Ralf Georg Reuth : Historikerstreit um Hitlers Judenhass?

Ralf Georg Reuth ergründet Hitlers Judenhass – und kommt dabei zu einem überraschenden Schluss.

Hannes Schwenger

Dass Hitler Juden hasste – kann es darüber noch einen Historikerstreit geben? Natürlich nicht. Aber wann und warum Hitler Juden zu hassen begann, darüber kann und muss noch gestritten werden, wenn man Ralf Georg Reuths Auseinandersetzung mit den Hitlerbiografien seiner Zunftgenossen – namentlich Allan Bullock, Joachim Fest und Ian Kershaw – zur Kenntnis nimmt. Anders als sie nimmt er an, dass Hitlers mörderischer Antisemitismus erst in der Folge der Russischen Revolution und der Münchner Räterepublik entstand und nicht, wie von Hitler selbst behauptet, im Wien der Vorkriegszeit.

Das ist kein Streit um Hitlers Bärtchen, sondern zielt ins Zentrum der als Historikerstreit bekannten Kontroverse um die „Historisierung“ des Nationalsozialismus und seine Verknüpfung mit der Geschichte des Bolschewismus. Dabei geht es auch um die struktur- und sozialgeschichtliche Verortung des Nationalsozialismus, wie sie Hans-Ulrich Wehler vertritt. Reuth – selbst Autor einer Hitler-Biografie und Herausgeber der Goebbels-Tagebücher – sieht darin eine irreführende Herleitung: Hitler und der Holocaust würden damit „gleichsam automatisch zum Resultat einer tief im Kaiserreich gründenden Sonderentwicklung, die vor dem Ersten Weltkrieg einen besonders aggressiven Antisemitismus hervorgebracht habe, der in dem Völkermord an den Juden seinen nahezu zwangsläufigen Höhepunkt und Abschluss gefunden habe.“

Eben das bestreitet Reuth, und er kann sich dabei nicht nur auf alte und neue Erkenntnisse über Hitlers frühe Jahre in Wien und München berufen, sondern weist mit Recht darauf hin, dass Antisemitismus keine Besonderheit des wilhelminischen Deutschland war, sondern im Europa vor dem Ersten Weltkrieg von Frankreich bis Russland gang und gäbe war. Auch in Österreich, wo der aus Braunau gebürtige Hitler bis 1913 lebte und zahlreiche Begegnungen mit jüdischen Landsleuten hatte. Reuth beruft sich auf die Studie „Hitlers Wien“ der österreichischen Historikerin Brigitte Hamann und den US-Biografen John Toland, die zu dem Schuss kommen, Hitler sei zwar in Wien „mit der ''Judenfrage'' konfrontiert worden und habe in den Juden eine eigene Rasse gesehen, sei aber alles andere als ein Antisemit gewesen. Er habe vielmehr Bewunderung für die kulturelle Leistung der Juden aufgebracht und nach seinem sozialen Absturz außerordentlich gute Kontakte zu jüdischen Männerheimbewohnern, Handwerkern und Händlern unterhalten.“ Ian Kershaw lässt das nicht gelten, sondern vermutet, Hitler habe damals „seine wahren Absichten verschwiegen und vielleicht sogar gelegentlich unehrliche Bemerkungen fallengelassen (...), die als Bewunderung der jüdischen Kultur verstanden werden mochten.“

Brigitte Hamann führt für Hitlers jüdische Kontakte eine Reihe von frühen Bekannten Hitlers an. Einige von ihnen sollen ihm mit Geld ausgeholfen haben, andere kauften ihm als Händler und Sammler Aquarelle und Zeichnungen ab wie der Wiener Rechtsanwalt Dr. Josef Fejngold. Bekannt ist auch Hitlers Wertschätzung für den jüdischen Arzt seiner Mutter, Dr. Eduard Bloch, dem er noch als Reichskanzler die Ausreise aus Deutschland ermöglichte. Auch Bloch vertrat in seinen Memoiren die Ansicht, der junge Hitler habe „damals noch nicht begonnen, die Juden zu hassen.“ Demnach bliebe als einziger Kronzeuge für Hitlers frühen Antisemitismus nur – Hitler selbst. Er hat sich in ’Mein Kampf’ nicht nur als Antisemit von Jugend an stilisiert, der in Wien „wahrhaft bösen Anschauungsunterricht“ über die „geistige Pestilenz“ des Judentums erfahren habe, sondern auch behauptet, er habe schon 1913 „die Überzeugung ausgesprochen, dass die Frage der Zukunft die Frage der Vernichtung des Marxismus ist“. Auch dagegen sprechen Zeugnisse aus seiner ersten Münchner Zeit, in der er – so der Hitler- Biograf Konrad Heiden – sogar Sympathien für die SPD äußerte. Zeugen und Indizien sprechen dafür, dass er beide Feindbilder erst während und nach den Münchner Revolutionstagen ausprägte und zur Weltverschwörungstheorie verschmolz.

Erst jetzt, unter dem Schreckbild der Räterepublik, habe der eher unpolitische Weltkriegsgefreite Hitler auch den Entschluss gefasst, Politiker zu werden, schreibt Reuth; als „anti-bolschewistischer Propagandist“ der Reichswehr fand er Anschluss an die in München grassierenden völkischen Ideen seiner Mentoren Dietrich Eckart, Alfred Rosenberg und Gottfried Feder. Mit ihnen gründete er die NSDAP, die 1923 versuchte, durch einen „Marsch auf Berlin“ die Führung der zersplitterten Rechten an sich zu reißen. Der Versuch endete vor der Feldherrnhalle im Kugelhagel der Polizei. Hitler nutzte die folgende Festungshaft, um seiner Partei „eine klar definierte Weltanschauung“ (Reuth) als Grundlage einer breiten nationalen Sammlung zu geben: „Mein Kampf“ entstand als eine in sich geschlossene, lebensgeschichtlich beglaubigte Ideologie jüdisch-bolschewistischer Weltverschwörung. Die Folgen sind bekannt.

Hat Reuth damit den Nachweis geführt, dass Hitlers Judenhass nicht in Wien, sondern „in der von Revolution und Versailler Friedensbedingungen mental verwüsteten Gesellschaft des nachrepublikanischen München“ entstand? Indizien sprechen dafür. Sie stützen die Lesart des Historikerstreits, die den Nationalsozialismus nicht als unvermeidliche Konsequenz ewigen deutschen Rassenwahns, sondern als Folge der Konstellation von 1919 versteht. Das klingt nach Ernst Nolte, aber Reuth will nicht als Relativist missverstanden werden: „An Hitlers Monstrosität ändert dies freilich nichts. Sie wird eher noch größer.“


– Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit. Piper Verlag, München 2009, 376 Seiten, 22,95 Euro.

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