Reportage : Reise ins Feindesland

Er liebkost Dattelpalmen, schläft im Bett einer israelischen Soldatin und beschreibt schlachtreife Schweine im Kibbutz Mizra als Friedensbringer. Wer das Buch Najem Walis über seine Reise in das Herz des jüdischen Feindes liest, der traut bisweilen seinen Augen nicht.

Wolfgang G. Schwanitz

Alles an diesem Meister der Erzählung sprengt den Rahmen, so gern bricht er Tabus: Sein Reisebericht nach Israel erinnert an die Zeiten, als der ägyptische Präsident Sadat vor drei Jahrzehnten nach Jerusalem ging und vor der Knesset um Frieden warb. Plötzlich gewann der sonst so abstrakte Feind aus der Propaganda ein Gesicht, Israels Falke Moshe Dayan gab Sadat die Hand. Und viele Ägypter klebten an Bildschirmen und vermochten ihren Augen nicht zu trauen. Schon damals traten Literaten wie Nagib Machfus auf und fragten sich, warum die Völker in Nahost sich nun bis aufs Blut bekämpften, wo sie doch jahrhundertelang gut kooperierten.

Wali, Schriftsteller und Kulturkorrespondent der arabischen Zeitung „Al- Hayat“ in Deutschland, sucht darauf Antworten im „zionistischen Gebilde“, wie Israel weiter in vielen arabischen Medien verketzert wird. Was er dort heute findet, ist nicht mehr und nicht weniger als eine junge Demokratie. Er nennt sie Integrationsfabrik: wehrhaft, bunt und attraktiv, vergleicht man sie mit ihrem tribalen Umfeld bei den Nachbarn. Aus deren Stammesmentalität folgt eine Asabiyya genannte Fessel, in der Araber verstrickt sind. Für sie, sagt Wali, ist der Staat eine Art Superstamm, dem man treu bleibt. Bändeln mit dem Stammesfeind in Israel sei Hochverrat und werde bestraft. Erst wenn Araber das vom engen Blutband befreite Konzept des Bürgers erlebten und annähmen, dann werde ihnen eine kritische Position möglich, wie sie Wali persönlich vorlebt.

Warum aber, fragt er, haben sogar jene arabischen Länder, die wie Ägypten und Jordanien einen Friedensvertrag mit Israel haben, solche Angst, dass ihre Leute den jüdischen Staat besuchen? Wali meint, der Stillstand der arabischen Gesellschaften hänge allein in einer Hinsicht mit Israel zusammen. Der Frieden mit dem jüdischen Staat wäre das Ende des Opiumrausches, durch den die Herrscher ihre Völker betäuben. Die tiefe Krise, das niedrige Bildungsniveau und der Flächenbrand des Islamismus folgten dem Mangel an Demokratie und der ausufernden Korruption. Die Mittelschicht löse sich auf. Tüchtige und Gebildete wandern aus. So ging es auch ihm, der seit 1980 in Deutschland lebt.

Wali zufolge wächst der echte Frieden weniger von oben, sondern mit dem Mut im Alltag zum persönlichen Treffen, durch Reisen in das „Feindesland“.

– Najem Wali: Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel. Carl Hanser Verlag, München 2009. 239 Seiten, 17,90 Euro.

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