Politisches Buch : Guter Nazi

Kerstin von Lingen begibt sich auf die Spuren des SS-Generals und US-Verbündeten Karl Wolff.

 Hannes Schwenger

Hat Stalin sich wirklich, wie er im April 1945 gegenüber Winston Churchill äußerte, darüber gewundert, dass sich die Deutschen im Westen widerstandslos ergaben, während sie im Osten „wie die Wilden um jeden unbekannten Flecken kämpften“? Oder wollte er Churchill nur auf den Zahn fühlen, weil er ahnte, dass seine Alliierten im Westen Geheimverhandlungen mit der SS über eine deutsche Teilkapitulation an der italienischen Front führten?

„Operation Sunrise“ hieß das Projekt des US-Geheimdienstes OSS unter dem späteren CIA-Chef Allen Dulles, das im Zusammenspiel mit dem SS-General Karl Wolff tatsächlich zum ersten Waffenstillstand im Westen führte. Hitlers Stern war längst am Sinken, als „Sunrise“ im März 1945 auf den Weg gebracht wurde und – so wieder Churchill – zur „historischen Sternstunde“ wurde, die das Kriegsende in greifbare Nähe rückte. Für die Westalliierten war damit der Weg zur Besetzung Süddeutschlands frei, ohne auf Widerstand in der legendären „Alpenfestung“ zu stoßen.

Das „legendär“ ist wörtlich zu nehmen, denn tatsächlich war der US-Geheimdienst einer Legende des Reichssicherheitshauptamtes aufgesessen, die den „Mythos der Alpenfestung“ (Timothy Naftali) schürte, während Hitler erst am 24. April 1945 einen schon wirkungslosen Befehl zu deren Ausbau gab. Es war diese Legende, die Allen Dulles bewog, auf eigene Faust Separatverhandlungen über eine deutsche Kapitulation in Oberitalien zu führen, um eine Schlacht um die Alpen zu vermeiden und den Sowjets zuvorzukommen. Aus einem abgehörten Telefongespräch zwischen Stalin und Tito war den Amerikanern bekannt, dass Stalin Titos Partisanen zum Einmarsch in Norditalien gedrängt hatte – eine für Deutsche und Amerikaner gleichermaßen bedrohliche Variante. Seit jüngsten Aktenveröffentlichungen steht sogar fest, dass deutsche Kommandeure ihre Truppen auch nach der Kapitulation mit Einverständnis der USA für diesen Fall unter Waffen hielten.

Solche Aktenfunde haben die jüngste Studie Kerstin von Lingens über die damaligen Vorgänge ermöglicht, in deren Mittelpunkt die Akte des SS-Kommandeurs Karl Wolff in Oberitalien steht. Lingen spricht von einer „Verschwörung des Schweigens“, was sowohl die Geheimverhandlungen von SS und Secret Service angeht als auch die Schutzbemühungen der US-Stellen für ihren deutschen Verhandlungspartner in der Nachkriegszeit. Tatsächlich wurde Wolff im Nürnberger Prozess nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge eingeführt und 1949 von einer britischen Spruchkammer als „minderbelastet“ eingestuft, obwohl er als Himmlers Kanzleichef zeitweilig der zweite Mann der SS gewesen war. Wolff ist erst 1964 von einem deutschen Gericht wegen Beihilfe zu NS-Verbrechen verurteilt worden und hat nur acht von 15 Jahren Haftstrafe abgesessen, bis er als Gewährsmann des „Stern“-Reporters Heidemann und Gutachter über die angeblichen Hitler-Tagebücher noch einmal in Erscheinung trat.

An seiner aktiven Rolle beim Erfolg der „Operation Sunrise“ gibt es aber nach Akten- und Faktenlage keinen Zweifel. Ob er deswegen ein „guter Deutscher“ war, wie Allen Dulles glauben wollte, der an ihm bei ihrer ersten geheimen Begegnung in der Schweiz gar eine Ähnlichkeit mit Goethe entdeckte, darf nach den Erkenntnissen der deutschen Justiz über seine Mitwisserschaft an NS-Verbrechen allerdings bezweifelt werden. Wie auch immer, an der italienischen Front hat Wolff jedenfalls am zögernden Wehrmachtskommando vorbei die kampflose Kapitulation in Bozen vorbereitet und herbeigeführt, nachdem er das Hauptquartier der Wehrmacht durch Waffen-SS umstellt hatte. Das war objektiv Hochverrat, bevor die Nachricht von Hitlers Tod eintraf und sich nun auch die Wehrmachtsführung nicht mehr an ihren Treueeid auf den „Führer“ gebunden fühlte.

Die „Operation Sunrise“ war jedoch nicht nur für ihn riskant, sondern auch für seinen amerikanischen Partner Allen Dulles, dessen „italienisches Abenteuer“ die offizielle Politik der Alliierten konterkarierte: Seit der Konferenz von Casablanca 1943 war es Militärs und Nachrichtendiensten verboten, deutschen Repräsentanten Zugeständnisse für einen Waffenstillstand zu machen. Doch die Wende der US-Nachkriegspolitik zum Kalten Krieg rechtfertigte Dulles’ Alleingang nachträglich und führte ihn an die Spitze der CIA. Wolff „starb geachtet 1984, und mit ihm der Verdacht, er sei von Beamten des amerikanischen Nachrichtendienstes vor der Strafverfolgung geschützt worden.“ Kerstin von Lingen sieht das anders.

– Kerstin von Lingen: SS und Secret Service. „Verschwörung des Schweigens“: Die Akte Karl Wolff. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2010. 273 Seiten, 29,90 Euro.

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