel im Fleische der DDR.


Thomas Klein: SEW. Die Westberliner Einheitssozialisten. Eine ,ostdeutsche’ Partei als Stachel im Fleische der ,Frontstadt’? Ch. Links Verlag, Berlin 2009. 312 Seiten, 29,90 Euro.

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