Ray Bradbury : Begrabt mich auf dem Mars!

Der Schriftsteller Ray Bradbury über Medien, Außerirdische – und ein erfülltes Leben.

Stimmt es, dass ausgerechnet der Science- Fiction-Autor Ray Bradbury keinen Führerschein besitzt und nur ungern ein Flugzeug besteigt?

Streng genommen bin ich gar kein Science-Fiction-Autor. Ich habe nur einen einzigen SF-Roman geschrieben, „Fahrenheit 451“. Alles andere ist Fantasy. Und das ist schließlich die älteste Literaturtradition der Welt. Auch Homer war ein Fantasy-Autor.

Aber woher rührt Ihre für einen Einwohner von Los Angeles ungewöhnliche Aversion gegen Autos?

Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, wo man schlicht zu arm war, um sich ein Auto leisten zu können. Übrigens sind auch heute die meisten Menschen zu arm, um sich Autos wirklich leisten zu können, sie merken es nur nicht und verkaufen daher für so einen dämlichen Blechsarg ihre Seele. Als ich mit Ende dreißig genug Geld hatte für ein Auto, waren schon zu viele meiner Freunde bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, als dass ich noch Lust gehabt hätte, eines zu kaufen.

Und Ihre Flugangst?

Leider habe ich erst vor zwanzig Jahren herausgefunden, dass ich nicht Angst vorm Fliegen hatte, sondern nur Angst vor mir selbst. Bis dahin hatte ich mehrmals für unschöne Szenen gesorgt, weil ich kurz vor dem Start aufgesprungen bin und die Stewardessen buchstäblich angebettelt habe, mich wieder aussteigen zu lassen. Seither fliege ich sogar ganz gern und war an die zwanzig Mal mit der Concorde in Paris.

Haben Sie einen Rat, wie man seine Ängste in den Griff bekommt?

Man analysiert, was einem Angst macht, und im Verlauf dieser Analyse verliert man seine Ängste.

Kann die Literatur dabei helfen?

Unter Umständen. Aber an erster Stelle muss die Selbstanalyse stehen. Wenn Sie Probleme haben, sollten Sie nicht von der Gesellschaft erwarten, sie für Sie zu lösen, oder von einem Psychiater oder von der Literatur. Lösen Sie Ihre Probleme selbst!

Beim Wiederlesen Ihrer in „Space Opera“ gesammelten Werke fällt einem auf, wie stark diese von der Angst vor dem Atomkrieg durchdrungen sind. Diese Angst ist heute fast verschwunden. Empfinden Sie darüber Erleichterung?

Unsere Atomwaffen sind eine zwiespältige Sache. Einerseits war das Leben mit der ständigen Angst vor dem nuklearen Inferno schrecklich. Andererseits haben unsere Atomwaffen die Russen in die Schranken gewiesen und dafür gesorgt, dass nicht der ganze Erdball in jenem Elend versank, in das der Kommunismus Polen und Ostdeutschland gestoßen hat.

Jetzt klingen ausgerechnet Sie wie ein Kommunistenfresser von anno dazumal.

Als vor über 50 Jahren Joe McCarthy und Konsorten ankamen und alle möglichen Leute in Hollywood beschuldigten, Kommunisten zu sein, habe ich eine Anzeige im „Daily Variety“ geschaltet, in der ich sie aufforderte, sich doch bitte wieder ins Jahr 1682 zu den Hexenverfolgungen zu verziehen. Mein Agent erklärte mich damals für verrückt und warnte mich, dass ich niemals wieder Arbeit finden würde. Ich habe nur gesagt, dass ich mich von niemandem zu einem Kommunisten machen lasse.

Mit welchen Konsequenzen?

Ein Jahr später kam John Huston zu mir und gab mir den Auftrag für das Drehbuch zu seiner Verfilmung von „Moby Dick“. Da habe ich meinem Agenten gesagt: Siehst du? Es zahlt sich aus, Widerstand zu leisten und für eine Zukunft zu kämpfen, die man haben will, statt sich einfach mit allem abzufinden.

Wie groß sind Ihre Hoffnungen heute noch in das politische System der USA?

Meine Enttäuschungen liegen auf anderem Gebiet – zum Beispiel, dass nicht mehr Länder die Demokratie eingeführt haben. Afrika ist eine einzige Katastrophe. Überall regieren Wahnsinnige.

In Ihrem berühmten Roman „Fahrenheit 451“ ist der Feind des Lesers der Staat. Wer ist der Feind von uns Lesern heute? Immer noch der Staat oder eher die Großkonzerne oder die Medien?

Eine Mischung aus allem. Die Erfindung des Computers, der Medien, von all dem, was über Leitungen oder drahtlos durch die Luft zu uns in unser Heim eindringt, all diese Spielzeuge, nach denen wir süchtig geworden sind; im Zentrum von all dem steht einfach ein bedauerlicher Mangel an Grips, an Intelligenz. Wenn wir noch mehr Kino und Fernsehen und noch mehr E-Mail wollen, müssen wir dafür sorgen, dass dahinter auch Grips steht.

Wie bringt man Grips in die Medien?

Man muss dafür sorgen, dass die klügsten Köpfe ins Kino und Fernsehen gehen. Und dass die Medien nicht der Linken oder der Rechten gehören, sondern schön in der Mitte bleiben.

In Ihren Erzählungen qualmen sich die Kapitäne Ihrer Raumschiffe noch die Lunge aus dem Leib. Wo hat unsere Gegenwart Ihre Zukunfsvisionen eingeholt?

Das Wichtigste ist die Bedeutung des Fernsehens und der Computer in unserem Leben. Das wurde völlig unterschätzt. Mir kommt es vor, als hätten wir uns nicht vernünftig informiert, ehe wir uns mit diesen Spielzeugen zu amüsieren begannen.

Wenn heute Außerirdische mit ihrem Raumschiff im Vorgarten Ihres hübschen Häuschens hier in Los Angeles landen würden, was wäre Ihre Frage an sie?

Glauben Sie an Gott? Und natürlich würden die Außerirdischen an Gott glauben, denn sie kommen ja aus dem Universum. Das Universum ist so riesig, dass wir uns verschiedene Namen für die Schöpfung, den Kosmos und für Gott ausgedacht haben. Und darüber führen wir Krieg – was für eine Idiotie! Wir sollten uns einfach damit abfinden, dass wir entgegen jeder Plausibilität auf diesem Planeten leben: ein unmöglicher Haufen in einer unwahrscheinlichen Welt. Sollten Außerirdische hier landen, würde ich sie daher fragen: Was bedeutet das Leben für Sie? Bedeutet es dasselbe wie für mich? Nämlich wie herrlich die Gabe des Lebens ist!

In „Der illustrierte Mann“ schreiben Sie über katholische Priester, die Marsianer missionieren wollen.

In dieser Geschichte lernen die Menschen von den Marsianern und umgekehrt.

Ein Katholik müsste einwenden: Blasphemie!

Was immer die Herrlichkeit der Schöpfung verherrlicht, kann niemals Blasphemie sein.

Wie erklären Sie sich, dass so wenige Frauen Science-Fiction und Fantasy lesen?

Das war schon immer so. Wir Männer sind nun mal eher die mechanischen Schöpfer: Frauen erschaffen das Fleisch, wir Männer erschaffen die Welt. Manchmal ist das, was wir erschaffen, etwas Böses, das Auto zum Beispiel, und manchmal ist es das Raumschiff, mit dem wir zum Mond geflogen sind. Wir Jungs sind ganz vernarrt in unsere Spielzeuge, wir sind Tüftler und Schrauber und lieben nichts mehr, als eine Zündschnur anzuzünden und eine Rakete in den Himmel steigen zu lassen.

Sie nähern sich Ihrem 90. Geburtstag. Haben Sie so etwas wie einen Tipp, wie man ein erfülltes Leben führt?

Die einzige Antwort, die ich habe, lautet: Tu, was du liebst, und liebe, was du tust! Man sollte niemals etwas tun, was man nicht liebt. Die meisten Filme und Bücher heute werden von Menschen gemacht und geschrieben, die das Leben nicht lieben. Die würde ich am liebsten in den Hintern treten und Ihnen sagen: Verdammt noch mal, Ihr seid lebendig! Das ist ein Wunder, es ist großartig, du kannst lieben! Wenn du also dein nächstes Buch schreibst oder die nächste politische Partei gründest, dann muss das aus Liebe zur Menschheit geschehen und um den Menschen beizubringen, wie man liebt. Wenn du nicht tust, was du liebst, dann ändere das, und zwar sofort!

Wie kann die Literatur dabei helfen?

Ich glaube weder an Lehrer noch an Universitäten, ich glaube an Bibliotheken. Die ideale Ausbildung besteht in meinen Augen darin, dass man sich zehn Jahre in eine Bibliothek setzt, ein Buch nach dem anderen liest und auf diese Weise allmählich zu Sinn und Verstand kommt.

Was wünschen Sie sich heute?

Ich hoffe, dass wir auf dem Mars gelandet sind, bis es für mich ans Sterben geht. Ich wäre so gern der erste Tote auf dem Mars. Dann könnte man meine Asche im Bradbury-Graben beisetzen, den man auf dem Mars nach mir benannt hat.


Das Gespräch führte Denis Scheck.


ZUR PERSON

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Ray Bradbury, am 22. August 1920 in Waukegan/Illinois geboren, lebt in Los Angeles. Schon als Schüler machte er sich mit Science-Fiction-Storys einen Namen und vertrieb nach dem Abschluss im Handverkauf sein eigenes Magazin Future Fantasia. Die drei Bücher, deren mit Sozialkritik verbundene visionäre Kraft ihn Mitte des letzten Jahrhunderts berühmt machte, sind jetzt beim Zürcher Diogenes Verlag in revidierten Neuausgaben erschienen. „Die Mars-Chroniken“, „Der illustrierte Mann“ und „Fahrenheit 451“ sind in der Space- Opera-Kassette zusammengefasst (960 Seiten, 39 €). Die Mars-Chroniken liegen auch als ungekürztes Hörbuch vor (8 CDs, 621 Minuten, 29,90 €.) Außerdem gibt es Ausgewählte Erzählungen (661 Seiten, 19,90 €).

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